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Gespräch mit Kreativkopf Fynn Kliemann über das Thema Zeit
Der Unruheherd

Fynn Kliemann: „Ich kann nicht schlafen.“

dach Siegen/Rüspel. Wo anfangen? Und noch schwieriger: Wo aufhören? Fynn Kliemann zu fassen zu bekommen, zu verorten, ihn auf irgendwas festzunageln: so gut wie unmöglich. Im Netz ist er bekannt wie ein bunter Hund, gehört zur Öffentlichkeit der Generation Instagram wie Heinz Erhardt zur Nachkriegszeit oder Mantawitze zu den 90ern.

Bekannt geworden ist er mit seinen Filmchen, meist übers Heimwerken. Dabei schwingt stets ein professioneller Dilettantismus mit. Einfach machen, lautet die Devise. Kleine Missgeschicke und loses Mundwerk eingefasst von schnellen Schnitten. Das Öffentlich-Rechtliche wurde auf ihn aufmerksam, Kliemann zum Zugpferd dessen Digital-Plattform Funk.

Er lebt auf einem ehemaligen Reiterhof in der niedersächsischen Provinz, „Kliemannsland“ getauft.

dach Siegen/Rüspel. Wo anfangen? Und noch schwieriger: Wo aufhören? Fynn Kliemann zu fassen zu bekommen, zu verorten, ihn auf irgendwas festzunageln: so gut wie unmöglich. Im Netz ist er bekannt wie ein bunter Hund, gehört zur Öffentlichkeit der Generation Instagram wie Heinz Erhardt zur Nachkriegszeit oder Mantawitze zu den 90ern.

Bekannt geworden ist er mit seinen Filmchen, meist übers Heimwerken. Dabei schwingt stets ein professioneller Dilettantismus mit. Einfach machen, lautet die Devise. Kleine Missgeschicke und loses Mundwerk eingefasst von schnellen Schnitten. Das Öffentlich-Rechtliche wurde auf ihn aufmerksam, Kliemann zum Zugpferd dessen Digital-Plattform Funk.

Er lebt auf einem ehemaligen Reiterhof in der niedersächsischen Provinz, „Kliemannsland“ getauft. Hier, im Örtchen Rüspel, zwischen Hamburg und Bremen, machte er mit seinem Team das, womit er die Inhalte seiner Clips füllt: bauen, basteln, Projekte halt. Eine „gigantische Spielwiese“, wie es in der Eigenbeschreibung heißt. Darüber hinaus ist er Inhaber einer Werbeagentur, hat ein eigenes Musiklabel, eine Videoproduktionsfirma, lässt T-Shirts und Pullis für Bands (und eigenes Merchandise) in Portugal fertigen, führt ein Café auf seinem Hof, hat sich gemeinsam mit Musiker Olli Schulz das Hausboot des verstorbenen Gunter Gabriel ans Bein gebunden – und, und, und. Also im Interview erstmal rantasten, über die Definition der vielen „Berufe“.

Ist Youtuber ein Begriff, mit dem du dich anfreunden kannst?

Ach Gott, ja… Ich mach’ Videos, völlig plattformunabhängig, auch auf Youtube. Nenn mich, wie du’s willst.

Du bist Musiker, auch Entertainer? Oder fühlst du dich nicht so?

Nee, ich fühl mich überhaupt nicht so. Ich bin aber auch kein Musiker. Ich bin interessiert, an allen möglichen Dingen. In meinem eigentlichen Leben bin ich nun mal Webdesigner. Aber gleichzeitig gründe ich halt alle zwei, drei Wochen eine neue Firma für irgendwas und dann bin ich das auch immer in den Augen aller Menschen drum herum. Ich verkauf’ Antiquitäten, aber deswegen hab‘ ich davon keine Ahnung.

Keine Ahnung: Das scheint das Prinzip Kliemann zu sein. Zumindest zu Anfang. Am Ende kommt dabei dann ein hochgelobtes Pop-Album heraus oder etwa ein Kanal mit knapp 100 Millionen Videoaufrufen. Auf jeden Fall etwas Erfolgreiches.

