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„Lenz“ in „Nahaufnahme“ aus dem Bruchwerk-Theater
Irrfahrt durch die Psyche

Christian Fries spielt „Lenz“ in der Reihe „Nahaufnahme“ des Bruchwerk-Theaters Siegen.
  • Christian Fries spielt „Lenz“ in der Reihe „Nahaufnahme“ des Bruchwerk-Theaters Siegen.
  • Foto: Bruchwerk-Theater
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jca Siegen. Mit „Lenz“ ging die hybride Livestream-Reihe „Nahaufnahme“ des Siegener Bruchwerk-Theaters am vergangenen Donnerstag in die letzte Runde dieses Jahres. Das Ein-Mann-Theater von und mit Christian Fries versucht wie die anderen Stücke der Reihe, über ein virtuell reproduziertes „Dazwischen“ soziale Distanzierung zu überwinden und eine neue Wahrheit von Nähe zu ermöglichen. Fries, der den fragmentarischen und einzigen Erzähltext Georg Büchners in ungekürzter Form inszeniert, schafft vor allem über auditive Kanäle eine Nähe, die den Zuschauer zunehmend in den Bann der emotionalen Achterbahnfahrt Lenzens einsaugt.
Dabei nimmt Fries, Darsteller und Regisseur des Stückes, die dokumentarische Perspektive des Erzählers ein.

jca Siegen. Mit „Lenz“ ging die hybride Livestream-Reihe „Nahaufnahme“ des Siegener Bruchwerk-Theaters am vergangenen Donnerstag in die letzte Runde dieses Jahres. Das Ein-Mann-Theater von und mit Christian Fries versucht wie die anderen Stücke der Reihe, über ein virtuell reproduziertes „Dazwischen“ soziale Distanzierung zu überwinden und eine neue Wahrheit von Nähe zu ermöglichen. Fries, der den fragmentarischen und einzigen Erzähltext Georg Büchners in ungekürzter Form inszeniert, schafft vor allem über auditive Kanäle eine Nähe, die den Zuschauer zunehmend in den Bann der emotionalen Achterbahnfahrt Lenzens einsaugt.
Dabei nimmt Fries, Darsteller und Regisseur des Stückes, die dokumentarische Perspektive des Erzählers ein. Über eine provozierend lässige Sprachfarbe, begleitet von einer authentischen mimetischen Darstellung, wird trotz distanzierter Erzählweise interessanterweise eine Nähe erzeugt, die den Zuschauer ein Teil von Lenzens Erleben werden lässt. Das Hin- und Hergerissenwerden zwischen Angst, Wahnsinn, Gleichgültigkeit und Derealisation wird nur von kurzen Momenten einer hellen Hoffnung eines ersehnten Stillstehens unterbrochen. Getrieben von der Last seiner selbst, rast Lenz durch die gesamte Bandbreite psychischer Wahrnehmungsformen, ohne je bei sich selbst anzukommen. Erdrückt und erstickt von der Wucht der Natur „wird ihm alles eng“. Die Nächte werden zur besonderen Bedrohung und lassen ihn die Dunkelheit aus Kindesaugen betrachten. Der Zuschauer, selbst der Trance wechselnder Stimmungen verfallen, kommt der Figur und deren Angst vor Vereinsamung und Entfremdung gerade in Zeiten sozialer Distanzierung immer näher.

Stimmung "akustisch" vermittelt

Begleitet werden die Stimmungsschwankungen von einem pfeifenden Schmerz, den Fries mit einem Flötenkopf live erzeugt. Eine „klangliche Unterbrechung“, wie Fries sie im Anschluss an den Stream bezeichnet, die Geräusche, Töne und Atmung auditiv wahrnehmbar macht und auf hypnotische Art und Weise Nähe erzeugt. Fries, der im parallel verlaufenden Livechat als „Meister der Sprachbehandlung“ gefeiert wird, betont die der Darstellung innewohnenden Motive der Verfremdung, Einsamkeit und Angst.
Fries berichtet außerdem von seinem Faible für das Auswendiglernen und seiner peniblen Texttreue. Den „Lenz“, der einen Lebensabschnitt des Schriftstellers Jakob Lenz zwischen dem 20. Januar und 8. Februar 1778 biographisch darstellt, habe er zufällig, beim Vorbeischlendern an seinem Bücherregal und auf der Suche nach einem Text zum Auswendiglernen, als Projekt gewählt. Dabei erprobe er immer wieder verschiedene Techniken, und es fasziniere ihn, wie er selbst mit dem wiederholenden Sprechen eines Textes eine Verbindung zu diesem aufbaue und mit jedem Mal ein Stück weiter in ihn hineinwachse, so Fries im Anschluss an den Stream.

Christian Fries: Im Livestream neue Form der Nähe

Für Fries war die virtuelle Livestream- Performance beim Bruchwerk-Theater eine Premiere – es sei eine besondere Herausforderung gewesen, die sehr viel Spaß gemacht habe und eine tolle Erfahrung gewesen sei. Bis zu 75 Zuschauer an der Spitze bestätigen nach dem Erfolg von „Beben“ (Maria Milisavljevic) (wir berichteten) ein weiteres Mal, dass virtuelle Formate eine neue Form der Nähe ermöglichen und Theater wohnzimmertauglich machen.
Die hybride Livestream-Reihe des Bruchwerk-Theaters geht nach der Weihnachtspause am 14. Januar 2021 mit „Sing & Play Your Darlings“ in die nächste Runde.
Jana C. Albrecht

Autor:

Redaktion Kultur

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