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Kreuztaler Tanztheater Spitzentanz zeigt "Muse"
Erst im Livestream, dann in Dreslers Park

Auf Abstand und doch zusammen: Das Kreuztaler Tanztheater Spitzentanz reflektiert im Stück „Muse“ die Erfahrungen aus der Corona-Krise, aus der Quarantäne.
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  • Auf Abstand und doch zusammen: Das Kreuztaler Tanztheater Spitzentanz reflektiert im Stück „Muse“ die Erfahrungen aus der Corona-Krise, aus der Quarantäne.
  • Foto: Kai Osthoff
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

zel Siegen/Kreuztal. Zeit zu grübeln hatten alle genug die letzten Monate. Gefühlt eine Ewigkeit zu Hause, Lockdown, Shutdown, altes Leben vorbei, jeder einzelne und die ganze Menschheit auf sich selbst zurückgeworfen. Gut grübeln ließ sich da über das Sein – das hat drei Zeiten, die ohne einander nicht sind: das War, das Ist und das Wird. Wollen wir zurück zum alten Leben („sonntags Grillen, freitags Sex“)? Wie halten wir den Ist-Zustand aus, ohne zu platzen? Und wo, bitteschön, führt uns diese Isolation, die wir nicht selbst gewählt haben, noch hin?

zel Siegen/Kreuztal. Zeit zu grübeln hatten alle genug die letzten Monate. Gefühlt eine Ewigkeit zu Hause, Lockdown, Shutdown, altes Leben vorbei, jeder einzelne und die ganze Menschheit auf sich selbst zurückgeworfen. Gut grübeln ließ sich da über das Sein – das hat drei Zeiten, die ohne einander nicht sind: das War, das Ist und das Wird. Wollen wir zurück zum alten Leben („sonntags Grillen, freitags Sex“)? Wie halten wir den Ist-Zustand aus, ohne zu platzen? Und wo, bitteschön, führt uns diese Isolation, die wir nicht selbst gewählt haben, noch hin?

Am Anfang war Nathan Laniers Werk "Muse"

Grübeln heißt „muse“ auf Englisch, und „Muse“ heißt ein dreiteiliges Werk von Nathan Lanier, das Stück, von dem alles ausging, was das Kreuztaler Tanztheater Spitzentanz in nur sechs Wochen zuerst virtuell (wir berichteten) und dann „in echt“, also zusammen, einstudiert hat. „Muse“ heißt also zum Dritten also auch das Kreuztaler Projekt, das nun fertig zum Vorzeigen ist und am Donnerstagabend live aus dem Lÿz gestreamt wurde. Die SZ durfte für diesen Artikel vor Ort dabeisein.Für den 24. Livestream aus dem Siegener Kulturhaus kooperierten an diesem Abend diese drei Veranstalter: das Kulturbüro des Kreises Siegen-Wittgenstein, der Verein „Der virtuelle Hut“ und das Kulturamt Kreuztal. Dort, in Dreslers Park, wird „Muse“ noch einmal aufgeführt, am Sonntag um 16 Uhr (Infos zum Einlass und zu den Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln auf www.kreuztal-kultur.de).

Britta Papp choreografierte auf Abstand

Das Publikum muss Abstand halten, die Akteure zwischen zwölf und 22 Jahren müssen es auch. Und da soll Tanztheater möglich sein? Ist es – Ausrufezeichen! Choreografin und Tanzpädagogin Britta Papp hat mit den 20 Tänzerinnen und Tänzern so gearbeitet, dass sie sich begegnen können, in einen Dialog, oder besser: in ein Pas de deux (oder maximal trois), treten können, ohne sich zu nahe zu kommen. Die Tänzerinnen sind solo zu sehen, zwei oder drei tanzen parallel die gleichen Schritte im gleichen Outfit (ach, Freunde oder Freundinnen sein, das größte Geschenk!) oder spiegeln sich „seitenverkehrt“ – gerade das tut in der Isolation so gut, ein Gegenüber, das dich mitzieht, aufrichtet!

