Was fehlt ohne Kultur? Alles oder nichts?
„Es war alles so selbstverständlich“

Wie aus einer anderen Zeit: Stahlzeit spielten Rammstein am 1. Februar 2020 in der Siegerlandhalle vor 2400 Besuchern. Ob wir je nochmal so dicht gedrängt stehen, Live-Musik hören und zusammen feiern?
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zel Siegen. Die Theater und Museen sind zu, die Sitzreihen bleiben unbesetzt, das Kultur(er)leben ist fast zum Erliegen gekommen, gäbe es nicht hier und da einen Livestream aus einer leeren Kirche, aus einem leeren Schauplatz. Viele Leute in einem Raum, atmend, lachend, hustend und prustend, tanzend, singend – bei dieser Vorstellung hat die Politik lieber die Reißleine gezogen. Corona hat Kabarett, Kino und Komödie (wieder) unmöglich gemacht – trotz ausgetüftelter Abstands- und Hygiene-Konzepte.

Schlimmes Vermissen oder nicht so dramatisch?

Der erneute Lockdown trifft die Kultur hart, die Künstler noch härter, Existenzen hängen dran, wie vielfach berichtet. Aber wie geht es eigentlich den Zuschauern und Zuhörerinnen, wollten wir wissen. Seit Anfang November stehen die Menschen wieder ohne Live-Kultur da – bzw. sitzen zu Hause und gucken vermutlich mehr in die Röhre als sonst. Schlimmes Vermissen oder gar nicht so dramatisch? Fehlt dem Publikum existenziell etwas – oder ist es mehr der soziale Aspekt? Oder eigentlich alles? Oder nichts? „Endlich fragt mal jemand“, schreibt uns dazu Ingrid Tielsch.

Es hatte schon Tradition

Der regelmäßigen und begeisterten Theater- und Konzert-Gängerin aus Siegen fehlen im Winter vor allem ihre Abo-Veranstaltungen im Apollo. Was sie nicht sah und hörte: „Der Menschenfeind“ mit Ulrich Matthes, das Kinderstück „Die Bremer Stadtmusikanten“ in der Inszenierung von Werner Hahn, das sie mit Familie und vor allem ihrem Enkel besucht hätte, die „Weihnachtsgeschichte“ und das Weihnachtsprogramm mit Dieter Falk & Gästen. Beim Jahreswechsel gab es kein „Same procedure as every year“, schreibt sie: Der Silvesterabend im Apollo (Tielsch: „nicht die Party, da war ich immer lieber zu Hause“) und das Neujahrskonzert mit der Philharmonie Südwestfalen fielen aus, sonst „eine wunderbare Art, das alte Theaterjahr zu verabschieden und das neue Jahr zu begrüßen“. Zum Theaterbesuch gehört bei ihr vorher das Treffen bei „Apollo begrüßt“, hinterher im „Bariton“ am reservierten Tisch. Der gesellige Teil, der Austausch über das Gehörte, Gesehene: „Es war alljährlich alles so selbstverständlich!“

Heimat hat(te) was zu bieten

„Nachdem ich 13 Jahre im Ausland gelebt hatte, kam ich gern wieder nach Siegen zurück und freute mich sehr – auf die Veranstaltungen und Konzerte im Apollo, auf Lesungen von Autoren, die ich in meiner Muttersprache schätzte, auf junge Theatergruppen (Bruchwerk), auf Ausstellungen in den drei Museen und bei der VHS, auf die weltbesten Filme im Viktoria Dahlbruch, auf das Literatur-Café etc.“, teilt uns Anne Stötzel-Rinder mit – und fragt: „Und nun?! Verlorene Zeit, verlorene Kunst, verlorene Künstler …?!? Wer hat gute Ideen, wie wir ,als kulturelle Wesen‘ weiterleben können?“

Produzenten sind Konsumenten

Wer sich selbst künstlerisch ausdrückt, hat auch ein Interesse zu sehen, was die anderen machen. „Unser Siegener Verein ,Limited Edition Musical and More‘ lebt für die großen Bühnen, daher vermissen wir es, sowohl live aufzutreten als auch uns durch Auftritte anderer inspirieren zu lassen“, mailen Hannes Bade und Jenny Kolloch aus Siegen an die Kulturredaktion. „Zum Glück bieten hiesige Locations wie das Bruchwerk-Theater oder das Vortex Streaming-Konzerte, Theaterstücke und letzteres sogar einen Auftritt unserer Gruppe auf YouTube an!“

