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Aktionen bundesweit auf Plakaten
Ivo Weber lässt den Wald fegen

Der aufgeräumte Wald kommt in die Stadt. Dieses Bild von Ivo Webers „Waldfegen“-Aktion 2006 im Kölner Grüngürtel ist eins von zweien, die in Siegen im Rahmen einer bundesweiten Aktion plakatiert werden.
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  • Der aufgeräumte Wald kommt in die Stadt. Dieses Bild von Ivo Webers „Waldfegen“-Aktion 2006 im Kölner Grüngürtel ist eins von zweien, die in Siegen im Rahmen einer bundesweiten Aktion plakatiert werden.
  • Foto: Ivo Weber
  • hochgeladen von Peter Barden (Redakteur)

zel Siegen/Hachenburg/Köln.   Den Wald fegen – ernsthaft? Was hat das für einen Sinn? „Die Frage ist sehr, sehr berechtigt“, sagt Ivo Weber, der seit 17 Jahren den Wald fegt bzw. fegen lässt und auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit schon viele Male geantwortet hat. „Nur über die Kunst kann ich dieser Tätigkeit Sinn geben“, sagt der Kölner Künstler am Telefon. Durch ein Stipendium der Verwertungsgesellschaft (VG) Bild-Kunst ist es Weber möglich, 67 Fotografien von gefegtem Wald bundesweit zu plakatieren. Alle Standorte sind auf waldfegen.com verzeichnet – darunter sind Siegen und Hachenburg. Der offizielle Start ist an diesem Freitag um 18 Uhr im Netz. Die Plakate in Siegen und Hachenburg werden erst am 19. oder 20.

zel Siegen/Hachenburg/Köln.   Den Wald fegen – ernsthaft? Was hat das für einen Sinn? „Die Frage ist sehr, sehr berechtigt“, sagt Ivo Weber, der seit 17 Jahren den Wald fegt bzw. fegen lässt und auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit schon viele Male geantwortet hat. „Nur über die Kunst kann ich dieser Tätigkeit Sinn geben“, sagt der Kölner Künstler am Telefon. Durch ein Stipendium der Verwertungsgesellschaft (VG) Bild-Kunst ist es Weber möglich, 67 Fotografien von gefegtem Wald bundesweit zu plakatieren. Alle Standorte sind auf waldfegen.com verzeichnet – darunter sind Siegen und Hachenburg. Der offizielle Start ist an diesem Freitag um 18 Uhr im Netz. Die Plakate in Siegen und Hachenburg werden erst am 19. oder 20. April geklebt, hängen dafür aber auch vier Tage länger: in Hachenburg am Bahnhofsvorplatz links, in Siegen an der Eiserfelder Straße 392 und an der Marienborner Straße 7.

Plakatpatin: Barbara Christin

Patin der Siegener Plakate ist Barbara Christin, die in Siegen lebt und Professorin für Video- und Audioproduktion an der Hochschule Kaiserslautern ist. Sie ist laut Ivo Weber schon zweimal beim Waldfegen in Köln dabei gewesen.

Zeit fürs Waldfegen: der Herbst

Der Ort ist immer derselbe: ein Wald im Grüngürtel Kölns, angelegt vor dem Krieg von Konrad Adenauer. Das ist schon wichtig, weil es ein „kultivierter Wald“ ist. Die Zeit fürs Waldfegen ist immer der Herbst, November/Dezember, wenn das Laub gefallen ist. „Dann leihe ich mir den Wald aus“, sagt der Bildhauer Ivo Weber. Vorher hat er ein, zwei Menschen aus seinem Künstler-Umfeld oder von einem Museum gebeten, eine Gruppe von Teilnehmern zusammenzustellen, die sich auf das Waldfegen einlassen und sich dabei kennenlernen können. Kurator Kaspar König war schon dabei, 2020 waren es Barbara von Flüe und Stefan Kraus vom Kolumba-Museum in Köln. Das Netzwerken bei der Aktion ist dem Künstler ganz wichtig. Auch Jäger haben schon mal den Wald gefegt, damals war mal die Deutsche Presseagentur vor Ort, um zu berichten. Ansonsten wünscht Weber sich recht wenig Aufhebens. Er hat ein Lieblingslied von Gustav Mahler: „Blicke mir nicht in die Lieder“. So wie die Bienen in dem Text von Friedrich Rückert will auch der Künstler es heimlich anfangen – vom Honig und der Kunstaktion im Wald dürfen wir erst am Ende naschen.

