Update (Video): Frank Röcher betreibt Tonstudio seit 1988
„Es wird irgendwie weitergehen“

Seit 1988 betreibt Frank Röcher sein Tonstudio in Eisern. In der Region sind die Hi Five Studios an der Eiserntalstraße eine Topadresse für audiophile Musikproduktion. Doch auch und gerade in diesem Wirtschaftsbereich schlägt die Corona-Krise voll durch.
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  • Seit 1988 betreibt Frank Röcher sein Tonstudio in Eisern. In der Region sind die Hi Five Studios an der Eiserntalstraße eine Topadresse für audiophile Musikproduktion. Doch auch und gerade in diesem Wirtschaftsbereich schlägt die Corona-Krise voll durch.
  • Foto: Alexander W. Weiß
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

aww – Update: Das weiter unten im Text kurz erwähnte Projekt des bei Köln lebenden Filmemachers und Songpoeten Martin Buchholz mit zahlreichen Musikerinnen und Musikern ist fertig und steht nun online. Beteiligt sind auch in der Region bekannte Künstler wie Timo Böcking oder Ute und Friedemann Rink. Frank Röcher von den Hi Five Studios Eisern hat den Mix übernommen. Hier geht es zu dem Video des in Corona-Zeiten Hoffnung machenden Liedes „Zünde eine Kerze an“.

Auch die Hi Five Studios in Eisern leiden derzeit massiv unter der Corona-Krise. Ein Gespräch mit Tonstudio-Betreiber Frank Röcher über Vergangenheit und Gegenwart.

aww Eisern. Trotz seiner noch locker überschaubaren 52 Lenze kann Frank Röcher mit Fug und Recht als Alteingesessener bezeichnet werden. Und das nicht nur in Bezug auf die Heimatverbundenheit des Musik- und Sound-Aficionados, der in Eisern aufwuchs, bis heute dort lebt – und seinem Geschäft nachgeht: Seit 1988 betreibt er an der Eiserntalstraße ein Tonstudio, ist also in seiner Profession auch schon so etwas wie ein alter Hase. Schon lange gelten die Eiserner Hi Five Studios als eine Topadresse für audiophile Musikproduktion, in unserer Region, aber auch darüber hinaus.
In mehr als drei Jahrzehnten entstanden hier viele Produktionen vom klassischen CD-Album bis hin zu Musik für TV-Sendungen. Zur Kundschaft zählte auch Prominenz (die zu nennen Frank Röcher sich in aller Bescheidenheit schwertut, mag er sich doch nicht gern mit „Namedropping“ brüsten), daneben tummelte er sich ausgiebig im Bereich der christlichen Musikszene, die bekanntlich gerade im Siegerland immer eine große Rolle gespielt hat, und er war sich selbstverständlich auch für ambitionierte Amateur-Projekte nie zu schade.

Kundschaft aus Kanada und den USA

Gegenwärtig trifft Röcher – wie so viele Solo-Selbstständige – die Virus-Krise ausgesprochen hart. Im Interview mit der SZ-Kulturredaktion sprach er über seine Arbeit (nicht nur) als Audio-Engineer und Produzent, die Geschichte seines Tonstudios und – in akuten Corona-Zeiten praktisch unvermeidlich – über die derzeitigen wirtschaftlichen Einbußen.
Im Grunde ist Frank Röcher, der sein Abitur am Gymnasium Auf der Morgenröthe machte, Autodidakt in Sachen Tontechnik. „Obwohl das so eigentlich nicht ganz richtig ist“, wie er erklärt. Denn: In den 1980ern habe es noch keine „adäquate Ausbildung“ in seinem Metier gegeben, doch habe er zu der Zeit „viel in angesagten Tonstudios hospitiert“. Der vor allem im christlichen Bereich namhafte heimische Musiker und Produzent Helmut Jost habe ihn dann, es muss um 1989 oder 1990 herum gewesen sein, um eine Tonstudio-Partnerschaft angefragt. Dazu kam es dann zwar nicht, aber am Ende zu einem anderen erfolgreichen Geschäftsmodell: Röcher suchte sich einen Kompagnon (Stefan Weyel, der 2014 ausgeschieden ist), und Jost lastete das Studio mit seinen Produktionen zu einem Teil aus. „Das hat in den 90ern sehr gut funktioniert“, blickt Röcher zurück. Ab 1990 wurden Alben produziert, nicht nur mit regionalen Künstlern, sondern „eigentlich ausschließlich überregional“. Sogar aus Kanada und den USA kam Kundschaft angereist, weil die Studiopreise jenseits des großen Teichs wesentlich höher lagen.