Geht auch online, wiewohl …

Ingrid Tielsch hat am 20. Dezember einen Online-Stream aus dem Schauspiel Köln verfolgt: „Früchte des Zorns“ nach dem Roman von John Steinbeck. „Tolle Inszenierung, großartig gespielt“, findet sie. Sie schaue schon Livestreams vom Bruchwerk-Theater und vom „Kleinkunsttempel“ Lÿz (wo sie live gerade noch Wilfried Schmickler hatte erleben können) – aber: „Ein Online-Besuch im Museum ersetzt ja auch nicht den persönlichen Besuch.“ Bei aller Liebe, so liest sich die Mail: Live-Kultur kompensieren, geht das? „Nichts hat für mich den Stellenwert wie das Apollo-Theater. Theater live, Konzerte live. Das gemeinsame Erleben. Mit allem Drumrum.“

Mehr als Kultur, eigentlich alles

Es ist viel Rumhängen auf Sofas im Moment. Uwe Lyko alias Herbert Knebel macht es hier vor – 2017 in Kreuztal. Mal abschalten vom Alltag, was mit anderen erleben: Das ist es auch, was den Menschen derzeit ohne Kultur fehlt.
  • Es ist viel Rumhängen auf Sofas im Moment. Uwe Lyko alias Herbert Knebel macht es hier vor – 2017 in Kreuztal. Mal abschalten vom Alltag, was mit anderen erleben: Das ist es auch, was den Menschen derzeit ohne Kultur fehlt.
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„Wie lange soll die Sippen- und Einzelhaft denn noch gehen?“, fragt Acki Röther aus Wilnsdorf. „Natürlich vermisse ich die Kultur oder was man so alles darunter versteht. Es ist nicht das Bier an der Theke, sondern die Unterhaltung mit Freunden und Fremden, das Tanzen, das Zuschauen im Theater, das Fachsimpeln und ja, auch das Streiten über Fußball und Politik, die Pizza mit Freunden oder das Dinner mit seiner Partnerin. Das alles ist weg. Was hat Corona aus uns gemacht? Wir misstrauen jedem, der näher als eine Armlänge an uns heran kommt. Wir besuchen Oma und Opa nur mit schlechtem Gewissen. Wir alle warten auf den Startschuss, um uns wieder zu treffen und Corona hinter uns zu lassen.“
Mit einer subjektiven Betrachtung, nämlich, dass es um noch viel mehr geht, schließt auch Ingrid Tielsch ihre E-Mail: „Die Wirksamkeit der erneuten Schließungen von Kultur und Restaurants und Kiesertraining, nachdem alle ihre guten Hygiene- und Sicherheitskonzepte am Laufen hatten, habe ich bezweifelt und tue es noch. Wir werden gehindert, etwas für Leib und Seele, fürs Herz und Gemüt im geschützten Raum zu tun … oder?“

Andererseits

„NICHTS!“, lautet kurz und knackig die Antwort auf die Frage nach dem Vermissen von Klaus Pfeil aus Burbach. „In dieser Zeit muss man einfach Prioritäten setzen, und da steht die Kultur weit hinten an.“

Umfrage: Schreiben Sie uns, was kulturell fehlt
Wie aus einer anderen Zeit: Stahlzeit spielten Rammstein am 1. Februar 2020 in der Siegerlandhalle vor 2400 Besuchern. Ob wir je nochmal so dicht gedrängt stehen, Live-Musik hören und zusammen feiern?
Es ist viel Rumhängen auf Sofas im Moment. Uwe Lyko alias Herbert Knebel macht es hier vor – 2017 in Kreuztal. Mal abschalten vom Alltag, was mit anderen erleben: Das ist es auch, was den Menschen derzeit ohne Kultur fehlt.
Autor:

Regine Wenzel (Redakteurin) aus Siegen

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