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Andrea Freiberg entdeckt in Rom die Malerei wieder
„Die Wirklichkeit neu denken“

Andrea Freiberg, die Vorsitzende des Kunstvereins Siegen, lebt und arbeitet derzeit in Rom.
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  • Andrea Freiberg, die Vorsitzende des Kunstvereins Siegen, lebt und arbeitet derzeit in Rom.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

pebe Siegen/Rom. Zehn Monate lang lebte die Siegener Künstlerin Andrea Freiberg 2019/20 zusammen mit ihrem Partner, dem Schriftsteller Peter Wawerzinek, in der Villa Massimo (eine bekannte bundesdeutsche Einrichtung zur Künstlerförderung) in Rom, freiwillig zwar und mit einem Stipendium für Wawerzinek, aber trotzdem „festgetackert“ im ersten Lockdown. Doch die „Ewige Stadt“ am Tiber wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht auch Andrea Freiberg in ihren Bann gezogen hätte. Seit Oktober ist sie, Corona zum Trotz und „ausgerüstet“ mit einem Arbeitsstipendium des NRW-Kulturministeriums, wieder in Rom. Diesmal in Trastevere, dem trendigen Künstlerviertel.

pebe Siegen/Rom. Zehn Monate lang lebte die Siegener Künstlerin Andrea Freiberg 2019/20 zusammen mit ihrem Partner, dem Schriftsteller Peter Wawerzinek, in der Villa Massimo (eine bekannte bundesdeutsche Einrichtung zur Künstlerförderung) in Rom, freiwillig zwar und mit einem Stipendium für Wawerzinek, aber trotzdem „festgetackert“ im ersten Lockdown. Doch die „Ewige Stadt“ am Tiber wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht auch Andrea Freiberg in ihren Bann gezogen hätte. Seit Oktober ist sie, Corona zum Trotz und „ausgerüstet“ mit einem Arbeitsstipendium des NRW-Kulturministeriums, wieder in Rom. Diesmal in Trastevere, dem trendigen Künstlerviertel.

Und sie stürzt sich in die Arbeit, hat zum Beispiel eine erste Installation, eine Raumcollage, aus ihrem Projekt „Jeder Tag ist eine Trophäe“ in der „Open-Studios“-Ausstellung der Villa Massimo präsentiert, wie sie in einem Gruß aus Rom mitteilt. Und sie ist weiter unterwegs und findet Abgelegtes, Weggeworfenes – ihre Faszination für Fundstücke, deren Verfremdung und Neuanordnung ließ im Süden nicht nach. Und: Sie habe für sich die gegenständliche Malerei neu entdeckt, schreibt sie. All dies war Grund genug für die SZ, per E-Mail nachzufragen.

Haben Sie den ersten Wohnsitz komplett nach Italien verlegt?

Der erste Wohnsitz ist in Siegen. Bis Ende September ist der erweiterte Arbeitsaufenthalt in Rom für ein Jahr geplant.

Was heißt es, in der Pandemie nach Italien gezogen zu sein – in ein Land, das besonders schwer betroffen ist und politisch zu Überraschungen neigt?

Im ersten Lockdown hat die italienische Regierung konsequent und umsichtig reagiert, als die Coronazahlen in Norditalien rasant in die Höhe stiegen. Die temperamentvollen Italiener wirkten relativ entspannt, trotz der verordneten Distanz. Wir haben uns an den „Sing flashmobs“ täglich um 18 Uhr auf der Terrasse beteiligt. Mit den hohen Todeszahlen in Bergamo verstummte die Musik. Das Land trauerte. „Pazienza“ (deutsch: Geduld) ist ein Hauptwort in Italien und in Krisensituationen ganz hilfreich.

Eine neue Freiberg-Arbeit: Jeder Tag ist eine Trophäe. Work in process, open Studios Villa Massimo 2019.
  • Eine neue Freiberg-Arbeit: Jeder Tag ist eine Trophäe. Work in process, open Studios Villa Massimo 2019.
  • Foto: Alberto Novelli
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

Improvisiertes neben Beständigem

Was ist, nach der „behüteten“ Zeit in der Villa Massimo, für die Künstlerin Andrea Freiberg das Faszinierende an Italien? 

