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Navid Kermani und Claus Leggewie im Apollo
Fünfteiliger "Ausnahmezustand"

Auf gewohntem Weg mit neu-notwendiger Ausstattung: Die Gesprächspartner Navid Kermani (vorn) und Claus Leggewie (dahinter) passieren die Unterstützer-Wand des Siegener Apollo-Theaters mit Mund-Nasen-Schutz.
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  • Auf gewohntem Weg mit neu-notwendiger Ausstattung: Die Gesprächspartner Navid Kermani (vorn) und Claus Leggewie (dahinter) passieren die Unterstützer-Wand des Siegener Apollo-Theaters mit Mund-Nasen-Schutz.
  • Foto: René Achenbach
  • hochgeladen von Claudia Irle-Utsch (Redakteurin)

ciu Siegen. Hier und da blitzt er auf, dieser Zauber, den der Anfang birgt. Das immer dann, wenn die beiden auf der kleinen, fast zerbrechlichen Bühne vor dem massiven, dem Eisernen Vorhang des Theaters sich sehr konsequent an ihre selbst gesetzten Spielregeln halten. „Navid liest, ich frage, kommentiere“, bringt Claus Leggewie das andernorts schon erprobte Konzept auf den Punkt. Dazu werde er die Texte des Publizisten und Poeten mit anderen Texten konfrontieren, um dann wiederum einen Gesprächsfaden aufzunehmen, der dann „Sie“ (gemeint: das Publikum) „auf gute Gedanken“ bringen möge.
"Festival der Abstände"Es geht an diesem ersten Abend der fünfteiligen Reihe „Ausnahmezustand“ (zugleich der Beginn des „Festivals der Abstände“, das bis zum 11.

ciu Siegen. Hier und da blitzt er auf, dieser Zauber, den der Anfang birgt. Das immer dann, wenn die beiden auf der kleinen, fast zerbrechlichen Bühne vor dem massiven, dem Eisernen Vorhang des Theaters sich sehr konsequent an ihre selbst gesetzten Spielregeln halten. „Navid liest, ich frage, kommentiere“, bringt Claus Leggewie das andernorts schon erprobte Konzept auf den Punkt. Dazu werde er die Texte des Publizisten und Poeten mit anderen Texten konfrontieren, um dann wiederum einen Gesprächsfaden aufzunehmen, der dann „Sie“ (gemeint: das Publikum) „auf gute Gedanken“ bringen möge.

"Festival der Abstände"

Es geht an diesem ersten Abend der fünfteiligen Reihe „Ausnahmezustand“ (zugleich der Beginn des „Festivals der Abstände“, das bis zum 11. Juli das Siegener Apollo wieder zu einem Ort des Theaters, der Musik und des gesellschaftlichen Lebens machen möchte) um „Berührung“. Und damit um eine Handlung, die in der gegenwärtigen Situation fast zum Un-Ding geworden scheint. „Nicht anfassen!“ – das ist eine der Devisen, die in der Pandemie das Über- und auch Miteinanderleben sichern sollen. Vom „Don’t touch!“ ist es nicht weit zum „Don’t touch me!“, zum „Rühr mich nicht an!“, das letztlich auch die Bitte oder gar den Befehl „Lass mich in Ruhe!“ impliziert. Wie aber kann der Mensch dann noch berührt werden – körperlich, geistig, innerlich? Vielleicht mit Worten? Vielleicht mit Worten! Bloß nicht soll die Frau von Liebe sprechen, soll vor dem Heiligsten, ihrem männlichen Liebhaber und Versorger, das Heiligste nicht benennen. Diese seltsam ferne Nähe schildert Navid Kermani in einem Kapitel seines Buchs „Du sollst“ (2005), das Beziehungsgeschichten (auch erotischer Art) in den Kontext der Zehn Gebote stellt.

