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Ulrich Tukur im Gespräch
"Ich liebe sie einfach - diese Musik!"

Ulrich Tukur (l.) und Die Rhythmus Boys gastieren am 2. Juli in Siegen.
  • Ulrich Tukur (l.) und Die Rhythmus Boys gastieren am 2. Juli in Siegen.
  • Foto: Elena Zaucke
  • hochgeladen von Peter Barden (Redakteur)

sz Siegen. Viele bedeutende Preise hat Ulrich Tukur gewonnen, doch sein Herz schlägt auch für die Klänge vergangener Zeiten. 1995 gründete er die Tanzkapelle Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys, die sich der Unterhaltungsmusik der 20er-, 30er- und 40er-Jahre verschrieben hat und ihre Jubiläumstour nachholt. Tukur und Die Rhythmus Boys sind am 2. Juli im Rahmen des Siegener Kultursommers auch im Hof des Oberen Schlosses in Siegen zu Gast. Zum  Vorab-Interview traf sich der Schauspieler mit Olaf Neumann in Hamburg.

"Menschen erheitern und gelassener stimmen"„Rhythmus in Dosen“ lautet das Motto Ihrer Jubiläumstour mit den Rhythmus Boys. Fließt in dieses Programm auch Ihre eigene Biografie irgendwie mit ein?

sz Siegen. Viele bedeutende Preise hat Ulrich Tukur gewonnen, doch sein Herz schlägt auch für die Klänge vergangener Zeiten. 1995 gründete er die Tanzkapelle Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys, die sich der Unterhaltungsmusik der 20er-, 30er- und 40er-Jahre verschrieben hat und ihre Jubiläumstour nachholt. Tukur und Die Rhythmus Boys sind am 2. Juli im Rahmen des Siegener Kultursommers auch im Hof des Oberen Schlosses in Siegen zu Gast. Zum  Vorab-Interview traf sich der Schauspieler mit Olaf Neumann in Hamburg.

"Menschen erheitern und gelassener stimmen"

„Rhythmus in Dosen“ lautet das Motto Ihrer Jubiläumstour mit den Rhythmus Boys. Fließt in dieses Programm auch Ihre eigene Biografie irgendwie mit ein?
Ulrich Tukur: Eigentlich nicht, und wenn, dann verfälscht und durch die Hintertür. Ich erzähle vom Leben berühmter Komponisten und Protagonisten der Unterhaltungskultur der 20er-, 30er- und 40er-Jahre. Als großer Verehrer Cole Porters, Irving Berlins, George Gershwins oder Glenn Millers flunkere ich Geschichten über sie zusammen, gemeinsame Erlebnisse, die die ich mit ihnen teilte, aber die es natürlich nie gab. Ich erzähle dabei vom Glanz und Zauber einer untergegangenen Epoche. Es ist der Versuch, Menschen in unserer bedrängenden Zeit etwas zu erheitern und gelassener zu stimmen. Das Ganze ist gattungsübergreifend: Konzert, Varieté, Kabarett, Theater und höherer Blödsinn. Dabei ist jeder Abend anders. Ich weiß nur den ersten Satz, und dann schaue ich, wie so die Chemie im Raum ist.

Woher stammt der Titel „Rhythmus in Dosen“?
Von Lutz Templin. Er fand sich in meiner Schellackplatten-Sammlung. Templin war Anfang der 40er Jahre Leiter der berüchtigten Propaganda-Swing-Band „Charlie and His Orchestra“. Goebbels hatte ihn beauftragt, ein Orchester zusammenzustellen, das im Auslandsrundfunk amerikanische und englische Schlager spielen sollte. Der Crooner Charlie Schwedler sang die Originale auf Englisch, versetzt mit antisemitischen und antiamerikanischen Texten. Und dieser Lutz Templin hat 1942 „Rhythmus in Dosen“ aufgenommen, eine ziemlich schmissige Instrumentalnummer. Einige Orchester haben in Berlin ja noch bis 1944 gespielt, und wenn sie es live taten, machten sie mitunter ziemlich heiße Musik. Das Dritte Reich war nicht so durchstrukturiert, wie wir das gerne glauben. Vom Orchester Hans-Georg Schütz habe ich eine Aufnahme von 1943, „Heiße Tage“, die sehr hot, fast amerikanisch ist. Warum er das einspielen durfte und andere nicht, weiß ich nicht. Vieles war unlogisch und erratisch in dieser Zeit, so wie ja auch unsere pandemische Politik oft einer gewissen Logik entbehrt. Als wir aufgrund der Corona-Situation unser Programm auf 70 Minuten ohne Pause abspecken mussten, haben wir uns auf kleinere, feine musikalische Dosen konzentriert und Templins Titel übernommen.

