Humorvoller Real-Romantiker: Bernd-Michael Genähr
Kabarettist präsentiert Kalender „Sprachbilder“ für 2020

Bernd-Michael Genähr präsentiert seinen neuen „Sprachbilder“-Kalender 2020.
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aww Siegen. Um Bernd-Michael Genährs humoristische Neigung wissen viele. Als eine Hälfte des Kabarett-Duos Weigand & Genähr ist er seit rund drei Jahrzehnten untrennbar mit der heimischen Kleinkunstszene verbandelt, genießt er den entsprechenden Bekanntheitsgrad.
Doch der „Herr Genähr“, wie er sich respektive sein Alter Ego auf der Bühne nennt, kann auch ein ganz anderer sein. Ein bisschen melancholischer Lyriker – und Romantiker sowieso. Real-Romantiker, genauer gesagt. Zu sehen (und zu lesen) sein wird dies das ganze runde Jahr 2020 über, wenigstens für diejenigen, die sich seinen neuen „Sprachbilder“-Kalender an die Wand heften. „Reale Romantik“ sind die Jahresweiser untertitelt, die der Bottenbacher mittlerweile im fünften Jahr anbietet (nun zum ersten Mal gedruckt im Hause Vorländer).

Genähr findet die Romantik in der Realität

„Ich finde die Romantik in der Realität“, sagt Genähr beim Gespräch mit der Kulturredaktion im Hinblick auf seine Kalender-Sprachbilder. „Das ist nicht konstruiert!“ In unserer Wirklichkeit, davon ist er überzeugt, gebe es „noch viel Romantik“. Wer möchte ihm keinen Glauben schenken angesichts des Titel- und September-Blattes, das ein innig sich umarmendes Paar an der Schiffsreling zeigt, die Blicke auf einen kräftig gelb glühenden Sonnenhorizont gerichtet. Dazu reimt Genähr ein „Aufbruch“-Gedicht, sinniert über „… die große Melange aus Freiheit und Sehnsucht und Glück und Liebe …“
Ja, Bernd-Michael Genähr reimt, achtet sehr auf Rhythmus und Metrum, zählt durchaus auch Silben. „Es macht Freude, das so hinzukriegen, da bin ich auch schon mal streng mit mir“, sagt er. Und: „Ich arbeite mit reinen Reimen, das habe ich von Herrn Gernhardt gelernt.“ Gereimte Lyrik – setzt er sich damit nicht zumindest in den Augen künstlerisch fortschrittlich gesinnter Zeitgenossen dem Ruch des Altmodischen aus? „Deshalb heißt es Romantik“, sagt Genähr schelmisch mit Blick auf den Kalendertitel.
Genährs Achtzeiler, im unterbrochenen Kreuzreim verfasst, zeichnen sich durch elaborierte Sprache aus, Hintersinn, subtilen Humor und zuweilen einen (durchaus so gewollten) appellativen Charakter. „Wagen, Neues zu erkunden!“, heißt es etwa im erwähnten Gedicht „Aufbruch!“. „Ich transportiere ja auch mein Weltbild, und manchmal breche ich es auch“, erläutert Bernd-Michael Genähr. Außerdem: „Es ist ja ein Kalender …“ Sagt zur Erklärung einer, der selbst Sprüchelchen und Weisheiten vom Abreißkalender daheim aufbewahrt, so sie ihm gefallen.

