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„Amarantus“-Schau von Mariana Castillo Deball im MGK Siegen hat geöffnet
Endlich räumlich

Mariana Castillo Deball macht in ihrer Arbeit „Once I thought the world was somewhere else“ aus bedruckten, teilweise durchsichtigen Stoffbahnen im Raum einen Einblick in die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Evolution möglich.
  • Mariana Castillo Deball macht in ihrer Arbeit „Once I thought the world was somewhere else“ aus bedruckten, teilweise durchsichtigen Stoffbahnen im Raum einen Einblick in die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Evolution möglich.
  • Foto: Philipp Ottendörfer
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

zel  Siegen. Donnerstagmorgen um 11 Uhr wird aus der zwei- eine dreidimensionale Welt. Was bisher nur „flach“, also online auf einem Bildschirm zu sehen war, fächert sich auf in den Raum, für den es gemacht ist: ein Museum! Das Museum für Gegenwartskunst (MGK) Siegen ist wieder für Besucher geöffnet. Zum ersten Mal überhaupt betreten Besucher die Ausstellung „Amarantus“ von Mariana Castillo Deball. Das hat etwas von Neuland, ist aber wie Fahrradfahren: Man verlernt es nicht, sich in einem Ausstellungshaus zu bewegen, zu sehen, zu lesen, zu erfahren.
Amarant - die "Blume, die nie verwelkt"Der Titel der Schau bezieht sich auf die Pflanze Amarant oder auch Fuchsschwanz.

zel  Siegen. Donnerstagmorgen um 11 Uhr wird aus der zwei- eine dreidimensionale Welt. Was bisher nur „flach“, also online auf einem Bildschirm zu sehen war, fächert sich auf in den Raum, für den es gemacht ist: ein Museum! Das Museum für Gegenwartskunst (MGK) Siegen ist wieder für Besucher geöffnet. Zum ersten Mal überhaupt betreten Besucher die Ausstellung „Amarantus“ von Mariana Castillo Deball. Das hat etwas von Neuland, ist aber wie Fahrradfahren: Man verlernt es nicht, sich in einem Ausstellungshaus zu bewegen, zu sehen, zu lesen, zu erfahren.

Amarant - die "Blume, die nie verwelkt"

Der Titel der Schau bezieht sich auf die Pflanze Amarant oder auch Fuchsschwanz. Die Samen sind in Mexiko, in dessen „City“ Castillo Deball 1975 geboren wurde, ein wichtiges Lebensmittel, das lange auch in religiösen Ritualen eingesetzt wurde, weswegen die spanischen Kolonialherren den Gebrauch des Amarant zeitweise unterbanden. Im Griechischen bedeutet das Wort „Pflanze, die nie stirbt“ oder „Blume, die nie verwelkt“.

Unbequeme Objekte

Beide Aspekte verweisen auf die gezeigten Werke aus 15 Jahren. Mariana Castillo Deball beschäftigt sich mit Geschichte – und hier auch mit dem Kolonialismus –, Evolution, Archäologie und Ethnografie, mit (teils unbequemen) Objekten wie Fundstücken und Artefakten und ihrer Erforschung und Aufbewahrung in Museen und Sammlungen, also dort, wo „die Blume niemals welkt“. Ihre Geschichte(n) vom Suchen, Finden, vom Sich-Aneignen (zu Recht oder zu Unrecht?), Reproduzieren, Aufbewahren und Ausstellen erzählt Castillo Deball in Installationen, Videos, Fotografien, Druckgrafiken, Skulpturen und Publikationen.

Begehbares Textilpanorama mit Durchblick

Die Augen sind im Lockdown genug mit Schrift und Film versorgt, es sind vor allem die physisch erfahrbaren Arbeiten im Raum, die wieder Freude machen: Etwa die tönernen Stelen zu Anfang, die die documenta- und Biennale-Venedig-Künstlerin zusammen mit einer Töpferwerkstatt in Oaxaca/Mexiko erstellt hat. Dann das begehbare, im Wortsinne vielschichtige Textilpanorama „Once I thought the world was somewhere else“ (Einmal dachte ich, die Welt wäre woanders), das von 500 Millionen Jahren alten Fossilien aus dem Ediacarium (einem Kapitel der Erdgeschichte) „berichtet“. Die Künstlerin hat auf Feldforschung in Australien fotografiert und stellt ihre Bilder riesengroß auf transparentem Material aus, das Durchblicke und durch die von der Decke hängenden „Schichten“ eine Begehung ermöglicht. Ebenso fächert Castillo Deball die Evolution der Wirbeltiere vom Fisch zum Vogel über 200 Millionen Jahre auf: mit Frottagen von Fossilien auf Papier, installiert an einer raumgreifenden Bambusspirale: ein Evolutionsbaum in 3-D.

"Falschgesichter": Masken aus Papier

Die ausgestellten Masken sind gar keine: Die „Falschgesichter“ sind „nur“ gefaltetes, glänzendes weißes Papier mit ethnografischen Beschreibungen der exotischen Masken am unteren Bildrand – stellen sich Bilder ein? Von einem riesigen Steinmonolith in Guatemala hat Castillo Deball eine Miniatur aus Holz angefertigt, die sie als Druckstock benutzt. Sowohl das Objekt, das Spuren hinterlässt, als auch die Papiere mit den Spuren sind zu sehen.

500 Jahre Eroberung und Niederlage

Und dann – das Beste kommt zum Schluss – noch ein Druckstock, aber ein riesiger: Die Künstlerin hat die „Nuremberg Map of Tenochtitlan“ als raumfüllende Bodeninstallation ausgelegt, die betreten werden darf. So können Besucher die aztekische Hauptstadt „beschreiten“ und stehen zugleich auf 500 Jahren Kolonialgeschichte. Denn die Karte wurde 1521 im Zuge der spanischen Eroberung angefertigt, in Nürnberg wurde 1524 vom Original eine Druckvorlage erstellt – die neue kommt in die alte Welt, aber gesehen durch europäische Augen, die von Hernán Cortés. Die 500-Jahr-Feier werde in Mexiko nicht gefeiert, erklärte die Künstlerin seinerzeit im Pressegespräch. Für die einen ist es eine Niederlage, für die anderen eine Eroberung. Die Kostüme, die Castillo Deball auf ihre große Bodenarbeit gestellt hat, machen sich jedenfalls über die europäischen Kolonialherren lustig.

Zwei Arbeiten folgen noch

Zu sehen, zu begehen ist „Amarantus“ bis zum 30. Mai. Die Schau soll im Laufe der Zeit noch erweitert werden um zwei Arbeiten, die sich auf den Ausstellungsort Siegen beziehen: auf die Radierung „Amazonenschlacht“, die aus dem Siegerlandmuseum ausgeliehen wird, und auf die silberne Taufschale aus Peru, die Fürst Johann Moritz der Nikolaikirche seiner Heimatstadt schenkte.
Auf www.mgksiegen.de lässt sich ein Begleitheft herunterladen, dass es demnächst auch kostenlos im Museum geben soll.

Museen, Objekte, Geschichten
Autor:

Regine Wenzel (Redakteurin) aus Siegen

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