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Boris Hoppek malt neues Wandbild am Bunker Burgstraße
Erster Auftrag nach Shitstorm

„Gruppenbild“ mit Boris Hoppek: Der in Barcelona lebende Künstler sprüht ein neues Wandbild auf die Fassade des Bunkers an der Siegener Burgstraße – für ihn der erste Auftrag in zwei Jahren.
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zel Siegen. „Normalerweise überlebt ein Bild auf der Straße nicht so lange“, sagt Boris Hoppek. Es kann gut sein, dass ein Graffiti schon am nächsten Tag übermalt wird. Sein altes Rubens-Gemälde am Bunker an der Burgstraße in Siegen hat sage und schreibe 23 Jahre überlebt. Das Wandbild „Rubens – Alte, Dicke, Nackte“ gestaltete der aus Kreuztal stammende Street-Art- und Graffiti-Künstler 1997 zum ersten Rubensfest. Jetzt ist er dabei, seine eigene Arbeit zu übermalen. Das fällt ihm nicht schwer: „Es war nicht so toll“, sagt er lapidar, „es ist irgendwie nicht mehr mein Stil.“ Am Bunker entsteht ein 10 x 9 Meter großes „Wimmelbild“, so nennt es die Stadt Siegen, die das Gemälde bei Hoppek für das Urban Art Festivals „Out & About“ in Auftrag gegeben hat.

zel Siegen. „Normalerweise überlebt ein Bild auf der Straße nicht so lange“, sagt Boris Hoppek. Es kann gut sein, dass ein Graffiti schon am nächsten Tag übermalt wird. Sein altes Rubens-Gemälde am Bunker an der Burgstraße in Siegen hat sage und schreibe 23 Jahre überlebt. Das Wandbild „Rubens – Alte, Dicke, Nackte“ gestaltete der aus Kreuztal stammende Street-Art- und Graffiti-Künstler 1997 zum ersten Rubensfest. Jetzt ist er dabei, seine eigene Arbeit zu übermalen. Das fällt ihm nicht schwer: „Es war nicht so toll“, sagt er lapidar, „es ist irgendwie nicht mehr mein Stil.“ Am Bunker entsteht ein 10 x 9 Meter großes „Wimmelbild“, so nennt es die Stadt Siegen, die das Gemälde bei Hoppek für das Urban Art Festivals „Out & About“ in Auftrag gegeben hat. Hoppek selbst nennt es „Gruppenbild“; am Sonntag, dem Tag des offenen Denkmals, soll es fertig sein. Die Siegener Künstlerin Jule Sammartino hat den Künstler aus Barcelona – dort lebt er seit 2003 – ins Gespräch gebracht.

Mit Rubens' Welt beschäftigt

Für seine Siegener Arbeit hat sich Boris Hoppek erneut mit Rubens befasst, der 1577 genau gegenüber, da, wo jetzt die Realschule am Oberen Schloss steht, geboren wurde. Ihm ist aufgefallen, dass Rubens Religion und Mythologie miteinander verbindet. Bibel, Schlange, Ritter, Pferd, Engel, Feuer – es wird sich lohnen, länger zu schauen und Hoppeks Blick auf Rubens’ Welt zu entdecken. Wie er es bei dem Barockmaler gesehen hat, hat auch Hoppek ein Szenario entworfen, in dem Menschen agieren oder nur zuschauen. In Zeiten des coronabedingten Abstand-Haltens ist die Nähe der Figuren zueinander auffällig – ein Denkmal für eine Zeit, in der wir uns umarmen durften.

"Throw-up" mit dem "fat cap" malen

Sein „Gruppenbild“ ist in Schwarz-Weiß gehalten, erinnert an einen Holzschnitt. „Ich versuche, reduziert zu sein, fast abstrakt“, sagt der 49-Jährige, „Farben, Effekte – ich lasse alles weg, was nicht wichtig ist.“ Als Raster nutzt er das Baugerüst. Hoppek möchte, dass sein neues Werk, „das größte, das ich je gemacht habe“, wie ein „Throw-up“, also wie hingeworfen, aussieht. Er nutzt ein „fat cap“, einen Sprühkopf für dicke Striche, nur die Schraffuren sind etwas feiner. Die ersten beiden Tage hat der Künstler dazu genutzt, die Wand weiß zu grundieren. Seine Freundin, die Künstlerin Dunja Jankovic, hilft ihm. Mit seinem reduzierten Bild reagiert er auch auf den Graffiti-Hype auf dem Kunstmarkt. „Street Art wird vom freien zum kommerziellen Medium“, sagt Boris Hoppek, es sei alles „sehr dekorativ, sehr gefällig“ gerade – und sehr teuer. „Da steckt viel Geld dahinter“, sagt er, große Firmen wie Nike zum Beispiel haben das Geld für große Auftragsarbeiten. Sein Freund Momo in den USA würde für eine solche Wand wie die in Siegen 250 000 Euro bekommen.

Urban Art Festival hat Etat von 28000 Euro

Hoppeks Honorar ist davon weit entfernt. Das ganze Urban Art Festival hat einen Etat von 28 000 Euro, daran erinnert Astrid Schneider, die Leiterin der städtischen Kulturabteilung Kultur Siegen, davon trägt die Hälfte die Kulturregion Südwestfalen, die Stadt Siegen übernimmt einen Anteil von 6000 Euro, den Rest die Sponsoren. Für 21 Projekte stünden 20 000 Euro als Honorare zur Verfügung, sagt Schneider, manch einer kriegt mehr, manch einer weniger, der Rest sei für Materialien und PR vorgesehen.