So lief es auch mit dem „Kliemannsland“. Es hat sich binnen kurzer Zeit zu einem Zentrum für kreative Köpfe gemausert. Zehntausende haben eine virtuelle Bürgerschaft angenommen. Kommune – dieses Schlagwort hört Fynn Kliemann nicht gerne. Das klingt ihm zu sehr nach Hippietum. Und den Begriff Utopie findet er als Beschreibung auch eher schief. Es gebe den Hof ja schließlich wirklich. Aber ist es ein Ort, um das Leben und den Müßiggang so richtig zu genießen? Mal nachfragen:

Wann hast du zuletzt einfach so Zeit verstreichen lassen?

Keine Ahnung. Da kann ich mich wirklich nicht mehr dran erinnern. Vor neun Jahren hab’ ich mich selbstständig gemacht. Vorher hatte ich auch schon fünf Jobs gleichzeitig, aber seitdem arbeite ich wirklich straight. Und alles, was ich tue, hat irgendeinen Grund.

Gibt es irgendwas, für das du Zeit aufbringen musst, das du aber eigentlich hasst?

Naja, mein Leben besteht eigentlich so primär aus dem Lösen von Problemen, egal in welchem Bereich. Und das würde ich am liebsten nicht tun, aber das muss ich halt nun mal machen. So richtig festnageln kannst du es nicht. Es sind einfach jeden Tag neue unerwartete Probleme, die gelöst werden müssen.

Kliemann eifert offenbar einem völlig freien Lebensentwurf nach. Sieht nach Selbstbestimmung in Reinkultur aus. Und was ist die Kehrseite der Medaille? Niemals zur Ruhe kommen, immer unter Strom sein?

Gibt es für dich Kategorien wie Arbeitszeit und Freizeit oder ist das alles verschwommen?

Das verschwimmt schon sehr stark. Arbeitszeit ist für mich die Zeit, die ich im Büro bin. Aber die restliche Zeit arbeite ich ja irgendwie auch oder mach’ manchmal Dinge, für die ich bezahlt werde. Das ist dann vielleicht ja irgendwie auch Arbeitszeit. Von daher kannst du das schon lange gar nicht mehr trennen. Wann ist der Arbeitstag vorbei? Also acht Stunden hat der auf jeden Fall nie. Das geht immer ziemlich krass lange bis in die Morgenstunden – und das jeden Tag, natürlich auch am Samstag und Sonntag. Ich mein’, guck mal: Wenn du dafür bezahlt wirst, dass du eine Idee hast, und die kommt halt irgendwann, dann müsstest du ja vorher kurz auf Start drücken und danach auf Stopp, damit du tracken kannst, wie lange du daran gearbeitet hast. [überlegt] Ja, also Arbeitszeiten gibt’s nicht. Auch das löst sich relativ flott mit der Selbstständigkeit auf, glaub’ ich.

Tausendsassa ist vielleicht eine Formulierung, die man am ehesten über den 31-Jährigen stülpen könnte, oder: Hansdampf in allen Gassen. Unruheherd. „Ich geh’ erst ins Bett, wenn ich nicht mehr stehen kann“, hat er mal in einem anderem Interview gesagt.

Hast du keine Lust oder einfach keine Zeit zu schlafen?

Ich kann nicht schlafen. Ich geh’ ins Bett, aber wenn ich noch ein bisschen Restenergie hab’, zwingt die mich dazu, wieder aufzustehen. Also muss ich alles verbrauchen, bevor ich schlafen kann bzw. ich muss richtig große Ziele erreicht haben. Wenn ich das geschafft hab‘, dass man sagt „ohhh, jetzt is’ aber richtig krass“, dann kann man auch ins Bett. Aber das passiert nicht so oft.

