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Was nicht in den Noten steht und trotzdem hörbar ist: Timing – ein heikles Ding!
„Dat groovt net!“

Das Metronom ist eine wertvolle Hilfe bei der Schulung des Timings. Das aufeinander hörende Spiel mit anderen Musikern in einer Band – bei dem sich im besten Fall ein cooler gemeinsamer Groove einstellt – kann es selbstverständlich nicht ersetzen.
  • Das Metronom ist eine wertvolle Hilfe bei der Schulung des Timings. Das aufeinander hörende Spiel mit anderen Musikern in einer Band – bei dem sich im besten Fall ein cooler gemeinsamer Groove einstellt – kann es selbstverständlich nicht ersetzen.
  • Foto: Tanja Weiß
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

aww - Eine Betrachtung zu einem „winzig“ kleinen Teilbereich des Themas „Zeit in der Musik“. Timing, Groove und ein paar kurze Blicke über den thematischen Tellerrand hinaus.

aww Siegen. „Dat groovt net!“ – Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, auch wenn sie manchmal ein bisschen wehtut.
Wie vermutlich viele Hobby- und Freizeit-Combos haben wir nach mehrwöchiger kreativer Pause – man könnte auch sagen: Faulheitsphase – mal wieder eine Probe anberaumt. Der erste Hopfentee ist mit Begeisterung genossen, und es geht mit Lust und Laune an die erste Nummer, einen treibenden Bluesrock. Allein: Er treibt nicht. Piano und Gitarre stochern im Beat herum, als versuchten sie miteinander zu tanzen und trampelten sich dabei unentwegt gegenseitig auf die Füße.

aww - Eine Betrachtung zu einem „winzig“ kleinen Teilbereich des Themas „Zeit in der Musik“. Timing, Groove und ein paar kurze Blicke über den thematischen Tellerrand hinaus.

aww Siegen. „Dat groovt net!“ – Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, auch wenn sie manchmal ein bisschen wehtut.
Wie vermutlich viele Hobby- und Freizeit-Combos haben wir nach mehrwöchiger kreativer Pause – man könnte auch sagen: Faulheitsphase – mal wieder eine Probe anberaumt. Der erste Hopfentee ist mit Begeisterung genossen, und es geht mit Lust und Laune an die erste Nummer, einen treibenden Bluesrock. Allein: Er treibt nicht. Piano und Gitarre stochern im Beat herum, als versuchten sie miteinander zu tanzen und trampelten sich dabei unentwegt gegenseitig auf die Füße. Die Gesangsfraktion, eigentlich gewohnt, sich genüsslich auf den „Groove“ zu setzen, umschifft die gefährlichsten Klippen nach Kräften reaktionsschnell und lässt sich irgendwie mit- und hin- und hertreiben. Dann ist der letzte Ton verklungen, man schaut ein wenig betreten im Kreise, blickt in ebenso betretene Mienen, die sich bald in einem amüsierten, gleichwohl erkenntnisschwangeren Grinsen aufhellen, bis sich einer getraut, die bösen Worte zu sagen: „Dat groovt net!“
Was sich in der hier geschilderten (fiktiven, obgleich auf jahrzehntelanger Praxiserfahrung beruhenden) kurzen Szene wie eine krachende Niederlage ausnimmt, ist selbstverständlich in Wirklichkeit halb so wild. Sondern ziemlich normal. Und man weiß ja: Es ging schon mal besser, und es wird auch wieder besser gehen. Wenn wir uns nur erst richtig aufeinander eingegroovt haben. – Also nochmal von vorn das Ganze. Schon besser! Und nochmal. Geht doch! Die Finger von Pianeur und Gitarrero, die anfangs eine recht steife Choreografie getanzt hatten, finden nach und nach den gemeinsamen Flow von einst, sind wieder mit demselben Zeitgefühl unterwegs, und der treibende Bluesrock tut auf einmal das, was er soll: treiben.

Mehr als die Frage nach Tempi und Längen

Zeit in der Musik, das ist hieraus leicht zu erkennen, ist weit mehr als die Frage nach Tempi und Längen, etwa nach Vortragsanweisungen in der sogenannten klassischen Musik von Largo über Moderato und Allegro bis Presto oder auch nach der Entscheidung, ob Albinonis/Giazottos berühmtes g-Moll-Adagio wie einst bei Karajan auf zehn Minuten gedehnt werden sollte oder ob „flotte“ runde sieben Minuten ausreichen.
Zeit in der Musik fängt vielmehr im ganz Kleinen an, beim „Timing“ – in dem Begriff steckt die Zeit bezeichnenderweise drin – jenseits von lediglich irgendwie von mehreren Leuten gleichzeitig gespielten Rhythmen, Pattern, Achteln oder Sechzehnteln. „It don’t mean a thing if it ain’t got that Swing“, heißt es im gleichnamigen Duke-Ellington-Standard. Das könnte im übertragenen Sinne, unabhängig vom Genre, auch verstanden werden als: Auf das gemeinsame „Schwingen“ der Musizierenden kommt es an. Zeit erlangt so große Bedeutung bereits im „Winzigen“, im (Mikro-)Bereich dessen, was nicht in den Noten steht und stehen kann, was das Zusammenspiel von Musikern als „tight“ (im Sinne von miteinander/beieinander) bzw. „groovend“ empfinden lässt und auszeichnet – oder eben nicht. Denn das gemeinsame Fließen kann, wie im Eingangsbeispiel zu sehen, verloren gehen, sobald die Übung fehlt, kann aber, zum Glück, auch rasch wiedergefunden werden, so denn das musikalisch-zeitliche Gespür und Empfinden der Beteiligten für einen bestimmten Stil, ein Genre, ein Stück nicht zu weit auseinander liegen.