Wenn Fotografien zu „Gemälden“ werden

Die Verse, sie sind bei den „Sprachbildern“ indes nur die halbe Miete. Hinzu kommen: die Bilder. Sie besorgen in der überwiegenden Zahl der Fälle die Erstinspiration zu einem Kalenderblatt, seltener steht der Text am Anfang. Ausgangspunkt und Grundlage für die Kalenderbilder sind Fotografien (von Genähr, aber nicht nur von ihm). Die transformiert der 60-Jährige in einem mehrstufigen, komplexen Prozess, nimmt hier ein wenig weg, fügt dort etwas hinzu, bearbeitet sie in einer „malerischen“ Herangehensweise (immer mit dem Rechner, selten mit dem Stift in der Hand). „Ich arbeite mit drei Computern“, so Genähr. „Das Bild geht durch mindestens acht Programme. Daraus entstehen 16 Gemälde.“ Aus diesen „Gemälden“ setzt sich zuletzt ein Bild zusammen, das in der Tat an eine Malerei-Fotografie-Kreuzung gemahnt, mit mal mehr, mal weniger vom einen oder vom anderen, manchmal poppig und überwiegend in kräftigen, überzeichneten Farben.
Wer übrigens beim Anschauen der hochformatigen Monatsblätter auf die Idee verfällt, ober- und unterhalb des Textes befänden sich immer exakt die gleichen Bilder, lediglich gegeneinander gespiegelt, der ist schief gewickelt: Hier und da (und nicht zwingend in jedem Motiv) hat Genähr schon mal ein Detail verändert oder ungespiegelt gelassen. Das muss man allerdings wissen, auf den ersten Blick ist es kaum zu erkennen.

Gebürtiger Soester im Siegerland „zu Hause“

Viele Motive seien „aus der Gegend“, sagt der gebürtige Soester, der sich selbst als Europäer sieht und sich nach mehr als drei Jahrzehnten im Siegerland zu Hause, wohl und „angekommen“ fühlt – zum Beispiel ein Feldweg mit Gattern bei Siegen-Sohlbach, der ihn immer an einen Grenzübergang erinnert habe. Ruhebänke, Wackeldackel, „karmine Kamine“ – zu entdecken gibt es viel in Bernd-Michael Genährs „Sprachbildern“. Vorlesen lassen kann man sie sich auch: Ein QR-Code auf dem jeweiligen Kalenderblatt leitet direkt auf den Youtube-Kanal „Der Herr BM Genähr“ (www.bmgalerie.de), auf dem auch die Blätter von Vorjahreskalendern zu finden sind, gelesen von Genähr und seiner Tochter Inken. Veröffentlicht werden die aktuellen Kalenderblätter jeweils zum Ersten eines Monats.

Weigand & Genähr starten in die finale Runde

Zu einer Kalenderlesung mit Musik und Gesang laden die beiden Genährs, unterstützt von einer zweiten Inken, der Kontrabassistin Inken Schütt, am Samstag, 16. November, 13 Uhr, zu Optik Merdas in Weidenau ein. Außerdem wird das Trio am 30. November und 1. Dezember auf dem Weihnachtsmarkt (13 bis 18 Uhr) in der Villa Bubenzer in Freudenberg zugegen sein und dort mehrere Blöcke (die Zeiten hängen aus) mit unterschiedlichem Inhalt gestalten. Natürlich ist dort auch der Kalender erhältlich, und wer möchte, kann sich dort ein Monatsblatt live vortragen lassen, verspricht Genähr.
Ende des Jahres geht es dann für den Kabarettisten ein letztes Mal rund in Sachen Weigand & Genähr: Am Samstag, 28. Dezember, 20 Uhr, startet der Reigen von Abschiedsvorstellungen mit dem Programm „Adieu mit Ö!“ im Siegener Kulturhaus Lÿz. Aber auch wenn es Weigand & Genähr dann nicht mehr auf der großen Bühne geben wird: Im kleinen Rahmen, auf privaten Veranstaltungen oder bei den kabarettistischen Stadtrundfahrten im Hübbelbummler, werden Weigand & Genähr weiterleben.
Erhältlich ist der Kalender „Sprachbilder 2020“ beim Künstler selbst, nach Auftritten, im Buchhandel, in den Geschäftsstellen der Siegener Zeitung sowie online unter www.57lesershop.de.

Autor:

Alexander W. Weiß (Redakteur) aus Siegen

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