Begegnung zwischen Jesus und Maria

Geht es hier um das Bild eines sehr entfernten Gottes, führt Leggewie mit seinem ersten Text-Konter zu dem im Grunde zugewandten Gottessohn, der am Tag der Auferstehung der Frau am Grab, Maria aus Magdala, mit seinem „Noli me tangere“, dem „Halte mich nicht fest“ oder auch „Berühre mich nicht“, auf Abstand hält. Die bildende Kunst, zumal der Renaissance, schildert diese Szene als eine, in der sich Verlangen nach und Verzicht auf Berührung, situationsbedingt, immens – im Spiel der Hände, in der Körperhaltung, in den Blicken … – verdichten. Nur ein paar Verse weiter berichtet das Johannesevangelium (Kapitel 20) dann von Jesu Aufforderung an den Jünger Thomas, in die Folterwunden zu fassen. Vielleicht wollte Navid Kermani an dieser Stelle des Gesprächs am Donnerstag schon weiter, als er sagte, wie schwer es derzeit sei, die Eltern, die Großeltern nicht berühren zu dürfen, „als wäre etwas kontaminiert“, hatte schon seinen zweiten Text im Sinn, der „Entlang den Gräben“ (2018) ins vom GAU in Tschernobyl so stark betroffene Weißrussland führen würde. Doch dann blieben die beiden Vor-Denker (Leggewie: „eher Gläubige als Agnostiker“) noch einen Moment beim Wert der biblischen Texte, bei den Veränderungen, die die Abstandsgebote und Berührungsverbote im Bereich des Religiösen verursachen könnten, bei der „gewissen Armut“ jener
Glaubenskreise, die aus Trotz der alten Normalität verhaftet blieben. Und es ging in einem weiteren soziologischen „Kapitel“, basiert auf den Forschungen des US-Anthropologen Edward T. Hall, um Grenzziehungen im unmittelbaren Miteinander, um Abstandsregeln, die von Mensch zu Mensch, von Kultur zu Kultur unterschiedlich sind, eine Mischung bilden aus Konvention und Befindlichkeit. Kermanis Beobachtungen der Menschen in einem Land, das nicht nur atomar, sondern auch „von der Geschichte kontaminiert“ ist, verwiesen auf eine „gewisse Gleichmut“ der weißrussischen Bevölkerung, die mit der Katastrophe und letztlich immer noch in der Katastrophe leben. „Es geht, aber …“ Man spüre, dass zwischen dem Vorher und Nachher etwas aus dem Takt geraten sei, mit sozialen Folgen: Morde, Selbstmorde, psychische Erkrankungen.

Corona bringt Welt aus dem Rhythmus

Dass Corona den Herzschlag der Welt aus dem Rhythmus gebracht habe, sei greifbar, so Kermani/Leggewie, aber nicht unbedingt nurnegativ zu bewerten. Das Zögerliche der Rückkehr ins Gewohnte berge, so Claus Leggewie, die Chance auf ein „konditioniertes Wiederhochfahren“, die Möglichkeit, auch mit Blick auf Klimakrise oder soziale Ungleichheit, „den Last Exit“ hinzukriegen.

Das Mädchen und der Polizist

Die Festival-Gäste, rund 50 Menschen „auf Abstand“, zeigten sich in der (leider nur ansatzweisen) Diskussion am Ende des Abends vor allem dankbar für diese Auseinandersetzung mit dem augenblicklich Erfahrbaren – und berührt. Zumal von der kleinen, feinen Skizze Kermanis, die einen zarten Moment auf einer Flucht zeigt, das heimatlose Mädchen, den uniformierten Polizisten im Bereich des unmöglich Möglichen.

Kommentar:
Es geht! Reales Kultur-Erleben ist möglich und womöglich für das
Publikum einfacher als für die Protagonisten auf der Bühne. Navid Kermani und Claus Leggewie mussten sich, obgleich auf vertrautem Terrain, herantasten an ein Gespräch, das sie sonst auch räumlich näher führen. Mussten klar kommen mit einem Publikum, das
ihnen plötzlich sehr sichtbar, sehr individuell begegnete. Sahen sich konfrontiert mit einem Anfang, der auch wegen der akustischen Gegebenheiten des veränderten Theatersaals im Apollo (in der bundesdeutschen Fachwelt durchaus einen Hinweis wert!) ein wenig holperte und den
„intellektuellen Doppelpass“, wie Intendant Magnus Reitschuster es in seiner Vorrede betonte, für einen Moment im Aus enden ließ. Man konnte während des zweistündigen „Ausnahmezustands“ die äußeren Umstände fast völlig ausblenden. Was für die Qualität des Gebotenen spricht, für den längst geübten Umgang mit Mund-Nasen-Schutz und Abstand wahren. Deshalb sollten wir, die wir Kultur für systemrelevant halten (dazu bekannte sich in seinem Grußwort ausdrücklich auch Bürgermeister Steffen Mues), hingehen. Wir sollten genau hinsehen und auch hinhören, auf Tuchfühlung gehen, Distanz überwinden, Nähe suchen, mitreden. Nicht nur im Apollo, aber auch dort. Gerade jetzt.

Wo Gesellschaft beginnt
Autor:

Claudia Irle-Utsch (Redakteurin) aus Siegen

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