VMB-Kreisverbandsvorsitzender Daniel Krecklow redet Klartext
Der Blasmusik geht die Luft aus

Umzüge mit Gastvereinen und Musikkapellen – im Bild der Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Olpe mit Dirigent Andreas Reuber beim Jubiläumsschützenfest der St.-Matthäus-Schützen Rüblinghausen im Jahr 2018 – hat Corona zum Erliegen gebracht. Der Übungs- und Spielbetrieb musiktreibender Vereine ist ins Stocken geraten.
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  • Umzüge mit Gastvereinen und Musikkapellen – im Bild der Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Olpe mit Dirigent Andreas Reuber beim Jubiläumsschützenfest der St.-Matthäus-Schützen Rüblinghausen im Jahr 2018 – hat Corona zum Erliegen gebracht. Der Übungs- und Spielbetrieb musiktreibender Vereine ist ins Stocken geraten.
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ph Siegen. Der Übungsbetrieb liegt mehr oder weniger auf Eis. Auftritte sind verboten. Einnahmen brechen weg. Mitglieder ziehen sich zurück. Corona hat Musik- und Spielmannszügen die Flötentöne beigebracht und zugleich Geselligkeit und Freizeitspaß in die Ecke gedrängt. Auf der Vogelwiese sitzt der Hans – und schiebt Frust ohne Ende. Droht der Blasmusik die Puste auszugehen, wenn sie nicht bald wieder auf die Pauke hauen kann?

„Die Situation“, bringt es Daniel Krecklow (32) auf den Punkt, „ist echt nicht schön.“ Zumal momentan noch keine aufmunternden Perspektiven erkennbar seien. Das letzte Halali ist zwar noch nicht erklungen, aber die Zeiten sind zurzeit alles andere als rosig. Zugleich spricht der Kreisverbandsvorsitzende Siegen-Wittgenstein im Volksmusikerbund NRW (VMB) den Vereinen Mut zu. Der SZ stand der Netphen-Salchendorfer Rede und Antwort.

Die Konferenz der Landesmusikräte hat an die Landesregierungen appelliert, baldmöglichst ihre Amateurmusikgruppen und -vereine wieder proben und auftreten zu lassen. Können Sie bzw. Ihr Verband sich dem anschließen?
Der Volksmusikerbund NRW ist im Landesmusikrat vertreten und hat die Forderungen unterstützt. Mit Hygienekonzepten, die die Vereine erstellt haben, und mit Absprache des zuständigen Ordnungsamtes ist dies mit Sicherheit auch möglich.

Wie lief der Probenbetrieb – wenn überhaupt – in den vergangenen Monaten ab?
Solange noch im Herbst die letzten Sonnenstrahlen vorhanden waren, haben viele Vereine sich im eigenen Dorf draußen getroffen, um für sich, aber auch die Menschen Musik zu machen. Von Proben kann leider seit Corona keine Rede mehr sein. Das ist eher ein „wir treffen uns, damit wir einfach Musik machen“. Seit es dann ungemütlich draußen geworden ist, war auch dies nicht mehr möglich.

Spielbetrieb und Auftritte kamen 2020 mehr oder weniger zum Erliegen. Welche Auswirkungen hat so etwas auf das Vereinsleben – auch finanziell?
Als wichtigsten Punkt ist hier das Vereinsleben, das Miteinander zu nennen. Musik ist eine Gemeinschaft im eigenen Verein, aber auch unter den Vereinen herrscht viel Freundschaft. Dies tendiert gegen Null, da Treffen einfach nicht oder nur schwer möglich sind. Aber auch finanziell ist es bei einigen Vereinen eine Herausforderung. Laufende Kosten – wie Proberaum-Miete, Dirigenten-Honorar, Versicherungsbeiträge, Social-Media-Gebühren (wie Homepage oder Serverkosten), Leasingverträge verschiedener Instrumente, aber auch Wartung der Instrumente – fallen trotzdem an. Ausbildungskosten für den wichtigen Nachwuchs kann man eventuell durch Aussetzen von Unterricht steuern, fallen aber gerade bei Vereinen, die sehr viel auf Jugend setzen, auch jeden Monat an.