Von Italien kannte ich bereits die Landschaften von Südtirol bis in die Toskana. Sardinien, Sizilien. Rom war mir noch fremd. Künstlerisch inspiriert mich die alte/junge Stadt mit ihren tiefen Spuren in die Vergangenheit, das Ephemere und Improvisierte neben der Schwere und Beständigkeit der alten Steine noch aus der Antike. Mich faszinieren das italienische Temperament, die vielfältigen Formen, die warmen Farben, die Kompositionen in den Straßenfluchten im Wechsel von Innen- und Außenräumen. Geschichte und Kunst mitten im Alltag stets präsent, offene Kirchen mit Prunk und Reichtum, daneben Bettler und Obdachlose. Die Armut macht mich traurig und ratlos, gerade jetzt.

Wie würden Sie Ihre künstlerische Veränderung der vergangenen Monate beschreiben, jenseits der Fundstück-Faszination, und: Haben sich andere Themen und Fragen ergeben?

Medienwechsel hin zur Malerei

Verändert hat sich vor allem der Medienwechsel – ausgehend von der Installation mit Fundstücken in die Malerei überzugehen, den Raum in die Bildfläche zu übertragen und plastische Objekte wie Requisiten in Bildgeschehen einzubauen. Mit der Trophäensuche stoße ich auf gesellschaftliche Widersprüche im Umgang mit dem Wert und der Verwertbarkeit des Abfalls in unserer modernen Konsumwelt. Eine Zeit lang habe ich tatsächlich die weggeworfenen Einweghandschuhe auf den Gehwegen fotografiert.

Zur neuen Betonung der gegenständlichen Malerei: Wie hat die sich entwickelt, auf welchen Erkenntnisspuren ist sie entstanden? Was vermag sie besonders auszudrücken?

Der Lockdown in Rom gab mir die Muße und Zeit, um mich malerisch neu auszuprobieren. Die leere Leinwand kam der ausgeleerten Stadt gleich. In der Malerei setze ich mich formal mit der Komposition auseinander, ich entscheide mich für eine bestimmte Perspektive, gleich dem Kamerablick auf einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Mit Farben und Malweisen spüre ich Oberflächen nach, Licht, Schatten, um Atmosphäre zu schaffen. Meist sparsam im Farbauftrag, lasierend in Schichten. Es ist eine stille Arbeit, ständig im Dialog mit dem, was vor meinen Augen passiert. In der Malerei kann ich Stimmungen zum Ausdruck bringen, was mir in der plastischen Arbeit nur in wenigen Räumen gelungen ist.

Ist es – beim Blick auf die Bilder – ein Trugschluss, oder gibt es dabei tatsächlich eine formale Beziehung zum Surrealismus, z. B. Georgio de Chirico? Und wenn: Darf das auch als Aussage über eine „surreal“ erlebte Weltsituation gelten? Welche Tiefenschichten werden da im Sinne des Surrealismus neu „gefunden“?

Giorgio de Chirico kam 100 Jahre vor mir nach Rom und entwickelte gemeinsam mit seinem Bruder Alberto Salvino die metaphysische Malerei, die immer noch allgegenwärtig und gerade sehr aktuell ist, wenn man die Bilder von den leeren Plätzen betrachtet. De Chirico erlebte die Pandemie der Spanischen Grippe, vergleichbar mit unserer heutigen Situation. De Chiricos faszinierende Bildkompositionen und Farbwirkungen erforsche ich hier in Rom, ausgehend von realen Raumerfahrungen. Mit bildnerischen Mitteln der Collage kann ich die Wirklichkeit neu denken. 

