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Am Anfang: das New York Philharmonic im Park
„Es geht uns ans Herz“

Die Philharmoniker aus New York im Sommer 1988.
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In einer losen Folge von Beiträgen stellen SZ-Redakteurinnen und -Redakteure ihr „erstes Mal“, eine Initialzündung oder ein nachhaltig prägendes und in Erinnerung gebliebenes Ereignis in Sachen Kultur vor. Dieses Mal geht es um einen „philharmonischen Lebenslauf“, der seinen Anfang in New York nahm – oder vor dem Grundig-Stereokonzertschrank. Wie man’s nimmt …

ciu Siegen/New York. Am Ende war er nicht mehr als eine Art Sideboard. Tauglich für Familienfotos und Blumenvasen, ein Paradeplatz für Geburtstagsgeschenke und mit seiner breiten Klappe ein prima Ort zum Aufbewahren von Diesem und Jenem. Der Plattenspieler längst, weil kaputt, ausgebaut, die Radioknöpfe ausgeleiert, nichts ging mehr.

In einer losen Folge von Beiträgen stellen SZ-Redakteurinnen und -Redakteure ihr „erstes Mal“, eine Initialzündung oder ein nachhaltig prägendes und in Erinnerung gebliebenes Ereignis in Sachen Kultur vor. Dieses Mal geht es um einen „philharmonischen Lebenslauf“, der seinen Anfang in New York nahm – oder vor dem Grundig-Stereokonzertschrank. Wie man’s nimmt …

ciu Siegen/New York. Am Ende war er nicht mehr als eine Art Sideboard. Tauglich für Familienfotos und Blumenvasen, ein Paradeplatz für Geburtstagsgeschenke und mit seiner breiten Klappe ein prima Ort zum Aufbewahren von Diesem und Jenem. Der Plattenspieler längst, weil kaputt, ausgebaut, die Radioknöpfe ausgeleiert, nichts ging mehr. Dennoch blieb der Stereo-Konzertschrank KS723 von Grundig im Wohnzimmer unseres Elternhauses stehen. Eine sichtbare Erinnerung an den Klang der viel gehörten „Heidi“-Platte (das „Tante Dete!“ habe ich immer noch im Ohr), als Faszinosum mit einer Single-Funktion, mit der sich gleich mehrere Scheiben nacheinander abspielen ließen, als Spielgerät für Kinderhände, die unendlich zwischen den Wellen hin- und herschalteten, den Senderwähler als Lenkrad eines imaginären Autos nutzten, das Musikmöbel öffneten und schlossen und wieder öffneten.

"Vom Telefon zum Mikrophon"

Mittwochsabends blieben wir Kinder mit dem Vater beim SWF1-Wunschkonzert hängen, ließen uns mit „Vom Telefon zum Mikrophon“ berieseln, samstags liefen die Fußballreportagen, und in den 80ern hörte ich nach der Schule gern aktuelle Musik auf SWF3. Unser „Radio Ga Ga“ ließ mich aber auch erahnen, dass es eine Musik jenseits von ABBA, Queen oder Chris de Burgh gab: klassische Klänge, die ich nicht recht einzuordnen wusste, die mich aber faszinierten, interessierten, inspirierten. Davon mehr verstehen, mehr kennenlernen, mehr wissen – das war ein vager Wunsch, der sich (zu einem Teil jedenfalls) über die Jahre erfüllt hat.

Will Hartmann als Tony

Im Unterricht trommelten wir mit Herrn Kannapinn den Rhythmus von Ravels „Bolero“, wir lernten beim Schulkonzert Bernsteins „West Side Story“ kennen und verliebten uns dabei alle ein bisschen in „Tony“ (aus dem Solisten Wilhelm wurde später der Opernsänger Will Hartmann), beim Schüleraustausch sang ich in Princeton im Schulchor bei Bach im zweiten Alt, und die alten Choräle aus dem Kirchengesangbuch mochte ich sowieso mindestens seit meiner Zeit als Konfirmandin.

Musik-Picknick im Eisenhower Park

Die erste „echte“ Begegnung mit einem großen sinfonischen Orchester ist im Sommer 1988 eine eher zufällige. Beim Besuch der Verwandtschaft in Amerika macht die Freundin der Tante einen Vorschlag: Wir könnten doch mal zu einem der Park-Konzerte der New Yorker Philharmoniker gehen. Die Idee trägt Früchte. An einem Sonntag im August finden wir uns um„8 p.m.“ zum Picknick bei Musik im Eisenhower Park in East Meadow auf Long Island ein. Hören – wir sitzen nicht gerade vorn … – unter anderem die vierte Sinfonie von Johannes Brahms. Der britische Dirigent Andrew Davis, heute Chef des Melbourne Symphony Orchestra, leitet an diesem Abend das New York Philharmonic. Wir hören zu, applaudieren brav, schauen uns das Ganze an, fremdelnd noch, nicht so recht begreifend, dass dieses hier durchaus ein besonderes Ereignis ist.

Es folgen Konzerte mit Masur, Maazel, Gilbert

Aber es ist der Anfang. Übrigens auch einer bis heute (nicht von mir …) geführten Liste von sinfonischen Konzerten, auf der sich die „New Yorker“ später immer mal wieder finden lassen: im Juni 2000 mit Kurt Masur in der Kölner Philharmonie, im September 2008 mit Lorin Maazel in der Philharmonie Essen, im Mai 2013 mit Alan Gilbert im Konzerthaus Dortmund. Es gibt in dieser sinfonischen Entwicklungsgeschichte weitere Zäsuren. Eine davon datiert auf den 13. Oktober 2005 und führt nach Tel Aviv.

Tel Aviv: Am Ende die Hatikva

Am Ende des jüdischen Versöhnungstags Jom Kippur konzertiert zur Eröffnung der neuen Saison das Israel Philharmonic Orchestra unter Leitung von Zubin Mehta (von 1978 bis 1991 Chef in New York!) im Frederic R. Mann Auditorium in Tel Aviv. Nach einem Programm mit Musik von Ami Maayani, Jean Sibelius und Johannes Brahms spielt das Orchester, stehend, die Hatikva, die israelische Nationalhymne. Tief bewegend nach einem Tag des Fastens und Schweigens, des Nachsinnens über die auch mit uns Deutschen so schicksalhaft verbundene Geschichte des Staates Israel. „Es geht uns ans Herz“, habe ich am Tag danach in meinen Reisenotizen vermerkt.

Klang-Magier Teodor Currentzis

Derart ergriffen hat mich im weiteren philharmonischen „Lebenslauf“ vor gerade einem Jahr ein Konzert in Köln: Das SWR-Symphonieorchester führte Schostakowitschs „Leningrader“ Sinfonie auf, mit einer Intensität (wen wundert’s: am Pult agierte Klang-Magier Teodor Currentzis), die zuweilen körperlich anfasste. Auch hier verband sich dramatisch-tragisches historisches Geschehen mit Musik, das freilich in einer, wie die Presse später jubelte, „neuen Dimension“. Und ich war dabei!

Autor:

Claudia Irle-Utsch (Redakteurin) aus Siegen

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