Diagnose „Tubakulose“: Bernd Hoffmann, 1. Vorsitzender des Musikvereins Müsen, bläst sich den Frust aus der Lunge und hofft auf eine baldige Wiederaufnahme des gemeinsamen Spielbetriebs.
  • Diagnose „Tubakulose“: Bernd Hoffmann, 1. Vorsitzender des Musikvereins Müsen, bläst sich den Frust aus der Lunge und hofft auf eine baldige Wiederaufnahme des gemeinsamen Spielbetriebs.
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Wie sehen Sie die Folgen und Auswirkungen, wenn im bevorstehenden Frühjahr/Sommer Corona erneut Feste und eigene Konzerte zunichte macht?
Die Motivation unter den Musikern sinkt immer weiter. Zum Beispiel möchte ich auf zwei Jubiläen eingehen. Die Musikkapelle Salchendorf hatte sich über Jahre auf ihren 100. Geburtstag vorbereitet. Alle Feste waren geplant, alle befreundeten Vereine eingeladen. Ein Kreismusikfest, wurde zusammen mit uns als Kreisverband ins Leben gerufen. Dies hätte alles 2020 stattfinden sollen. Aber genau wie das Jubiläum der Musikkapelle Walpersdorf, die in diesem Jahr ihr 100-Jähriges feiern wollte, musste alles abgesagt werden – bzw. ist man im Ungewissen, was passiert.
Viele Vereine müssen erstmal wieder gemeinsam musizieren lernen. Gemeinsam Musik machen. Dies kann bei kleineren Festen stattfinden. Aber ein dreitägiges Schützenfest beispielsweise wird erstmal schwer musikalisch zu begleiten sein. Die meisten Frühjahrskonzerte der Vereine wurden bereits abgesagt, da eine Probenzeit von normalerweise drei bis fünf Monaten eingeplant ist. Wie lange die Vorbereitungszeit nach Corona sein wird, kann man nicht abschätzen. Aber auch die Zuhörer werden dann merken, was Live-Musik bei einem Fest ausmacht. Für viele ist es selbstverständlich, dass die Kapelle oder der Spielmannszug aus dem eigenen Ort spielt. Ein traditionelles Fest ist nicht mehr dasselbe, wenn aus der Musikbox Blasmusik ertönt.

Sind Ihnen Mitgliederschwünde infolge der Pandemie bekannt bzw. sehen Sie manche Musikvereine, Blasorchester, Spielmanns- und Fanfarenzüge etc. eventuell gar in deren Bestand gefährdet?
Ein definitives Ja. Denn im Erwachsenenbereich gibt es bereits Musikerinnen und Musiker, die mit ihrer neugewonnenen Freizeit andere Dinge für sich entdeckt und der Musik den Rücken gekehrt haben. Aber viel wichtiger sehe ich das Thema Jugend. Wie zuvor beschrieben, ist Musik ein Miteinander. Nur zu Hause im Kämmerchen mit dem Instrument zu spielen, stellt die meisten Kinder nicht zufrieden. Da verliert man schnell Lust an diesem schönen Hobby. Deshalb ist unsere Befürchtung, dass es in diesem Bereich Einbrüche geben wird, die man sehr schwer auffangen kann.

Daniel Krecklow redet Klartext.
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Glauben Sie, dass nach einem Abflauen der Pandemie der Konzert- und Festbetrieb wieder genauso laufen wird wie vorher, oder was erwarten Sie diesbezüglich?
Da kann man nicht in die Zukunft schauen. Direkt nach der Pandemie wird es mit Sicherheit andere Auflagen geben zum Ausführen von Festen. Aber wie die aussehen, kann, denke ich, zurzeit keiner abschätzen.
Was wir Musiker wollen, ist Musik für uns und die Menschen zu machen. Wenn dies mit Hygienekonzepten oder ähnlichem passieren kann, dann werden wir das gemeinsam alles schaffen.

Aus dem Takt geraten Ein doppelter Beinbruch erfordert eine intensivere Behandlung als die Schramme am Knie. Statt OP und Gipsverband genügen für Letztere in der Regel ein Pflaster und ein tröstendes Wort: „Das wird schon wieder.“ Ungeachtet dessen können auch kleine Wunden längerwährende Schmerzen verursachen. Ein linderndes Trostpflaster wünscht sich in diesen Zeiten sicher so mancher Amateurverein, der ohne Profitstreben Menschen Kurzweil und dem Nachwuchs sinnvolle Freizeit-Perspektiven bietet. Natürlich erregen Riesen-Events wie Stadionkonzerte oder Festivals weitaus mehr öffentliche Aufmerksamkeit als das Bläserquintett am Ehrenmal. Doch wenn es stumm bleibt unterm Maibaum, spürt man eine ungewohnte Stille. Vormals geradezu selbstverständliche Alltags-Unterbrechungen sind es oftmals, die viele in diesen wirren Viren-Zeiten schmerzlich vermissen: den Musikverein beim Platzkonzert, das Tambourkorps beim Ständchen, den Kirchenchor beim Festgottesdienst oder auch die Hobbyband im Biergarten. Das hochprofessionelle Mega-Open-Air gönnt man sich vielleicht ein-, zweimal im „Normaljahr“. Blas-, „Knüppel-“, Chor- und Popmusik gibt’s häufig vor Ort – nicht selten zum Nulltarif oder gegen einen geringen Obolus. Bleibt zu hoffen, dass beim Kurieren der unzähligen Pandemie-Wunden die kleinen Corona-Schrammen nicht unbehandelt bleiben und sich das aus dem Takt geratene Vereinswesen baldmöglichst erholt.
Autor:

Peter Helmes (Redakteur) aus Siegen

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