Normen Odenthal (ZDF) im Interview
„Jeder Film ist ein riesengroßer Schatz“

Seit 2016 leitet Normen Odenthal das ZDF-Studio in Singapur. Augenblicklich sitzt er mit seinem Team dort fest.
  • Seit 2016 leitet Normen Odenthal das ZDF-Studio in Singapur. Augenblicklich sitzt er mit seinem Team dort fest.
  • Foto: ZDF/Rico Rossival
  • hochgeladen von Claudia Irle-Utsch (Redakteurin)

ciu Mainz/Singapur. „Corona global“ – das war die Überschrift, unter der das ZDF-„auslandsjournal“ seine jüngste Extra-Ausgabe stellte und die augenblicklich in der Mediathek des Senders abrufbar ist. Eine der Geschichten, die dort erzählt wurden, beschäftigte sich mit der Flucht der indischen Wanderarbeiter zurück aufs Land. Nachgezeichnet hat sie der Asienkorrespondent des Mainzer Senders, Normen Odenthal, Leiter des ZDF-Studios Singapur. Wie es zu dieser Reportage kam, die eine Frau und ihre Kinder einen Teil des Weges begleitet, und wie der Journalist (auch) in Tagen wie diesen am anderen Ende der Welt arbeitet, und auch mit welchen Maximen, das schildert er in einem Mail-Interview mit der SZ-Redaktion.
Was ist für Sie das Besondere an dieser Geschichte über die indische Wanderarbeiterin und ihre Kinder – und wie kam es zu diesem Bericht?
Dieser Film war für uns eine Ausnahme. Wir konnten ihn anders als sonst nicht selbst drehen, weil wir zurzeit nicht nach Indien einreisen dürfen – wegen Corona. Gedreht hat ein indischer Kollege, der ganz einfach seine Augen aufgemacht hat. Oder besser gesagt ist er einer, der die Augen nicht verschlossen hat. Denn tatsächlich sind wohl Millionen Menschen kreuz und quer durch Indien unterwegs. Alles bewegende Schicksale. Und ja, dieser Kollege, Vinod Kapri, hat uns erzählt, wie hart es auch für ihn war, wie hilflos er sich gefühlt hat. Er hat Essen geteilt, versucht, Transport für die Familie zu organisieren. Man kann in seinem Filmmaterial sehen, dass er geholfen hat. Aber Vinod hat das ganz anders wahrgenommen, hat immer wieder gesagt, wie hilf- und machtlos er sich gefühlt hat. Ich kann mich, ehrlich gesagt, gut mit ihm identifizieren. Wir machen selbst immer wieder solche Erfahrungen auf unseren Drehreisen. Vinod hat die Familie im Chaos aus den Augen verloren. Er hat uns gesagt, dass er versuchen will, das Dorf der Familie zu finden. Wir hoffen auf Nachricht von ihm. Wir hoffen es wirklich sehr.

"Für mich ist der Job ein Privileg"

Wie beschreiben Sie im Kern Ihre Aufgabe als Korrespondent in Südostasien?
Südostasien ist ein faszinierendes Berichtsgebiet. Und glücklicherweise haben wir es ja nicht nur mit Elend zu tun, sondern auch mit vielen schönen Geschichten. Fürs Fernsehen ist diese Region wie gemacht. Wir können hier in Bildern schwelgen, entdecken wirklich noch eine Welt, die vielen unbekannt ist. Die Landschaft, die Menschen – ich bin total begeistert. Meine Aufgabe sehe ich im Grunde darin, diese Begeisterung zu teilen. Und es gibt hier die Garantie, dass Alltag oder sogar Langeweile ausgeschlossen sind. Zumal das ZDF-Studio Singapur, das diese Weltregion mit mehr als 25 Staaten beackert, wirklich eine kleine Truppe ist. Wir sind sechs Leute insgesamt, ein Team, mehr als die Hälfte des Jahres auf Reisen – wenn nicht gerade Pandemie herrscht. In vielen Ländern sind wir auf die Mithilfe lokaler Kollegen angewiesen – sonst wären wir schon sprachlich aufgeschmissen. Für mich ist dieser Job ein Privileg. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich privat nie nach Papua-Neuguinea gekommen wäre. Neulich waren wir dort, um über die bis heute barbarische Hexenverfolgung zu berichten. Wenn Sie einen ganzen Tag für mich Zeit hätten, würde ich versuchen, Ihnen nur meine allerwichtigsten Eindrücke ganz kurz und knapp zusammenzufassen. Soll heißen: Jede Reise, jeder Film, jede Begegnung mit fremden Menschen ist ein riesengroßer Schatz. Neben dem Reiz des Berichtsgebietes muss ich auch sagen: Ich lebe sehr gern in Singapur. Man kann hier manches kritisieren, aber man lernt auch vieles zu schätzen. Und wenn wir aus Krisengebieten zurückkehren, dann ist das Leben in Singapur einfach angenehm. Es ist sauber, sicher, die Dinge funktionieren. Und plötzlich weiß man, was es für ein Luxus ist, wenn trinkbares Wasser aus der Leitung kommt.

