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Deutsches Theater Berlin im Apollo
"Der zerbrochene Krug" oder Wie man subtil das Patriarchat kritisiert

Teil der Mehrheitsgesellschaft: Trotz Anschuldigung bleibt Richter Adam (Ulrich Matthes) selbstbewusst.
  • Teil der Mehrheitsgesellschaft: Trotz Anschuldigung bleibt Richter Adam (Ulrich Matthes) selbstbewusst.
  • Foto: Timo Kalbitzer
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

tik Siegen. „Der zerbrochene Krug“ ist ein Stück über Missbrauch. Nicht nur der offensichtliche sexuelle Missbrauch, sondern auch der Missbrauch von Macht. Kleists Werk zeigt, wie einfach es einem Täter gemacht wird, seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen, auch wenn er in diesem Fall nicht davonkommt. Schon deshalb ist „Der zerbrochene Krug“ von ungemeiner Aktualität, da Gewalt gegen Frauen zunehmend als strukturelles Problem begriffen wird. Im Rahmen der „Fiennale“ zum Abschied des Intendanten Magnus Reitschuster spielte am Samstagabend das Deutsche Theater Berlin das Stück auf der Bühne des Siegener Apollo-Theaters.
Wenn Männer Frauen "besitzen" wollenDass Vergewaltigung in der Ehe erst 1997 strafbar wurde, mag dem ein oder anderen noch geläufig sein.

tik Siegen. „Der zerbrochene Krug“ ist ein Stück über Missbrauch. Nicht nur der offensichtliche sexuelle Missbrauch, sondern auch der Missbrauch von Macht. Kleists Werk zeigt, wie einfach es einem Täter gemacht wird, seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen, auch wenn er in diesem Fall nicht davonkommt. Schon deshalb ist „Der zerbrochene Krug“ von ungemeiner Aktualität, da Gewalt gegen Frauen zunehmend als strukturelles Problem begriffen wird. Im Rahmen der „Fiennale“ zum Abschied des Intendanten Magnus Reitschuster spielte am Samstagabend das Deutsche Theater Berlin das Stück auf der Bühne des Siegener Apollo-Theaters.

Wenn Männer Frauen "besitzen" wollen

Dass Vergewaltigung in der Ehe erst 1997 strafbar wurde, mag dem ein oder anderen noch geläufig sein. Unbekannter, aber fast noch aussagekräftiger ist eine Leitentscheidung des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 2008 von enormer juristischer Bedeutung. Ein Mann tötete seine Ex-Partnerin. Der BGH jedoch entschied sich gegen Mord. Das Bundesgericht führte aus, dass es am Mordmerkmal der niedrigen Beweggründe fehle: „Wenn die Trennung von dem Tatopfer ausgeht und der Angeklagte sich durch die Tat dessen beraubt, was er eigentlich nicht verlieren will.“ Diese Begründung, so Kritiker, bewirke eine Schuldzuweisung hin zum Opfer und fördere den Besitzgedanken von Männern gegenüber Frauen. Letztere Unterscheidung ist angebracht. Laut Statistik des BKA sind mehr als 75 Prozent der Opfer einer solchen Tötung weiblich.

Bemerkenswert: Anna Lenk lässt trotzdem lachen

Gründe genug hätte es also gegeben, Kleists Stück einer radikalen Änderung zu unterziehen, es auf den rohen und dreckigen Kern zu reduzieren, der den Missbrauch ausmacht, und es zu einer direkten und brutalen, in diesem Fall buchstäblichen Anklagebank gegen Femizid und patriarchale Strukturen zu machen. Doch dies tat die Inszenierung nicht. Zumindest nicht vordergründig. Das Stück von Regisseurin Anna Lenk ist aus anderem Grund bemerkenswert: Es darf trotzdem gelacht werden.
„Der zerbrochene Krug“ bleibt in vielen Teilen klassisch und behält so seinen urkomischen Charakter. Ungemein witzig Ulrich Matthes als Dorfrichter Adam, der sich mit seinen sprachlichen Ergüssen immer weiter in die Bredouille bringt, oder Franziska Machens als Frau Marthe Rull mit ihrem leidenschaftlichen Nachruf auf den Krug, dessen sterbliche Überreste in einer Tupperware-Schüssel die letzte Ruhe gefunden haben.

Mit Ulrich Matthes als arroganter Dorfrichter Adam

Doch die schauspielerische Leistung besteht nicht nur im Humor. Vielmehr gelingt es dem Ensemble in großartiger Weise, die Gratwanderung zwischen Komik und Drama umzusetzen. Ulrich Matthes fläzt sich als Dorfrichter Adam in seinem Stuhl, die Arme lässig auf der Lehne ruhend, mit weit auseinandergestreckten Beinen. Während auf der einen Seite sein Lügenkonstrukt immer weiter zusammenfällt, strahlt seine Körpersprache weiter vor allem Arroganz und Selbstsicherheit aus. Als Mann mit Autorität kann er sich schließlich sicher fühlen.

Lisa Hrdina emanzipiert sich als Eve

Ganz anders die Rolle der Eve. „Doch was sie sagt, das glaubt man nicht“, schleudert ihr der Richter schamlos entgegen. Lisa Hrdina, spielt die Eve, zunächst schüchtern, zusammengesunken ganz am Rand der Bühne. Wer sie beobachtet, bekommt das Gefühl, dort sitzt ein Mädchen, dem sich gerade der Magen umdreht und das sich beim Wiedersehen mit Dorfrichter Adam am liebsten übergeben würde. Doch dabei bleibt es nicht, am Ende erzählt sie ihre Geschichte, selbstbewusst mit fester Stimme. Sie bleibt nicht sitzen, steigt über die Stühle, widersetzt sich Konventionen.

Den Krug von den Herero geklaut

Es war ein Abend voller subtiler Anspielungen. Ungleiche Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau zeigen sich anhand kleiner Gesten und der Körpersprache. Beiläufig erwähnt wird auch noch, dass der Krug aus Namibia, vom Volk der Herero, geklaut wurde.

Privileg der Kunst: Sie kann leise sein

Doch nur, weil Gesellschaftskritik subtil ist, muss sie nicht gleichzeitig leise sein. Das Stück zeigt eindrucksvoll eines der besonderen Privilegien der Kunst. Sie kann den Finger in die Wunde legen, kann protestieren und Ungerechtigkeiten offenlegen, ohne dabei laut skandieren zu müssen oder gar zu schreien. Das hat noch einen weiteren Vorteil, es entsteht ein viel realeres Bild, da wie im richtigen Leben Platz bleibt für Nuancen, Zwischentöne und auch Widersprüche. In diesem Fall bleibt trotz aller Brutalität des Stücks noch Platz für Humor.

Autor:

Redaktion Kultur

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