In seinen Clips stellt sich Fynn Kliemann oftmals als der coole Kumpel dar, immer schlagfertig, immer selbstironisch. Die Klamotten so ausgewählt, dass sie nicht ausgewählt aussehen. So ein bisschen wie ein junger Jürgen Klopp, der gerade aus einer H&M-Werbung gepurzelt ist. Ist das aufgesetzt? Im Gespräch wirkt er zumindest sehr reflektiert.

Im Musikvideo zu deinem Song „Zuhause“ tätowierst du 43 Freunden Textzeilen ein. Hast du überhaupt Zeit für so viele Freunde?

Es kommt immer drauf an, was eine Freundschaft ist, und wie viel Zeit man da investiert. Ich weiß, dass ich alle meine Freunde vernachlässige, auch Familienmitglieder, meine Brüder, meine Freundin. Die sind leider Gottes immer irgendeiner neuen Idee untergeordnet. Das gilt halt auch für Freunde. Trotzdem mag ich diese Menschen. Die müssen aber schon sehr geduldig sein. Ich häng‘ halt viel mehr mit den Leuten rum, mit denen – das klingt immer so hart – mit denen ich gerade irgendwas mache, für irgendwas, was wir tun müssen oder wollen. Ich arbeite ja aber auch nur mit Kumpels zusammen.

Dennoch, bei allem Spaß, ist in den einzelnen Projekten immer auch Zug drin. Zum Beispiel werde es im „Kliemannsland“ niemals einen Skatepark geben, hat er auf eine Frage einer Journalistenkollegin mal geantwortet. „Weil dann alle nur noch kiffen und keiner mehr arbeitet.“

Das ist offenbar nicht die Art und Weise, wie du deine Zeit verbringen möchtest …

Ich glaube, das kann auch mal notwendig sein, dass man mal in den Skatepark fährt. Wenn du das Gefühl hast: Jetzt brauch’ ich ’ne Pause. Aber das, was mein Leben ausmacht, ist schon irgendwie was schaffen. Und wenn du dir da unnötige Ablenkungen ins Haus holst, die dich die ganze Zeit teasen, deine Zeit – in Anführungsstrichen – zu verschwenden, tja … Früher war das mein Leben, deswegen war ich auf der Welt, hab’ ich immer gedacht: skaten und irgendwie Scheiße bauen mit Freunden. Und heute hat sich das gewandelt. Heute glaube ich, bin ich hier aus irgendeinem anderen Grund, den ich noch nicht so richtig definieren kann. Aber auf jeden Fall muss ich erstmal das hier fertig machen, und kann jetzt nicht in‘ Park fahren. Wenn du dir so eine Ablenkung ins Haus holst, dann wunder dich nicht, dass sie auch genutzt wird. Und wenn es sie nicht gibt, packen halt alle mit an.

Anpacken, im physischen wie im übertragenen Sinn, scheint genau Fynn Kliemanns Ding zu sein. Still sitzen eher nicht. Dabei ist ihm durchaus bewusst, dass Zeit eine endliche Ressource ist. Zumindest für einen Menschen.

Hast du Sorge, dass du für irgendetwas nicht genügend Zeit hast?

Ja ja, natürlich, jeden Tag. Das ist mein größtes Leiden im Leben. Ich hab’ sehr viel Spaß und bin sehr glücklich mit der Situation und allem drum und dran. Aber das ist eine kontinuierliche Angst und vor allem ein kontinuierliches Problem. Ich hab’ sogar nicht nur Angst davor, sondern ich hab’ auch wirklich für alles zu wenig Zeit. Alles wäre viel größer, alles wäre viel erfolgreicher, alles wäre viel schneller da, wo ich es gerne hätte, wenn ich mehr Zeit hätte, sie in die jeweilige Idee zu investieren.

Und kannst du dir grob vorstellen, wie du die nächsten 31 Jahre deines Lebens verbringen wirst?

Nee, ich weiß noch nicht mal, was ich in der nächsten Woche mache. Zukunftsmanagement gibt’s nicht so richtig.

Autor:

Achim Dörner (Redakteur) aus Betzdorf

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