Musik von Billie Eilish, Ruth B. und Ruelle

Nebelmaschine und wechselnde Lichter unterstreichen die Stimmung(en) des Elektro-Pop.Viel Musik kommt von der sehr jungen Billie Eilish, dann sind da noch Ruth B. und Ruelle, die in „Carry You“ die Lyrics der Isolation singt: „Is anybody out there? Can you lead me to the light? Is anybody out there? Tell me it’ll all be alright.“ (Ist da draußen jemand? Kannst du mich zum Licht führen? Sag mir, dass alles gut wird.)

Die Gruppe tanzt einen Reigen - nacheinander

Auch die Gruppe kann „zusammen“ auftreten: nur eben jede und jeder nacheinander. Ein Band knüpfen sie übers Outfit – die meisten tragen helle Jeans und weiße Oberteile –, vor allem aber übers Körperliche, die Bewegung: Nacheinander flitzen die Spitzentänzer über die Bühne, kommen von links und rechts, vorne und hinten, die letzte Position des Vorgängers ist die erste der Nachfolgerin. Ein Reigen der 20, der die Gruppe feiert und dem/der Einzelnen Raum gibt, sich zu zeigen – mit Sprüngen, Drehungen, Hip-Hop-Moves, ganz wie es ihnen gefällt. Dreimal tun sie das, dreimal zu den drei Teilen von Nathan Lamiers „Muse“. Diese starken Gruppenauftritte haben eine besondere Wirkung, sie zeigen, wie man Verbindungen halten kann ohne Anfassen, was möglich ist, wenn man Beschränkungen akzeptiert und mit ihnen und nicht gegen sie arbeitet.

Texte aus der Quarantäne von Lars Dettmer

Lars Dettmer hat kurze Mono- und Dialoge geschrieben aus der und über die Quarantäne, die sich mit den Tanzszenen abwechseln. Ein gemeinsames Entwickeln der Texte mit den Akteuren sei in der kurzen Zeit nicht möglich gewesen, sagt der Theaterpädagoge nach dem Livestream zur SZ, aber gemeinsames Lesen der kurzen Mono- und Dialoge und Anpassen an das „Wording“, den Stil der jungen Menschen, sei dringewesen. Schauen wir ihnen also beim „musing“ zu, beim Grübeln, beim Sein in der Quarantäne.

Bei Instagram sind alle happy

Da liegt eine junge Frau auf dem Teppich, zählt die Hubbel an der Raufasertapetendecke (13 498) und sinniert übers „Auf-dem-Teppich-Bleiben“, da fühlt sich ein Mädchen „fett, faul und gefräßig“ und ist genervt von dem Selfie-schießenden Freund und all den happy Instagram-Gesichtern, die auch in der Krise toll aussehen und sich kreativ austoben: „Die Hipster machen einem mit ihrer guten Laune die ganze Gammelei kaputt.“

Ein Aluhut für den Verschwörungstheoretiker

Es wird nicht geschlafen, es wird gegrübelt, alle sind müde und erschöpft, der (innere) Akku lädt nur bis zu 20 Prozent. Jetzt nach draußen, sich bewegen, danke, lieber Freund, dass du mich mitnimmst! Da nerven sich zwei Freundinnen links und rechts eines weißen Vorhangs (und versichern sich doch ihrer Nähe und Verlässlichkeit) – und da wird einem ein Aluhut gebastelt, der nicht daran zweifelt, dass die Erde eine Scheibe ist, auf der demnächst Reptilien in Menschengestalt die Herrschaft übernehmen. Es ist alles da, das Beste und das Merkwürdigste, das die Corona-Krise bei den Menschen hervorgebracht hat.

Erst Livestream, dann live

Rund 300 Leute haben den Livestream von „Muse“ am Donnerstagabend verfolgt, sagte im Anschluss Jens von Heyden, der Leiter des Kulturbüros. Ganz so viele haben in Dreslers Park in Kreuztal nicht Platz, klar, aber wer noch darüber nachgrübelt, ob man da mal hingehen soll, dem sei gesagt: ruhig mal hingehen! Einlass ist ab 15 Uhr.

Autor:

Regine Wenzel (Redakteurin) aus Siegen

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