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Die Schließungen ab dem 2. November treffen die Kulturbranche der Region hart
„Innerer Lockdown“ droht

„Kann der Letzte, der geht, bitte das Licht ausmachen?“ Unser Foto von der Fassade des Siegener Museums für Gegenwartskunst ist am 21. Oktober entstanden. Heute erscheint die Botschaft der Künstlerin Nora Turato fast visionär.
  • „Kann der Letzte, der geht, bitte das Licht ausmachen?“ Unser Foto von der Fassade des Siegener Museums für Gegenwartskunst ist am 21. Oktober entstanden. Heute erscheint die Botschaft der Künstlerin Nora Turato fast visionär.
  • Foto: Regine Wenzel
  • hochgeladen von Redaktion Kultur

sz - Ob Literaturfestival, Musik oder Theater: ein erneuter Schlag für die Kulturszene.
gmz/zel/pebe Siegen. Dass es Probleme geben würde, war den Kulturschaffenden und -planenden in der Region klar. Dennoch sind die Beschlüsse zur Bekämpfung der Corona-Pandemie, wie sie am Mittwoch in Berlin gefasst wurden, ein überaus harter Brocken für die Beteiligten. Das zeigt sich in allen Reaktionen, die die SZ-Kulturredaktion erreichten – ob im Gespräch oder per Mail.
Komplett abgesagt ist das Literaturfestival „vielSeitig“, das in der kommenden Woche geplant war. Das teilte das Kreis-Kulturbüro gestern mit. Eine Streaming-Lösung gebe es nicht, und „ob das Festival in das kommende Jahr verlegt werden kann, wird zurzeit noch geprüft“, hieß es.

sz - Ob Literaturfestival, Musik oder Theater: ein erneuter Schlag für die Kulturszene.
gmz/zel/pebe Siegen. Dass es Probleme geben würde, war den Kulturschaffenden und -planenden in der Region klar. Dennoch sind die Beschlüsse zur Bekämpfung der Corona-Pandemie, wie sie am Mittwoch in Berlin gefasst wurden, ein überaus harter Brocken für die Beteiligten. Das zeigt sich in allen Reaktionen, die die SZ-Kulturredaktion erreichten – ob im Gespräch oder per Mail.
Komplett abgesagt ist das Literaturfestival „vielSeitig“, das in der kommenden Woche geplant war. Das teilte das Kreis-Kulturbüro gestern mit. Eine Streaming-Lösung gebe es nicht, und „ob das Festival in das kommende Jahr verlegt werden kann, wird zurzeit noch geprüft“, hieß es. Und weiter: „Für das Team des Kulturbüros und das studentische Seminar der Uni Siegen ist dies eine bittere Erfahrung, zumal alle bisherigen Vorgaben der Pandemiebekämpfung übererfüllt waren.“

Hygienekonzept hat sich bewährt

„Das Infektionsschutz- und Hygienekonzept hat sich bewährt“, findet auch Holger Glasmachers. Der Leiter von Kreuztal-Kultur, der städtischen Kulturabteilung, hat mit dem erneuten Lockdown nicht gerechnet. „Vielleicht schätze ich aber auch einfach die Situation ganz falsch ein“, überlegt Holger Glasmachers. Vielleicht sei das Publikum bei Kulturveranstaltungen doch gefährdeter, als man glaubt?
Für Kreuztal-Kultur erklärt Glasmachers, er habe – Stichwort Risikogebiet/zweite Gefährdungsstufe – schon vor dem angekündigten Lockdown ab 2. November alle Veranstaltungen bis auf eine absagen bzw. verschieben müssen. Der Kulturmacher versucht, für die Veranstaltungen Ersatztermine zu bekommen, was ihm auch größtenteils gelungen ist. Wer jetzt Karten nicht zurückgebe (was problemlos und unbürokratisch möglich ist!), könne sich mit Künstlern und Agenturen solidarisch zeigen – „und wir möchten, dass die Leute bei uns bleiben“.
Für ihn als Leiter einer kommunalen Kulturabteilung ist der Lockdown finanziell verkraftbar: „Keine Mieten, keine Gagen, keine Gema“ werden bezahlt, auf der anderen Seite stehen keine Einnahmen. Wenn Kosten durch Verlegungen an andere Spielorte angefallen seien (etwa um in der Otto-Flick-Halle eine Bühne zu bauen), wolle das Land NRW dafür aufkommen. Glasmachers „tut es einfach leid für die Künstler, Agenturen, Techniker und natürlich die Besucher“, die im November, „dem übelsten, dunkelsten Monat“, ohne Kultur auskommen müssten. Er hoffe, dass einige Kommunen wenigstens ihre Ortszentren stimmungsvoll beleuchten: „Das gäbe wenigstens ein bisschen was an Herzenswärme.“

Hoffen auf den Dezember

„Wir hoffen, dass wir im Dezember die vorweihnachtlichen Veranstaltungen mit weniger Personen vielleicht doch durchführen können“, sagt Cornelia Oerter, zuständig für das Heimhof-Theater im Burbacher Rathaus. Die Situation sei frustrierend. Auf die Nachfrage zur Finanzierung der Spielstätte meinte sie, der laufende Spielbetrieb sei von Defizit bestimmt, aber der Rat der Gemeinde stütze und unterstütze dieses kulturelle Angebot. Nun gehe es darum. das Publikum zu informieren und Ausweichmöglichkeiten zu suchen.