Zusammenspiel: mit Metronom und mit anderen

Gutes Timing, also das exakte, gleichzeitig aber rhythmisch empfindsame und somit flexible Spiel, ist offenbar ein ziemlich heikles Ding und vermutlich für die überwiegende Zahl der Aktiven (insbesondere im popularmusikalischen Bereich?!) eine immerwährende Baustelle. Es geht schließlich nicht nur darum, schön synchron zu einem vollkommen unbestechlichen Metronom (oder „Click“) spielen zu können, obwohl es eine unschätzbar wertvolle Übehilfe ist, weil es eben die Genauigkeit trainiert und, als Beispiel, den Musikus daran hindert, bei schwierigen Stellen unwillkürlich das Tempo zu reduzieren.
Es geht auch darum, sich im Zusammenspiel auf andere einstellen zu können, mit ihnen zu grooven, gemeinsame Konzepte zu entwickeln, wenn auch sicher oft unterbewusst bzw. intuitiv, ob ein bestimmtes Stück in Abhängigkeit von Stil und Musikart etwa besser „nach vorne“, also etwas vor dem Beat, oder „laid back“, im positiven Sinne ganz entspannt „nach hinten“ gespielt werden soll. Und darum, dabei die kleinen, feinen Unterschiede zu erfühlen: Was klingt noch lässig, was schon schleppend? Was „mit Drive“, was gehetzt? Was „voll auf dem Beat“, was statisch? Empfindungen, die, wenn denn kein Solist zu Werke geht, in der Gruppe von jedem Einzelnen wie auch gemeinsam erfasst werden müssen. Der Musikwissenschaftler und Saxofonist Ekkehard Jost (1938–2017) gab seinen Studenten, von denen der Verfasser weiland einer sein durfte, in einem Seminar an der Gießener Uni einmal sinngemäß mit auf den Weg: Wer immer nur zu Playbacks übe (die naturgemäß ebenso unerschütterlich sind wie Metronome), werde niemals ein guter Ensemblespieler.
Selbstverständlich ist da nicht nur das Entweder-oder. Steht zum Beispiel eine Band im Tonstudio vor der Aufgabe, einen Popsong gemeinsam einzuspielen, sehen sich die Musiker mit der Herausforderung konfrontiert, nicht nur jeder für sich dem unerbittlichen Puls des Click-Tracks (Metronoms) Folge zu leisten, sondern darüber hinaus gleichzeitig ein Gefühl des Zusammenspiels zu entwickeln.
Dieser kleine, bewusst betrachtend gehaltene und sich aus der Laien-Praxis speisende Exkurs, der keinerlei Anspruch erhebt, journalistisch, wissenschaftlich, analytisch zu sein, ergo an der Oberfläche bleiben muss, vermag im besten Falle, einen schlaglichtartigen, punktuellen Eindruck von der Bedeutsamkeit des Faktors Zeit in der Musik zu vermitteln. Doch geht es hier lediglich um das auf Leadsheets und Notenblättern nicht Sichtbare, um das nur rückkoppelnd-hörend Spürbare, gewissermaßen um eine abstrakte Größe.

„Zeit in der Musik“: einige Schlaglichter

Aber wie viel mehr Platz beansprucht die Zeit für sich in der Musik, vielleicht sogar den größten, wie diese weiteren kurzen Spots ahnen lassen können:
Zeit in der Musik hat mit Freiheit und mit Enge zu tun, etwa bei der Interpretierbarkeit von Tempobezeichnungen in der E-Musik einerseits und starren Tempovorgaben (zum Beispiel Viertelnote = 120) in der U-Musik andererseits, oder beim Spiel nach Dirigat, nach Metronom oder nach Gusto der Musizierenden. So wird ein nach „Click“ gespieltes klassisches Klavierstück mit hoher Wahrscheinlichkeit mechanisch klingen, ein in Zeitdingen zu frei interpretierter Rocksong dagegen holprig. Hier spielen gewiss auch Hörgewohnheiten eine Rolle.
Zeit hat ferner mit Entwicklung in der Horizontalen zu tun (Melodie, Takt- und Rhythmuswechsel, Agogik, Accelerando, Ritardando …). Sie hat mit Entwicklung im vertikal-horizontalen Zusammenhang zu tun (Spannungsaufbau und -abbau über Harmoniefolgen …), und sie hat mit Entwicklung im Ausdruck zu tun (dynamische Variation, Crescendo/Decrescendo …).
Zeit in der Musik hat beispielsweise auch zu tun mit Spieldauern, die Ergebnis sein können von persönlichen Empfindungen (s. Albinoni-Adagio oben), von technischen Erfordernissen (Schallplatte) oder formatbedingten Vorgaben (Radio).
Nicht zuletzt hat sie auch etwas zu tun mit „sich Zeit lassen“: Jeder, der ein spannungsreiches Blues-Solo zu schätzen gelernt hat, weiß um den Wert der Pause und darum, wie wichtig es sein kann, die Musik einfach mal atmen zu lassen.
Dass Zeit freilich auch Musikgeschichte beinhaltet, zeigen gut gefüllte Bibliotheken und ungezählte Bücher. Das eine oder andere davon zu lesen, könnte wertvoll sein – wenn denn die Arbeit am eigenen Timing genügend Zeit dafür lässt.

Autor:

Alexander W. Weiß (Redakteur) aus Siegen

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