Vom Proberaum zum Tonstudio

Seit den Anfängen, als das Studio – ursprünglich ein Proberaum für Röchers Band, in dem nach und nach auch Demo-Kassetten für christliche wie auch säkulare Gruppen aufgenommen wurden – noch in den Kinderschuhen steckte, wurde die Technik sukzessive ausgebaut. „Zuerst hatten wir acht, später 16 Spuren. Anfang der 90er haben wir das dann mit teurer Analogtechnik auf professionelles Niveau gebracht.“ Mit einer Zwei-Zoll-Bandmaschine, die damals gebraucht (!) 85 000 DM kostete, und einem Mischpult für schlappe 140 000 DM. „Wir haben viel Geld in die Hand genommen“, so Röcher. Heute sind die Hi Five Studios freilich volldigitalisiert, der Übergang sei fließend gewesen.
Über die Jahre hat sich, maßgeblich aufgrund des sich verändernden Konsumverhaltens auf einem zunehmend digitalen Musikmarkt, notwendigerweise auch der Tätigkeitsbereich Röchers diversifiziert. Anfänglich übernahm der Eiserner nahezu ausnahmslos Studio- und Live-Recordings. „Ich habe fast ausschließlich für Verlage gearbeitet. Damals war die Musikindustrie noch in Ordnung. Als die ersten Streamingdienste aufkamen, ging es mit den Verlagen bergab.“ Der Grund: Mit Online-Musik ließ sich weniger Geld verdienen als mit CDs. „Die Verlage sind reihenweise gestorben. Da ist bei uns das Geschäftsmodell zusammengebrochen.“ Die Budgets wurden kleiner, professionelles Arbeiten, wie Röcher es gewohnt war, konnte nicht mehr stattfinden. Was, am Rande bemerkt, in der Musikbranche bis heute zu einer Veränderung im Rezeptionsverhalten geführt hat, die ein Sound-Fan wie er beklagen muss: „Das ist qualitätsmäßig total eingebrochen. Aber das interessiert den Endverbraucher nicht, der Musik auf Handys oder als MP3 hört, das ist dem egal.“

Neue Betätigungsfelder wie Mastering

Neue Betätigungsfelder neben den Aufnahme-Sessions, die es freilich auch immer noch gibt, mussten also her. Heute erfüllt der Studiobetreiber viele Aufträge im Bereich des „technisch anspruchsvollen“ Masterings (Fein-, Nach- und Endbearbeitung des bereits fertig gemischten Albums/Musikprodukts). Daneben übernimmt er das Live-Mixing (und -Recording) von Konzerten, was er auch schon als Schüler gerne tat, wofür ihm aber in erwähnten goldenen Studiozeiten meist die Zeit fehlte. Beratung, Verkauf und Installation im Bereich Audiohardware (z. B. Beschallungsanlagen) und Coaching (Band- und Audio-Workshops) sind weitere seiner Geschäftsbereiche.
Auch die Übernahme von Einzelgewerken ist in Zeiten, in denen viele Musiker dank preisgünstiger Digitaltechnik in den eigenen vier Wänden aufnehmen können, in den Vordergrund gerückt: Wenn es beispielsweise an die fachgerechte Auf- und Abnahme eines Drumsets geht, stößt der Musiker im Homestudio eben doch schnell an Grenzen. Diese Entwicklung mache das „Studioleben sehr einsam“: „Jeder arbeitet zu Hause, und man schickt sich Files hin und her.“ Doch beobachtet Röcher in Bezug auf die veränderte Produktionswelt eine „schöne Trendwende“: Im Moment würden wieder mehr Live-Musiker aufgenommen. Weil: „Das geht viel schneller, als wochenlang etwas zu programmieren. Wenn du Musiker auf Bundesliga-Niveau hast, rechnet sich das wieder.“ Und nebenbei befruchte das gemeinsame Aufnehmen gegenseitig die Kreativität.