Arbeit auf Höchsttouren

Arbeit auf Höchsttouren bedeutet die neue Situation auch für Michael Nassauer, den Intendanten der Philharmonie Südwestfalen. Für ihn ist derzeit die dringlichste Aufgabe, einen Probenbetrieb für das Orchester aufrecht zu erhalten. Beim Gespräch mit der SZ wartete er noch auf die konkreten Hygienevorgaben der NRW–Landesregierung. Er könne zwar blind darauf vertrauen, dass seine Kolleginnen und Kollegen sich „handwerklich“ zu Hause fit hielten und übten. Aber ohne gemeinsame Probe gingen die „Fähigkeit und die Details des Zusammenspiels verloren“. Und es sei „Knochenarbeit“, das „Magische dieses Spiels“ zu erarbeiten und die Qualität zu bewahren. Er sei dabei, Absagen und Verschiebungen vorzubereiten. Drastische Schritte wie Kurzarbeit seien zurzeit nicht vorgesehen, meinte er auf entsprechende Nachfrage. Zum finanziellen komme auch der ideelle Schaden hinzu.

Bildung, nicht Unterhaltung

Mit dem Begriffspaar „Bildungseinrichtung“ (dazu gehören Schulen und Kindergärten, die bleiben offen) und „Freizeiteinrichtung“ kommt Thomas Thiel nicht gut klar. „Wir verstehen uns als Bildungseinrichtung.“ Obwohl Museen am Mittwoch in den Beschlüssen noch nicht erwähnt wurden, hat der Direktor des Siegener Museums für Gegenwartskunst es schon erwartet: Auch Museen müssen schließen. Dabei könne man sich in Museen ja noch stärker aus dem Weg gehen als anderswo. „Das ist eine politische Entscheidung zugunsten der Wirtschaft“, sagt Thomas Thiel. „Für uns ist das Ausstellungsjahr fast gelaufen“, erklärt er. Die aktuelle Schau geht noch bis zum 10. Januar 2021. Ausschließlich digital angeboten wird dazu die Vortragsreihe „Die Wolken und die Wolke“, die in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Universität Siegen realisiert wird.
Thiel bedauert besonders, dass die Aktion „Meisterwerke zu Besuch“ an zwei Wochenenden im November nicht stattfinden kann. Wie berichtet, sollten Arbeiten der Siegener Rubenspreisträger in die Region verliehen werden. „Dafür sind Drittmittel geflossen“, erklärt Thomas Thiel, nämlich aus dem Programm Regionale Kulturpolitik des Landes. Ob diese Gelder ins nächste Jahr mitgenommen werden können …?

"Wir haben einen Auftrag!"

Einen Auftrag, der weit über die Unterhaltungsaufgabe hinausgeht, sieht auch Magnus Reithschuster, Intendant des Siegener Apollo-Theaters. „Wir haben einen Auftrag!“, sagt er: Theater, kulturelle Angebote überhaupt, tragen auch dazu bei, gegen Vereinsamung, Depression und den resignierenden Rückzug ins Private anzugehen. Gerade auch bei älterer Menschen. Kultur kann und soll gegen einen „inneren Lockdown“ angehen, aus dem man nicht mehr herauskommt. Das geht nur, wenn sie „stattfindet“.
Deshalb trägt das Apollo, neben den Vorbereitungen für die hoffentlich möglichen Weihnachtskonzerte und das Weihnachts-Kinderstück, auch immer wieder „Inszenierungen“ in die Stadt. Mit den großen Bannern, die an der Apollo-Fassade hängen. Sie inszenieren das Wort, anders als auf der Theaterbühne, aber auch mit hoher Wirksamkeit.

"Wir wollen was machen!"

Dörthe Müller vom Gebrüder-Busch-Kreis bemängelt auch, dass die Kulturmacher mit ständig veränderten Vorschriften konfrontiert werden, die ein Planen praktisch unmöglich machten. Der Busch-Kreis wird in der kommenden Woche sehen, wie er mit den ausfallenden Veranstaltungen umgehen kann: Z. B. bemühe man sich um einen Ersatztermin für das für den 12. November geplante Buschpreisträger-Konzert.
„Wir wollen was machen“, also Kulturangebote machen: Milan Pe(šl vom Siegener Bruchwerk-Theater hat den Eindruck, dass viele Menschen merken, welche Bedeutung Kultur im weitesten Sinne für das Leben hat. Deshalb arbeitet das Team vom Bruchwerk auch an alternativen Präsentations- und Sehformen für Theater. „Theater ist wichtig, egal wie die Rahmenbedingungen sind.“ Und diese Bedingungen müssen, so der einhellige Tenor aller Kulturmacher, auch Kulturangebote ermöglichen.

Autor:

Redaktion Kultur

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