Alte Plattenkamera im Einsatz

Ivo Weber hat anfangs mitgefegt, jetzt versteht er sich als Regisseur der „Zeremonie“, wie er sagt. Die läuft immer gleich ab und dauert zwei bis drei Stunden. Gekehrt wird mit Rechen ein abgestecktes Stück Wald, dabei steigt den Fegern der erdige Geruch in die Nase. Ist die Stelle vom Laub befreit und der Waldboden in seinem Rechteck gut sichtbar, hält der Fotograf Olaf Hirschberg die Gruppe und ihr Werk mit einer alten Plattenkamera fest. „Das ist der zentrale Moment“, erklärt Weber. Die Teilnehmer müssen für zehn Sekunden oder länger stillhalten, wie auf alten Familienfotos, die Bilder von der getanen Arbeit, der lebendigen Skulptur, sind das Einzige, was bleiben wird. Denn am Ende wird alles wieder zugefegt. Wie gesagt, der Wald ist nur geliehen, es ist eine temporäre, eine flüchtige Sache. Die Natur hat ihre eigene Ordnung. Immer gibt es Glühwein und Maultaschen (vielleicht, weil Weber 1962 in Biberach geboren ist) zur Feier der getanen Arbeit, die – und das ist die große Kunst – für die Waldfeger plötzlich einen Sinn hat: Gemeinsam was geschafft!

Bilder zehn Tage in 26 Städten

Das Foto des jeweiligen Jahrgangs stellt Weber im Hinterhof seines Ateliers aus, es gibt eine kleine Vernissage mit den Waldfegern. Mit dem Stipendium der VG Wort-Bild, für das er sich im vergangenen Jahr beworben hat, kann er die Bilder nun für zehn Tage in 26 Städten bundesweit zeigen. Und das passt gerade so gut, denn die Plakatwände, dem Künstler von der Firma Ströer für einen geringen Betrag (genannt: „technischer Support“) überlassen, lassen sich abstandssicher, an der frischen Luft und im Vorübergehen besehen. „Es ist eine tolle Möglichkeit für mich, da jetzt rauszugehen“, sagt Ivo Weber. Er findet, dass, auch wenn Corona vorbei ist, mehr Kunst nach draußen gehöre. Mit seiner Plakataktion bringt er jetzt ein Stück Wald in die Städte und gibt ihnen Kunst, die sie Corona-bedingt gerade nicht in Museen zu sehen bekommen. Zur Eröffnung sollen via Zoom nicht nur die Reden in Köln übertragen, sondern auch Paten in den jeweiligen Städten zugeschaltet werden, vor „ihren“ Plakaten (Zugang über einen Link auf waldbaden.com).

"Jedes Jahr weniger Laub"

Nach draußen: Dahin geht die Menschheit seit über einem Jahr. Der Wald muss eine ganze Menge Menschen aufnehmen, die sonst nirgendwo hin können und ihn zum Teil vollmüllen: „Das gefällt mir nicht“, sagt Weber, der selbst gern wandert. Der Wald verändert sich dadurch, aber auch auf die lange Strecke, durch den Klimawandel: „Ich sehe jedes Jahr, dass weniger Laub da ist“, bedauert Weber, 2019 hätten erstmals gefällte Bäume da gelegen. „Das tut sehr weh.“
Das jährliche Waldfegen kann man also, wenn man möchte, auch als eine Langzeit-Dokumentation verstehen. Der Wald ist im Wandel, und zwei Menschen, die einst mitgefegt haben und auf den Bildern festgehalten sind, seien schon gestorben. Als „Accessoire“ ist bei der Aktion 2020 auch der heilige Sebastian zugegen, den Weber den „Pestheiligen“ nennt. Anfangs sei nicht abzusehen gewesen, dass er die Aktion „Waldfegen“ so lange machen würde, aber jetzt geht es immer weiter: „Ich muss mir das angucken.“

"Ich will den Menschen nicht ändern"

Waldfegen – das hat Joseph Beuys auch schon gemacht, Anfang der 1970er-Jahre, mit Schülern, als Protestaktion gegen die Abholzung eines Waldstücks in Düsseldorf. Hat Webers performative Aktion etwas mit Beuys zu tun? „Beuys war ein großartiger Künstler. Ich habe ihn oft gesehen, auch live“, erinnert er sich, aber: „Alles zu seiner Zeit.“ Beuys habe es (für die Grünen) in die Politik gezogen, mit der „sozialen Plastik“ habe er die Gesellschaft verändern wollen. „Ich will den Menschen nicht ändern“, erklärt Ivo Weber. „Wenn er sich ändern will, dann tut er es.“ Was ihm aber wichtig ist: „Wenn der Mensch einen Bezug zu etwas hat, sei es der Wald oder die Kunst, dann wertschätzt er es auch.“ Das ergibt Sinn.

Autor:

Regine Wenzel (Redakteurin) aus Siegen

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