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Christian Mühlfeld/Lars Comino legt historischen Roman vor
Ein Finger als Fingerzeig

Prof. Dr. Christian Mühlfeld (ursprünglich aus Freudenberg) hat mit „Der Finger“ seinen dritten Roman vorgelegt.
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  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

gmz Siegen/Hannover. Ein schreibender Arzt? Prof. Dr. Christian Mühlfeld ist so einer. Was auf den ersten Blick vielleicht ungewöhnlich scheint, ist es auf den zweiten gar nicht: Den „schreibenden Arzt“ gibt es in der Literaturgeschichte häufiger. Benn, Döblin, Rabelais, Silesius, Keats, Büchner, Schweitzer oder Antunes gehören zu den bekannten Namen. Nicht zu vergessen Schiller oder Maugham. Christian Mühlfeld, in Freudenberg aufgewachsen, in Siegen zur Schule gegangen, steht also in einer guten und langen Tradition, wenn er neben seiner Tätigkeit als (kommissarischer) Leiter des Instituts für funktionelle und angewandte Anatomie der medizinischen Hochschule Hannover inzwischen drei Romane veröffentlicht hat. Der vierte ist in Arbeit, verrät er im Telefonat mit der SZ-Kulturredaktion.

gmz Siegen/Hannover. Ein schreibender Arzt? Prof. Dr. Christian Mühlfeld ist so einer. Was auf den ersten Blick vielleicht ungewöhnlich scheint, ist es auf den zweiten gar nicht: Den „schreibenden Arzt“ gibt es in der Literaturgeschichte häufiger. Benn, Döblin, Rabelais, Silesius, Keats, Büchner, Schweitzer oder Antunes gehören zu den bekannten Namen. Nicht zu vergessen Schiller oder Maugham. Christian Mühlfeld, in Freudenberg aufgewachsen, in Siegen zur Schule gegangen, steht also in einer guten und langen Tradition, wenn er neben seiner Tätigkeit als (kommissarischer) Leiter des Instituts für funktionelle und angewandte Anatomie der medizinischen Hochschule Hannover inzwischen drei Romane veröffentlicht hat. Der vierte ist in Arbeit, verrät er im Telefonat mit der SZ-Kulturredaktion.

Vorher: "Coming-of-age"-Themen

Der jetzt vorliegende Roman mit dem kryptischen, neugierig machenden Titel „Der Finger“ ist auf der einen Seite fast eine Kriminalgeschichte, auf der anderen ein historischer Roman. Veröffentlicht hat er dieses und seine beiden vorigen Bücher unter dem Pseudonym Lars Camino (Principal-Verlag). Lars hieß der Held der ersten beiden Romane, „Das Leben ist schön, oder?“ und „Eli oder Die Halbwertszeit des Lebens“, die beide „Coming-of-age“-Themen behandeln. Und auf die Insel Comino, die Nachbarinsel von Malta, so erläutert er im Gespräch, habe er bei einem längeren Aufenthalt auf Malta immer geschaut …

Geschichte der Medizin

Aber wie kommt man von den „Coming-of-age“-Themen auf einen historischen Roman, der gleichwohl in unserer Gegenwart spielt? In den vergangenen Jahren hat sich Christian Mühlfeld intensiv mit der Geschichte der Medizin, bzw. seines Bereichs, der Anatomie, auseinandergesetzt, aber auch mit der deutsch-deutschen Geschichte.Beim Gedanken an die Geschichte der Anatomie hat man natürlich sofort die medizinischen Experimente vor Augen, die in den KZs durchgeführt worden sind, in den „Experimentierkammern“ der Diktatoren des vergangenen Jahrhunderts. Diese „Vergangenheit der Medizin“ werde erst seit Kurzem aufgearbeitet, so Mühlfeld. Das ist also ein aktuelles Thema. Genau wie letztlich auch das deutsch-deutsche Verhältnis, in dem das Urteil übereinander ganz schnell von uralten Klischees bestimmt wird, die ein Aufeinander-Eingehen „unnötig“ zu machen scheinen.

"Der Finger" ist ein "Zufallsfund"

In diesem Spannungsfeld siedelt Christian Mühlfeld seinen Roman „Der Finger“ an. In dem geht es zunächst um einen „Zufallsfund“, einen Finger. Die Töchter des Ich-Erzählers finden ihn auf einem Spielplatz, und er wird für den Ich-Erzähler zu einem Fingerzeig, der ihn nach und nach die Schichten abheben lässt, die auf seiner eigenen Vergangenheit und der seiner Familie liegen.
Der Ich-Erzähler ist ein Mann auf der Suche. Er ist arbeitslos, seine Ehe scheitert, er sucht seinen Ort in der Gesellschaft, sucht ein Gefüge. Dabei geht er zögerlich und zurückhaltend vor, tastend und zunehmend beherzter und reflektierter, je mehr Zusammenhänge er im Laufe seiner Forschungen erfasst, historische wie persönliche. Der Autor spiegelt diese Entwicklungen und die emotionalen oder auch geistigen Zustände in seiner Sprache wider, die von abrupt und tastend bis flüssig-eloquent changieren kann.

Bad Saarow spielt eine wichtige Rolle

Auf dieser Reise lernt Peter, so heißt der Ich-Erzähler, viel über sich, seine Familie, seine Zeit und sein Land. Der Finger gehörte nämlich einem Bekannten seiner Eltern, der plötzlich aus ihrem Leben verschwunden ist. Er wurde offenbar von der Leiche, die im anatomischen Institut der Uni von Studenten seziert wird, abgetrennt. Warum? Was ist geschehen?Peter macht sich daran, die Geschichte dieses Mannes und seines Umfeldes zu erforschen, und begibt sich damit auch auf deutsch-deutsche Spurensuche. Der Ort Bad Saarow spielt dabei eine entscheidende Rolle … Und Peter stellt fest, dass simple Urteile komplexen Situationen nicht gerecht werden. Diese Einsicht erlaubt es ihm, in seinem persönlichen Leben nach Lösungen für verfahrene Situationen zu suchen. Es sei ihm wichtig, sagt Christian Mühlfeld, der mit seiner Familie in Hannover lebt, dass vor dem Urteilen das Verstehen kommen müsse. Ein Verstehen, das auch die Bedingungen und Umstände der Entscheidungen in den Blick nimmt, nicht nur nach heutigen oder eigenen Bedingungen oder Vorstellungen urteilt. Das gelingt ihm, denn auch wenn der Roman fiktiv ist, sind die Schilderungen und Figuren „echt“, also glaubhaft.

"Schreibender Arzt" war am Löhrtor-Gymnasium

Aber zurück zum Anfang, zum „schreibenden Arzt“. Die Tradition ist alt. Aber warum reiht sich Mühlfeld in sie ein? Mühlfeld, der 1995 am Gymnasium am Löhrtor in Siegen sein Abitur gemacht hat, wurde damals für seine Arbeiten im literarischen Bereich mit der Erasmus-Sacerius-Plakette ausgezeichnet, die an den Gründer der Schule im Jahr 1536 erinnert. Schon als Schüler hat Christian Mühlfeld Texte verfasst, die seinen Deutschlehrer so überzeugten, dass der Mühlfeld für die Auszeichnung vorschlug, die für besonderen Einsatz oder besondere Aktivitäten verliehen wird.Eigentlich wäre Mühlfeld nämlich gerne Schriftsteller geworden. Aber dann kam der Zivildienst in Münster im medizinischen Bereich dazwischen, und er gab den Gedanken auf, Germanistik zu studieren: Er entschied sich für die Medizin. Dort ist er bis heute tätig. Aber der „anderen Liebe“, der Literatur, hält er auch die Treue … Der nächste Roman ist in Arbeit.

Autor:

Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin) aus Siegen

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