Bezug zu de Chirico 

Kompositorisch eng im Bezug zu de Chiricos „Das Rätsel des Orakels“ von 1909 ist das Bild „L’ oracolo è segreto“ entstanden. Mir stellen sich Fragen an unsere raumgebundene Begrenztheit und biologische Endlichkeit in der Unendlichkeit des Lebens. Das Gegenständliche in der Malerei ist wiedererkennbar sowie sprachlich erfassbar. Mittels der Collage verknüpfe ich verschiedene Realitäten miteinander, um eine poetische Bildwirklichkeit zu erfinden. Die verfremdete Realität in surrealen Bildgeschehen erzeugt Stimmungen und Imaginationen, die sich unserer Wahrnehmung im Alltag entziehen.

L’oracolo è segreto“, Aus: Jeder Tag ist eine Trophäe, Rom 2020. Die großformatige Ölmalerei von Andrea Freiberg setzt sich auch mit den metaphysisch leeren Räumen in der Bildersprache Giorgio de Chiricos auseinander.
  • L’oracolo è segreto“, Aus: Jeder Tag ist eine Trophäe, Rom 2020. Die großformatige Ölmalerei von Andrea Freiberg setzt sich auch mit den metaphysisch leeren Räumen in der Bildersprache Giorgio de Chiricos auseinander.
  • Foto: privat
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"Vermeintlich die Natur bewältigt"

Bilder sind Spielräume für individuelle Erfahrungen, Interpretationen und Assoziationen. Träume erdenken Bilder zur Heilung innerer Wunden oder der Bewältigung von Ängsten und Sorgen. Das Metaphysische reicht wohl heran an solche seelischen Erfahrungen der Transzendenz über die greifbare Wirklichkeit hinaus und wirft einen neuen Blick in die Welt. Vermeintlich hat der Mensch die Natur bewältigt, nun sind unsere Bedürfnisse auf die Gesunderhaltung, Heilung und Trauerarbeit ausgerichtet. Das ist real. Surreal sind Verschwörungstheorien und Demonstrationen gegen notwendige Schutzmaßnahmen, die unser Leben einschränken.

Zusammenarbeit mit Peter Wawerzinek

Was haben Sie 2021 weiter vor? Gibt es geplante Kooperationen mit Peter Wawerzinek? Gibt es schon geplante Ausstellungsräume?

Momentan ist es sehr schwierig, Ausstellungen zu planen, doch möchte ich unbedingt 2021 meine Arbeiten in Rom zeigen. Alles ist im Prozess und auch fragil. Mit Peter Wawerzinek arbeite ich an der Recherche zu Pier Paolo Pasolinis Buch „Die lange Straße aus Sand“. Peter schreibt, ich fotografiere.

Experimentieren Sie? Wenn ja, womit?

Ich zeichne, fotografiere und experimentiere mit Collagen für Bildideen. Die Arbeit mit Farben an der Leinwand ist immer auch Versuch und Irrtum, auch wenn der Bildentwurf bereits steht.

Und der Kunstverein Siegen?

Sie sind seit 2020 die Vorsitzende des Kunstvereins Siegen. Wie nehmen Sie von Rom aus diese Aufgabe wahr? Wie gestaltet sich die Kooperation mit dem Vorstand und die Kommunikation mit den Mitgliedern?

Die Entwicklung der Covid-19-Pandemie war Anfang letzten Jahres noch nicht absehbar. Es hat sich erst im Lockdown, nach meiner Wahl zur 1. Vorsitzenden, entschieden, den Arbeitsaufenthalt in Rom zu verlängern, um die vor Ort begonnenen Projekte fortzuführen. Nach meiner ersten Einarbeitung im Sommer war geplant, dass ich regelmäßig in Siegen präsent bin. Das ist derzeit leider nicht möglich. Ich bin im ständigen Austausch mit der Geschäftsführung und dem Vorstand per Telefon, E-Mail oder in Online-Sitzungen und bin jederzeit erreichbar. Die Mitgliederversammlung 2020 haben wir erstmals coronabedingt im digitalen Format durchgeführt, und die Mitglieder werden regelmäßig über Newsletter informiert.

Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

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