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Drama Statt Siegen überzeugt im Kulturhaus Lÿz mit Stück von Juli Zeh
"Freiheit heißt jetzt Sicherheit"

Im Stück „Zweihundertdrei“ müssen sich die vier Mitglieder der „Familie“ regelmäßig „Untersuchungen“ unterziehen.
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  • Im Stück „Zweihundertdrei“ müssen sich die vier Mitglieder der „Familie“ regelmäßig „Untersuchungen“ unterziehen.
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fb Siegen. Fast ist es schon ein wenig gespenstisch, wie Betty, Leo und Christa auf der Bühne sitzen. Ein Mann liegt ihnen zu Füßen. Alle verharren im Standbild. Stumm begrüßen die vier Charaktere die Zuschauer, während diese im Halbdunkeln ihre Plätze suchen.
Grübeln, stutzen, hinterfragenDer Verein Drama Statt Siegen zeigte am Mittwochabend im Kleinen Theater im Kulturhaus Lÿz die Premiere des Stücks „Zweihundertdrei“ von Juli Zeh. Das Stück, das 2011 im Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt wurde, lässt die Zuschauer grübeln, stutzen und vor allem viel hinterfragen.
Das Bühnenbild ist minimalistisch gehalten.

fb Siegen. Fast ist es schon ein wenig gespenstisch, wie Betty, Leo und Christa auf der Bühne sitzen. Ein Mann liegt ihnen zu Füßen. Alle verharren im Standbild. Stumm begrüßen die vier Charaktere die Zuschauer, während diese im Halbdunkeln ihre Plätze suchen.

Grübeln, stutzen, hinterfragen

Der Verein Drama Statt Siegen zeigte am Mittwochabend im Kleinen Theater im Kulturhaus Lÿz die Premiere des Stücks „Zweihundertdrei“ von Juli Zeh. Das Stück, das 2011 im Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt wurde, lässt die Zuschauer grübeln, stutzen und vor allem viel hinterfragen.
Das Bühnenbild ist minimalistisch gehalten. Dunkle Vorhänge umschließen hinten und seitlich die Bühne, und nur vier Darsteller – drei sitzen auf Stühlen, einer von ihnen Zeitung lesend, einer schlafend auf dem Boden – befinden sich zu Beginn auf der Bühne. Sie alle tragen den gleichen grauen, unförmigen Jogginganzug. Irgendwie erinnert er an eine Gefängniskluft.
Der schlafende Mann, als Daniel Marker stellt er sich später vor, wird  von den anderen geweckt. Ein Schock für ihn. „Willkommen auf 203“ singen sie. So heiße ihr Zimmer und er Thomas. „Ich heiße nicht Thomas“, kann der nur sagen. Christa verweist auf den vierten, noch leeren Stuhl und sagt: „Der auf dem Platz ist immer Thomas.“ Doch Daniel (oder Thomas) ist verwirrt. Er begreift nicht, was vorgeht, und auch die Zuschauer tappen lange im Dunkeln, während „die Familie“, wie die anderen drei sich nennen, sich über alles und jeden streitet. Warum zum Beispiel streiten sich Christa und Leo, die anscheinend Bettys Eltern sind, andauernd über Milchprodukte und den Klimawandel? „Es ist am Anfang wahrscheinlich Absicht, dass die Zuschauer nicht verstehen, was gerade passiert“, sagt Tim Lechthaler, der Regie führte.

Düstere und entstellte Version der Zukunft

Die Autorin nimmt die Zuschauer mit auf eine kreiselnde, immer tiefer hinabführende, bitterböse Irrfahrt durch die Gesellschaft und lässt kein gutes Haar am heutigen Lebensstil. Die Interpretation sei aber ganz dem Zuschauer überlassen, so Lechthaler. Die düstere und entstellte Version der Zukunft, die Juli Zeh ausmalt, verbindet auf morbide Weise das Problem des massenhaften Fleischkonsums mit den immer voller werdenden Gefängnissen. Mehr und mehr verstrickt sich Daniel in die alternative Realität der „Familienangehörigen“, und schließlich scheint er selbst nicht mehr sicher zu sein, was in seinem Leben real ist und was nicht.
Daniel Seifried als Daniel (oder Thomas) zeigte immer wieder, wie gute Mimik einen Charakter ausbauen kann, und Levia Murrenhoff als Betty bestach in ihrer Darstellung der Rolle, die maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass Daniel Marker irgendwann doch lieber Thomas heißen will.
Auf der Bühne ebenfalls zu sehen waren Alina Schäfer (Christa), Ulf Mandt und, sehr kurz, Christina Lange (beide Leo) sowie Jule Erler und Mona Bratrich als gefühlskalte Wärterinnen, die einen Einblick außerhalb des verhängnisvollen Zimmer 203 zuließen. „Freiheit heißt jetzt Sicherheit“, lautet ein Satz in einer spannenden und herausfordernden Inszenierung. Aktueller und brisanter könnte er gerade heute nicht sein. Weitere Aufführungen des Stücks gibt es am 7., 11. und 12. März, jeweils um 20 Uhr im Lÿz.

Autor:

Florian Broda

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