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Poetry-Slam „Dead Or Alive“ im Apollo Siegen endet mit genre-untypischer Überraschung
Harry gewinnt! Oder ist es Heinrich?

ne Siegen. Keineswegs überraschend: Als der Rezensent kurz vor Beginn der rund dreistündigen Literaturshow seine Karte an der Kasse abholt, sind überhaupt nur noch zwei Tickets verkäuflich: Ausverkauft, fast 550 zumeist junge Menschen sitzen im Theater an der Sieg und werden sich der Wortkunst widmen. Dies allein euphorisiert schon. Dann kommen die beiden Moderatoren Tristan Kunkel und Jan Schmidt auf die Bühne und bringen das Publikum in Stimmung, erklären die Regeln, instruieren die Jury, machen Scherze, stellen als „Featured Poet“, als Beitrag außerhalb des Wettbewerbes also, das Wittgensteiner Slam-Urgestein Michael Hof vor, der wie stets mit seinen surreal-burlesken Texten polarisiert: Entweder ist Herr Hof aus Aue-Wingeshausen Kult oder hinterlässt gerunzelte Teenagerstirnen.

ne Siegen. Keineswegs überraschend: Als der Rezensent kurz vor Beginn der rund dreistündigen Literaturshow seine Karte an der Kasse abholt, sind überhaupt nur noch zwei Tickets verkäuflich: Ausverkauft, fast 550 zumeist junge Menschen sitzen im Theater an der Sieg und werden sich der Wortkunst widmen. Dies allein euphorisiert schon. Dann kommen die beiden Moderatoren Tristan Kunkel und Jan Schmidt auf die Bühne und bringen das Publikum in Stimmung, erklären die Regeln, instruieren die Jury, machen Scherze, stellen als „Featured Poet“, als Beitrag außerhalb des Wettbewerbes also, das Wittgensteiner Slam-Urgestein Michael Hof vor, der wie stets mit seinen surreal-burlesken Texten polarisiert: Entweder ist Herr Hof aus Aue-Wingeshausen Kult oder hinterlässt gerunzelte Teenagerstirnen.

Tote Klassiker und neue Aspiranten

Der Frankfurter Jakob Schwerdfeger ist der erste Wettbewerbsteilnehmer von sechs, beim „Dead-Or-Alive“-Format (DoA) treten Slammerinnen und Slammer gegen ihre toten Vorgänger an, die von ausgebildeten Schauspielerinnen und Schauspielern stilecht und ausdrucksstark verkörpert werden. Schwerdfeger begeistert mit Texten zur Empathielosigkeit der Gesellschaft, zur Tatenlosigkeit trotz des Wissens um Lösungen: Applaus, Applaus, 42 Punkte. Mascha Kaléko, gespielt von Heike Bänsch, rezitiert etwas pathetisch aus ihrer „Autorbiografie“, den Gedichten „Rezept“, „Irgendwer“ und „Der Mann im Mond“ und wird nicht im Finale stehen.
Ebenso wie die Kölnerin Leah Leaf, die in perfektem Slam-Idiom eine Reflexion über die Empathielosigkeit der Gesellschaft präsentiert: 44 Punkte von 50 möglichen. Der Wahlkölner Gerd Buurmann, auch „Kunst-gegen-Bares“-Erfinder und Theaterregisseur, verkörpert brillant den kritischen jüdischen Autor aus Düsseldorf, Harry Heine, der sich nach seiner Konvertierung zum Katholizismus Heinrich nannte und in Paris an der Syphilis elend starb.
Tobias Beitzel aus Bad Berleburg ist zweiter Gaststar außer Konkurrenz und bringt das Publikum mit seiner Nahsicht des Biotops Dorf zum Lachen. Diesmal geht es um die Vereinskultur der kleinen Gemeinschaften: Er seziert Männergesang-, Geflügelzucht- und Schützenvereine, eine lustige soziologische Untersuchung. Punkten darf dann wieder Florian Stein aus Bochum, der eine gereimte Version der Erinnerungen eines Steines auf die berühmten Bretter legt: siegverdächtig. Die letzte Anwärterin auf den Sieg ist aber die von Marie-Therese Schwinn dargestellte Erotikautorin Anaïs Nin, die sich während ihres eindrucksvoll auswendig vorgetragenen Lobes auf körperliche Extase als Freiheitsversprechen auf der Bühne gekonnt subversiv umzieht – und so gut in allem ist, was sie tut, dass ein Stechen zwischen ihr und Heine stattfinden muss, vor dem Finaleinzug.

Heine und Stein sind die Favoriten

Heine und Stein heißen dann die Favoriten, und eigentlich heißt das: Stein gewinnt, denn noch nie hat beim Siegener DoA-Slam der oder die Klassiker/-in sich gegen die zumeist authentischer wirkenden Gegenwartspoeten durchsetzen können. Aber es ändern sich die Zeiten: Heines/Buurmanns Interpretation von „Deutschland, ein Wintermärchen“ ist durchschlagend und gewinnt knapp vor einem eloquent-engagierten Appell Steins für mehr Empathie in der Gegenwartsgesellschaft. Da konnten nicht nur die Busladungen von Deutsch-Leistungskurslern zitierfähige Erkenntnisse mit nach Hause nehmen. Wer sagt denn, dass Literatur, die zeitgenössische wie die klassische, langweilig sein muss? Seit Poetry-Slams, spätestens, keiner mehr.

Autor:

Olaf Neopan Schwanke (Freier Mitarbeiter) aus Siegen

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