Schellackplatten auf Flohmärkten gefunden

Wie kamen Sie an die Schellack-Platten?
Ich habe sie über Jahre auf Flohmärkten zusammengekauft oder von Onkeln und alten Tanten geerbt. 1975/76 war ich auf einer Highschool in Boston. Ein Countrystore am Rande der Stadt war prallvoll mit amerikanischen Schellacks aus den 20ern, 30ern und 40ern in schick aufgemachten Alben. Die habe ich zu Hunderten nach Deutschland geschickt, wobei die Hälfte unterwegs zu Bruch ging. Darunter sind Raritäten, die niemand sonst auf der Welt besitzt.

Ich habe gehört, Sie haben sich in Ihrer Berliner Wohnung ein Zimmer im Stil der 1920er Jahre eingerichtet. Gehen Sie dort auf imaginäre Zeitreisen?
In der ganzen Wohnung finden Sie nichts, das aus der Zeit nach 1935 stammt. Es ist eine Mischung aus orientalischen, asiatischen und venezianischen Stilelementen. (...) Es ist wohl eine der wenigen ganz erhaltenen Berliner Wohnungen aus der Gründerzeit, die noch ihren Dienstbotentrakt haben. (...) Früher gehörte die Wohnung einer jüdischen Dame, einer Schneiderin, der es gelungen war, ihre Tochter 1938 außer Landes zu bringen. Sie wurde mit ihrer Enkelin 1944 deportiert und in Auschwitz ermordet. Ein Foto von ihr haben wir vom Vorbesitzer erhalten und einrahmen lassen. Es hängt jetzt am Eingang als Verbeugung vor dem Menschen, dem die Wohnung eigentlich gehört.

"Gier, Dummheit und technologischer Irrsinn"

Es gibt viele Gründe, sich zurückzusehnen nach der Geborgenheit vermeintlich besserer Zeiten. Hat Nostalgie Konjunktur, wenn von der Zukunft nichts Gutes zu erwarten ist?
Die Sehnsucht, dass es auf der Welt schöner, gerechter, poetischer und friedlicher zugehe, gab es immer, und sie existiert ja auch in unserer Zeit, auch wenn uns Gier, Dummheit und technologischer Irrsinn immer mehr zusetzen. Der tiefere Sinn des Internets besteht ja in einer besseren Kommunikation unter uns Menschen und im schnellen Zugriff auf Wissen, aber genutzt wird es im Wesentlichen, um Menschen zu kontrollieren, zu manipulieren und wirtschaftlich auszuweiden. Bilderfluten, denen wir überall und immer ausgesetzt sind, machen uns zunehmend sprachlos, legen unsere eigene Fantasie lahm und rauben uns unsere Autonomie und Menschenwürde. (...)

"Spritziges, elegantes Lebensgefühl"

Was genau fasziniert Sie eigentlich an Jazz, Swing und alten Schlagern?
Ich liebe sie einfach – diese Musik! Bei einem Jazzorchester aus den 1920ern spürt man auch noch nach fast hundert Jahren die nicht nachlassende Lebendigkeit, Frische und Lebensfreude einer längst vergangenen Epoche. Die Arrangements sind musikalisch komplex und gut hörbar, obwohl sie unter primitiven Bedingungen aufgenommen wurden. Dieses spritzige, elegante Lebensgefühl und die Qualität der Musiker haben sich mir sofort vermittelt.

– Übrigens: Karten für die Veranstaltung gibt es noch, wie Stephan Schliebs von Kultur Siegen mitteilte. Und am Wochenende davor sind etwa Las Migas mit „Weltmusik meets Flamenco“ und Michael Hatzius mit der „Echse auf Achse“ in Siegen.

Autor:

Redaktion Kultur

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