Entwurf "muss jugendfrei sein"

Die Zeichnung, die jetzt in Siegen als Wandgemälde realisiert wird, ist nicht diejenige, die Hoppek zuerst eingereicht hat. Die rund zehn Jahre alte Skizze enthalte Penisse und Vaginen, Sexszenen, Babys – „manche Leute sehen Pornografie darin“, erklärt der Künstler. Weil die zu bemalende Bunkerwand gegenüber einer Schule liegt, „musste das jugendfrei sein“. Astrid Schneider bestätigt das. „Geschlechtsverkehr in verschiedenen Varianten“ hält sie als Thema für eine Auftragsarbeit, die von der öffentlichen Hand bezahlt wird, nicht für geeignet. „Es gibt gesellschaftlicheTabus, die bei aller künstlerischer Freiheit nicht überschritten werden sollten.“

Parallelen zum "Fall" Lisa Eckhart

Der Auftrag aus Siegen ist für Boris Hoppek der erste seit zwei Jahren. Nachdem der Künstler ziemlich gut im Geschäft war, sowohl auf dem Kunstmarkt als auch in der Wirtschaft (er gestaltete 2007 mit seinen „C.M.O.N.S“-Puppen eine Guerilla-Marketing-Aktion für Opel), ist vor zwei Jahren eine echte Durststrecke angebrochen, auf der er ziemlich allein unterwegs ist. Die beiden Wörter „cancel culture“ und „social justice warriors“ fallen – und der Name Lisa Eckhart. Von der Debatte um den abgesagten Auftritt der österreichischen Kabarettistin beim Harbour-Frontliteratur-Festival in Hamburg und den Rassismus-Vorwürfen gegen sie hat Hoppek in Deutschland gerade gelesen und zieht Parallelen zu seinem Fall. Es ist nicht das Land, die Regierung, sondern: „Wir zensieren uns selbst.“

Rassismus- und Sexismus-Vorwürfe

Auch Boris Hoppek sieht sich Rassismus- und Sexismus-Vorwürfen ausgesetzt. Seine Arbeiten sind seit jeher explizit, das sieht jeder, der einen Blick auf seine Homepage wirft. Die Rassismus-Vorwürfe beziehen sich auf seine „Bimbo“-Puppen, -Gemälde und -Installationen – schwarze Figuren mit großen weißen Ovalen als Augen und einem querliegenden roten Oval als Mund –, die Hoppek seit Jahren mit großem Wiedererkennungswert fabriziert. Vor zwei Jahren habe es einen Shitstorm gegen ihn gegeben, den von ihm so genannte „social justice warriors“, Kämpfer/-innen für soziale Gerechtigkeit, losgetreten hätten. Instagram, „die einzige Plattform, die für Künstler interessant ist“, habe nach den Beschwerden gegen ihn seinen Account gelöscht. „Ich war erstmal gebannt.“

Überbringer unbequemer Wahrheiten

„Meine Arbeiten handeln von Tabus und Problemen in unserer Gesellschaft, von denen ich glaube, dass es wichtig ist, über sie zu reden“, schreibt Hoppek (auf Englisch) auf seiner Homepage. Dabei konzentriere er sich hauptsächlich auf Sexualität und Rassismus. Bei beiden Themengebieten gibt der Künstler ein Stück Verantwortung an den Betrachter ab, der die Arbeiten mit jeweils eigenen Werten, Vorstellungen und Ideen sieht. Also: Wer Sexismus/Pornografie oder "Blackfacing“/Stereotype/Rassismus sehen will, wird das auch sehen. Wer in seinem Holzboot mit im Mittelmeer untergehenden Flüchtlingen auch den Rassismus sehen will, der den Migranten aus Afrika in Europa entgegenschlägt, wird ihn sehen. „Ich überbringe unbequeme Wahrheiten, so roh, wie sie sind. Wenn sie für dich unbequem sind, dann soll das so sein.“

Auswirkungen der "Cancel culture"

Nach dem Shitstorm und dem Bann von Instagram ist Hoppek in der Szene isoliert. „Es möchte niemand mehr etwas mit mir zu tun haben“, sagt er. Auch die Zusammenarbeit mit Galerien ist schwierig, die Aufträge sind weggebrochen – das ist „cancel culture“ für ihn, Absage-Kultur bzw. Boykott, weil jemand seine Arbeiten nicht für politisch korrekt hält. „Schwarze Gesichter darf nur ein Schwarzer malen, und als Mann nackte Frauen zu malen, ist genauso schwierig“, sagt Boris Hoppek. Er sei etwas vorsichtiger geworden und versuche den Schmerz zu verstehen, den ein Schwarzer beim Anblick eines „Blackface“ haben könnte. Er könnte Blumen sprühen, die gerade angesagt sind. Weil seine Richtung aber, wie er sagt, gegen den Strom ist, ist davon nicht auszugehen. Wer die erste Hoppek-Rose sieht, bekommt einen Gummi-Rubens.

„Gruppenbild“ mit Boris Hoppek: Der in Barcelona lebende Künstler sprüht ein neues Wandbild auf die Fassade des Bunkers an der Siegener Burgstraße – für ihn der erste Auftrag in zwei Jahren.
Ein schwarzes Baby im typischen Stil von Boris Hoppek – an solchen „Blackfaces“ hat sich eine Diskussion um Rassismus in Hoppeks Kunst entzündet.
Autor:

Regine Wenzel (Redakteurin) aus Siegen

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