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Kirsten Boie im Werkstattgespräch:
Die Welt verstehen und aushalten lernen

Kinder- und Jugendbuchautorin Kirsten Boie las aus ihren jüngsten Büchern und gab einen Einblick in ihr Denken und ihre Arbeitsweise.
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pebe Siegen. „Generell hilft uns die Literatur, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen und auch mit einzelnen Themen.“ Kirsten Boie, Kinder- und Jugendbuchautorin aus Hamburg, hielt am Dienstagnachmittag diese einfache wie tiefgründige Aussage für die rund 40 Studierenden bereit, die sich mit ihr am Obergraben in Siegen zu einem „Werkstattgespräch“ trafen. Eingeladen hatte Literaturwissenschaftlerin Dr. Jana Mikota vom Fach Germanistik der Uni Siegen, die mit der Autorin schon häufiger zusammengearbeitet hat.
Was hat die Geschichte mit uns zu tun?

pebe Siegen. „Generell hilft uns die Literatur, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen und auch mit einzelnen Themen.“ Kirsten Boie, Kinder- und Jugendbuchautorin aus Hamburg, hielt am Dienstagnachmittag diese einfache wie tiefgründige Aussage für die rund 40 Studierenden bereit, die sich mit ihr am Obergraben in Siegen zu einem „Werkstattgespräch“ trafen. Eingeladen hatte Literaturwissenschaftlerin Dr. Jana Mikota vom Fach Germanistik der Uni Siegen, die mit der Autorin schon häufiger zusammengearbeitet hat.

Was hat die Geschichte mit uns zu tun?

Im Mittelpunkt des Werkstattgesprächs standen die beiden jüngsten Werke der Hamburger Autorin: „Dunkelnacht“ (2020) und „Heul doch nicht, du lebst ja noch“, (2022) – politische Bücher, ohne Jugendliche damit zu überlasten, aber mit dem Anspruch zu erzählen, was am Ende des Zweiten Weltkriegs und in der ersten Zeit danach in Deutschland geschah und was es mit uns heute zu tun hat. Die Novelle „Dunkelnacht“ dreht sich um die furchtbaren Wehrmachtmorde in dem bayrischen Städtchen Penzberg im Angesicht des Kriegsendes. „Heul doch nicht, du lebst ja noch“ erzählt die Schicksale des jüdischen Jungen Jakob, der versteckt das Morden überlebt und unmittelbar nach Kriegsende den nicht-jüdischen, gleichaltrigen Hermann trifft, der mit dem Zusammenbruch des bisher für wahr Gehaltenen nur schwer zurecht kommt. Beide sind durch den Schrecken des Kriegs und die Wahnsinn  des Nazi-Regimes irritierend miteinander verbunden.

Bücher wirken auf Jugendliche

Es sei fast zynisch, bemerkte die Autorin nachdenklich, dass gerade das jüngste Buch, kurz vor dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine erschienen, in diesem politischen Zusammenhang rezipiert werde. „Ohne den Ukraine-Krieg wäre es vielleicht nicht auf der Bestseller-Liste“, so Boie betroffen. „Aber“, setzte sie nach, „das Buch kann Jugendlichen helfen zu verstehen, was ein solcher Krieg bewirkt.“ Zugleich könne es auch dazu beitragen, die Sensibilität für Flüchtlinge und ihre Schicksale zu vertiefen. Insgesamt sei sie davon angetan, dass ihre Bücher in dieser Zeit Jugendliche zum Nachdenken und Stellungnehmen brächten.

"Wie erzählt man heute über diese Zeit?"

„Haben wir nicht schon genug Bücher über die NS-Zeit?“, fragte Jana Mikota rhetorisch (die Antwort kann nur „Nein“ lauten). Außerdem sei zu fragen, wie sich der Blick auf diese Zeit verändere, fügte sie an und nannte als Beispiele für die Thematisierung der NS-Zeit und der Nachkriegszeit die Bücher „Monis Jahr“ (2003) und „Ringel, Rangel, Rosen“ (2010) „Wie erzählt man heute über diese Zeit für Jugendliche?“,fragte Mikota. „Der ganze Blick heute ist anders“, antwortete die 1950 geborene Autorin. Bei der Präsentation von „Monis Jahr“ beispielsweise habe sie noch ein ungutes Gefühl gehabt, weil sie von Deutschen erzählte, die unter den Kriegsfolgen litten. Die heutige Generation schaue nicht mehr direkt biografisch betroffen auf diese Zeit – oft werde der historische Kontakt über die Großeltern hergestellt, vielleicht sei es sogar schon die Zeit der Urgroßeltern.

"Man konnte nicht mehr weggucken"

Boie erinnerte daran, wie schwierig und schmerzhaft der Weg in den 50er- und 60-er-Jahren gewesen sei, die deutsche Kriegsschuld in den Blick zu nehmen. „Von der Shoa erfuhr ich, als ich elf war“, vordringlich sei die Schilderung eigener Not, eigenen Hungers und Leids gewesen. Das habe sich erst mit dem Jerusalemer Eichmann-Prozess (1961) und dem ersten Auschwitz-Prozess (ab 1963) geändert. „Da konnte man nicht mehr weggucken, das Narrativ drehte sich um 180 Grad.“ Heute, meinte sie dann, könne man „über beides reden“, und das sei im Gespräch mit Jugendlichen, die nach rechts abzudriften drohten, sehr wichtig.

Sensible und klare Sprache

Boies Sprache ist ebenso klar wie sensibel, sie schafft es, emotional vielschichtigen Dynamiken in beinahe schlichten Sätzen eine ungeheure Dichte zu geben. Das zeigte sich auch in bewegenden Lesungen aus den beiden thematisierten Büchern. Die anschließende Fragerunde zeigte, wie es der Autorin darum geht, das bis heute nachwirkende Gefüge von Ideologien aufzudecken: So sind eben nach dem Krieg die Frauen die „Macherinnen“, denen aber die völlige Teilhabe an der gesellschaftlichen Realität beim „Wiederauftauchen“ der Männer abgesprochen wird – mit einer Menschensicht, die sich aus bürgerlichen wie Nazi-Vorstellungen speist. Zugleich werden die Männer als gebrochene Existenzen gezeigt, die an dem, was sie sein sollten und nicht waren, zerbrachen.
Bereitwillig beantwortete Kirsten Boie auch Fragen zu ihrer Arbeitsweise, zum Aufbau der Geschichten, zu Recherchen und dem Einsatz biografischen Wissens und einer früh erlebten „oral history“ im Bekannten- und Verwandtenkreis.

Dekonstruktion von Heldenvorstellungen

Auf die Frage, was ihr Motiv sei, diese Geschichten Kindern „anzutun“, meinte sie, die beiden zitierten Bücher seien für Jugendliche gedacht, und diese seien begierig danach, sich in der Welt zu orientieren. Dazu brauche es kein Happy End, und gerade im Umgang mit rechtsgerichteten Jugendlichen sei es für die Dekonstruktion von Heldenvorstellungen nötig, davon zu erzählen, dass diese katastrophalen Abbruchzeiten auch für solche Jugendlichen „nicht gut“ gewesen wären.

Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

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