Buchungen coronabedingt in Luft aufgelöst

Die liegt – trotz vieler Gegenmaßnahmen auch im kulturellen Bereich – allerdings in Corona-Zeiten vielerorts brach. Auch die Hi Five Studios sind, wie eingangs gesagt, Opfer der Corona-Krise. „Glücklicherweise waren die Auftragsbücher voll bis Ende Juni“, sagt Frank Röcher. Aber: Nach und nach brachen nun die Jobs weg, beginnend Mitte März, als die Nachricht kam, dass die Konzerte der Uni-Big-Band Siegen in Baden-Württemberg und im Siegener Lÿz (wir berichteten), die Röcher für eine Live-CD mischen und aufnehmen sollte, abgesagt werden. Ideen, das Album quasi „live im Studio“ in anderen Räumlichkeiten aufzunehmen, zerschlugen sich. Allein das für Röcher ein Arbeitsausfall von 14, 15 Tagen, Vor- und Nachbereitung (wie Editing) eingerechnet. Dann habe sich „Tag für Tag eine Buchung nach der anderen in Luft aufgelöst“, etwa eine Album-Produktion mit einem Solo-Künstler, der selbst aufgrund der plötzlich wegfallenden Einnahmen in finanzielle Not geriet, oder ein Projekt mit Musikern aus dem Ausland, die nun nicht mehr einreisen konnten.

„Die können uns ja nicht ewig einsperren“

Röchers Fazit: „95 Prozent aller Aufträge und Buchungen sind weggebrochen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die zwei Sessions, die ich noch habe, auch noch wegfallen werden.“ Ein Vierteljahr Arbeit habe sich innerhalb einer Woche komplett verabschiedet. Restarbeiten gebe es immer noch zu tun, sagt Röcher, „aber du musst ja weiterdenken, du musst ja sehen, wie du dein Geld verdienst“. Denn die Kosten laufen weiter. Mit einem Partner hat er ein Konzept im Bereich Video-Streaming erarbeitet – vielleicht ein weiteres Geschäftsmodell gerade jetzt. Und für einen Filmemacher aus der Nähe von Köln soll er aktuell Soundfiles zahlreicher Musiker aus Heimproduktion für ein Songvideo zusammenbasteln, das in Kürze online gehen soll.
Allerdings, so Röcher, sei die derzeitige Situation für ihn „absolut existenzbedrohend“. NRW-Soforthilfe hat er jedenfalls beantragt, obgleich er nicht sicher ist, inwieweit die spätere Prüfung für seine Branche praktikabel ist. Mutlos wird er über alledem indes nicht: „Die können uns ja nicht ewig einsperren. Es wird irgendwie weitergehen.“

Seit 1988 betreibt Frank Röcher sein Tonstudio in Eisern. In der Region sind die Hi Five Studios an der Eiserntalstraße eine Topadresse für audiophile Musikproduktion. Doch auch und gerade in diesem Wirtschaftsbereich schlägt die Corona-Krise voll durch.
Aufwendige Angelegenheit: die Mikrofonabnahme eines Schlagzeugs. Im Bild: Drummer Moritz Mann bei einer Session im vergangenen Jahr in den Eiserner Hi Five Studios.
Autor:

Alexander W. Weiß (Redakteur) aus Siegen

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