Doku zur Seidenstraße eine Herausforderung

Welche Geschichte war für Sie besonders aufwendig in der Recherche, was tatsächlich (lebens-)gefährlich?
Also, es gibt im Grunde keine Geschichte, die ich missen wollen würde. Was für uns alle eine bisher ungekannte Herausforderung war, ist die große Dokumentation zur Seidenstraße gewesen, die wir gemeinsam mit dem ZDF-Studio Peking gestemmt haben. Sie führte uns weit über die Grenzen unseres Gebietes hinaus, war unglaublich anstrengend in der Organisation und Umsetzung. Aber wir haben rund um dieses gigantische Projekt Geschichten gedreht, die noch kein anders Team vor uns drehen konnte. Das war eine großartige Teamarbeit. Und in aller Bescheidenheit: Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Gefährlich? Ja, auch das gibt es. In Sri Lanka waren wir gefühlt etwas zu nahe an einer Autobombe dran. Eine Kollegin hat einen Kratzer abbekommen, mehr zum Glück nicht. Nur eins ist für uns alle absolut klar: Sicherheit geht vor.
Wie eng gestaltet sich das Miteinander mit der zentralen Redaktion in Mainz?
Mainz – Singapur, das sind Luftlinie gut 10 000 Kilometer. Und im Moment sechs Stunden Zeitunterschied. Das ist gelegentlich ein Problem. Und gelegentlich auch (ich sage es nicht laut) ein kleiner Vorteil. Denn Sitzungen, Besprechungen, Konferenzen, die den Nachrichtenalltag in der Zentrale naturgemäß prägen, sind eben weit weg. Ich war lange genug in Mainz (etwa als Moderator von „Morgenmagazin“, „heute nacht“, „heute“; Anm. d. Red.) , um die Anforderungen, Wünsche und Nöte der Redaktionen zu kennen. Aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde: Ich kann immer alles verstehen, was dort passiert. Im Großen und Ganzen aber läuft die Zusammenarbeit wirklich gut. Und ich finde es wichtig, wie die Chefs in Mainz ihr Korrespondentennetz unterstützen. Ich glaube, wir leisten einen wertvollen Beitrag für das öffentlich-rechtliche Programm. Auf ein Netz dieser Größe und Qualität können andere Medien, auch international, kaum zurückgreifen. Also, wir sind – egal, wo auf der Welt wir uns befinden – eingebunden, es gibt Treffen aller Auslandskorrespondenten, es gibt Telefonkonferenzen. Und wenn‘s brennt, gibt es immer auch den direkten Draht nach Mainz. Das hat sich bewährt.

Klimawandel: Mensch denkt noch immer nicht um

Wie erleben Sie in Asien eine Welt, wo der Klimawandel besonders heftige und auch unmittelbare Folgen zeigt? Was könnte uns das lehren?
In Asien ist der Klimawandel Realität. Wir drehen Geschichten über Südseeinseln, die vom Untergang bedroht sind. Geschichten über indische Bauern, die massenhaft Selbstmord begehen, weil ihre Felder vertrocknen. Geschichten über Koalas in Australien, die in riesigen Buschfeuern verbrennen. Und fast überall, wo wir hinkommen, ist der Müll schon da. Ich war kürzlich zum ersten Mal in Bhutan, eine wunderbare Drehreise ins Land, das „Glück“ zum Staatsziel erklärt hat. Und ein wesentlicher Bestandteil des Glücks ist dort der Schutz der Natur. Über alles kann man streiten – auch über Bhutans Philosophie. Nur, ich kann mich wirklich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so reine Luft geatmet, so klares Wasser gesehen habe. Gerade die Corona-Krise hat ja jetzt die weltweite Wirtschaft ausgebremst, Verkehr reduziert, Luftverschmutzung gesenkt. Es ist möglich. Und es muss auch möglich sein. Aber ich fürchte, wir Menschen sind noch immer nicht zum wahren Umdenken bereit.
Wo erreiche ich Sie gerade?
Wir sind in Singapur. Seit zwei Monaten hängen wir hier im Prinzip fest, Ausreise und Wiedereinreise praktisch unmöglich. Das gab‘s noch nie. Ich war noch nie zuvor so lange am Stück in der Stadt. Wir hatten Drehreisen nach Nepal, Australien, Neuseeland auf dem Zettel. Alles gestrichen. Ich weiß, dass es allen im Team hier ähnlich geht: Wir scharren mit den Hufen. Aber ich fürchte, wir brauchen noch Geduld.
Die Region, in der Sie arbeiten, umfasst jede Menge „Sehnsuchtsorte“. Was ist Ihr liebster Platz im südöstlichen Asien?
Den Lieblingsplatz schlechthin habe ich nicht. Aber so gut mir das Reisen gefällt, nach Hause kommen zu meiner Familie ist für mich Dreh- und Angelpunkt. Und wohin noch? Gern zu jedem Ort, wo ich noch nicht gewesen bin. In unserem Berichtsgebiet sind das nicht mehr so viele, aber ich fahre auch fast überall gern noch einmal hin.

Autor:

Claudia Irle-Utsch (Redakteurin) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil
ThemenweltenAnzeige

Tablet-Aktion der Siegener Zeitung
SZ-Abo abschließen und Tablet sichern

Mit einem Abo der Siegener Zeitung kommen Sie jetzt gleichzeitig auch an ein Tablet Ihrer Wahl. Immer und überall informiert mit dem E-Paper... lesen, wo ich will; ... über die Suchfunktion schnell finden, was mich interessiert; ... gleicher Inhalt in praktischer Form; ... mit Zoomfunktion. Jetzt exklusiv: die Tablet-Bundle-Aktion  Beinahe geschenkt: Erhalten Sie kostengünstig ein Tablet Ihrer Wahl bei Abschluss eines Abos der Siegener Zeitung. Möchten Sie Ihr neues Tablet gleich zum Lesen...

Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen