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Bühne Cipolla mit Figurentheater "Keller" im Apollo zu Gast
Ein unmöglicher Charakter

Ein namenloser Beamter gibt im Großstadt-Dickicht Arbeit, Freunde und gesellschaftliche Verpflichtungen auf, um fortan mit Hilfe einer kleinen Erbschaft sein Dasein in einem Keller zu fristen - und sehnt sich doch nach Glück.
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  • Ein namenloser Beamter gibt im Großstadt-Dickicht Arbeit, Freunde und gesellschaftliche Verpflichtungen auf, um fortan mit Hilfe einer kleinen Erbschaft sein Dasein in einem Keller zu fristen - und sehnt sich doch nach Glück.
  • Foto: Peter Helmes
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

ph Siegen. Dass sich die Apollo-Bühne am Dienstagabend in Grün und Violett erhellt, ist kein Zufall. Grün steht für Fruchtbarkeit und Leben. Manche verbinden damit aber auch Unreife und Gift. Lila gilt unter anderem als Farbe der Macht und Leidenschaft – und des Todes. All dies taucht in „Keller“ auf, der jüngsten Produktion der Bühne Cipolla aus Bremen. Sie basiert auf der Novelle „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski und führt mit bitterbösem Humor tief in die menschliche Seelenwelt.
Figuren mit hässlichen FratzenDie Stars im Siegener Theater sind indes in erster Linie Figuren.

ph Siegen. Dass sich die Apollo-Bühne am Dienstagabend in Grün und Violett erhellt, ist kein Zufall. Grün steht für Fruchtbarkeit und Leben. Manche verbinden damit aber auch Unreife und Gift. Lila gilt unter anderem als Farbe der Macht und Leidenschaft – und des Todes. All dies taucht in „Keller“ auf, der jüngsten Produktion der Bühne Cipolla aus Bremen. Sie basiert auf der Novelle „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski und führt mit bitterbösem Humor tief in die menschliche Seelenwelt.

Figuren mit hässlichen Fratzen

Die Stars im Siegener Theater sind indes in erster Linie Figuren. Allerdings keine niedlichen Püppchen, sondern hässliche Fratzen – allen voran ein namenloser Beamter, der im Großstadt-Dickicht Arbeit, Freunde und gesellschaftliche Verpflichtungen aufgibt, um fortan mit Hilfe einer kleinen Erbschaft sein Dasein in einem Keller zu fristen. Konfrontiert mit den Tücken des Alleinseins, kehrt er jedoch immer wieder in die Außenwelt zurück. Er zankt sich mit einem Offizier, sprengt ein Klassentreffen und diskutiert mit einer Zufallsbekanntschaft über das Verhältnis von Mann und Frau.

Die Bühne Cipolla aus Bremen reist nicht mit niedlichen Püppchen an, sondern ihre Figuren haben hässliche Fratzen. So lässt sich Dostojewski spielen.
  • Die Bühne Cipolla aus Bremen reist nicht mit niedlichen Püppchen an, sondern ihre Figuren haben hässliche Fratzen. So lässt sich Dostojewski spielen.
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"Jede Möglichkeit von Glück zerschlagen"

„Es ist“, so beschreibt die Bühne Cipolla die als Tour-Theater konzipierte Produktion, „das psychologische Porträt eines unmöglichen Charakters: Prestige und Erfolg verachtet er, schämt sich aber zugleich für seinen bescheidenen Lebensstil. Jede Möglichkeit von Glück muss er zerschlagen und weit von sich stoßen, nur um sich dann still danach zu sehnen. Und doch liegt in seinem Hadern eine scharfe Gesellschaftsanalyse, der beständige Kampf gegen die Lüge und den schönen Schein.“

Publikum verharrt in Stille

Verstörende Sätze wie „Wir sind Totgeborene“ oder „Wir wissen nicht, was Leben ist“ bilden den ersten Schritt in einen unsteten Lebensweg, der schließlich in der trostlosen Erkenntnis mündet: „Wenn’s ans Sterben geht, ist jeder allein.“ Dazwischen dürften dem aufmerksamen Publikum bisweilen die Worte im Hals stecken geblieben sein – ob es deshalb eineinviertel Stunde lang in Stille verharrt, bevor es den verdienten Schlussapplaus spendet? Wie auch immer: Jedenfalls verdichtet diese Lautlosigkeit im Theatersaal die Atmosphäre zusätzlich.

Dumm - oder nicht dumm ...

Während Sebastian Kautz seinen Figuren und Masken Leben einhaucht und selbst als Schauspieler in Erscheinung tritt, begleitet Gero John kongenial am Violoncello und Keyboard – überwiegend in düsteren Moll-Tönen –, mimt aber auch den einen oder anderen Charakter – etwa den Offizier.
„Keller“ ist kein leicht verdauliches Mahl, sondern schwere Kost. Der im Mittelpunkt stehende unbekannte Beamte hält uns allen einen Spiegel vor Augen, schwankt zwischen Verzweiflung, Trotz und Rachegelüsten. Unter all den bitteren Weisheiten, die er verkündet, mag eine zumindest so pauschal nicht ganz zutreffen: „Der Mensch ist dumm – phänomenal dumm.“ Gegenbeispiele finden sich zuhauf – etwa unter denen, die es vermögen, solch unkonventionelle Kunst zu Papier bzw. auf die Bühne bringen.

Autor:

Peter Helmes (Redakteur) aus Siegen

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