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Die kleine Erzählung zum Wochenthema
Kalter Stein

Ein seltsam entzeitlichter Ort, an dem Stunden, Tage und Jahre keine Rolle zu spielen scheinen und der doch unverbrüchlich im Hier und Jetzt wie in der Vergangenheit verankert ist. Vielleicht bekommt der Mensch hier eine ganz vage Ahnung von etwas Erhabenem, Ewigem – wie der morgendliche Besucher in unserer kleinen Geschichte. Die Aufnahme entstand auf dem Stockfriedhof in Weidenau.
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  • Ein seltsam entzeitlichter Ort, an dem Stunden, Tage und Jahre keine Rolle zu spielen scheinen und der doch unverbrüchlich im Hier und Jetzt wie in der Vergangenheit verankert ist. Vielleicht bekommt der Mensch hier eine ganz vage Ahnung von etwas Erhabenem, Ewigem – wie der morgendliche Besucher in unserer kleinen Geschichte. Die Aufnahme entstand auf dem Stockfriedhof in Weidenau.
  • Foto: Alexander W. Weiß
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

Schon lange war er nicht mehr hier gewesen. Hier, an jenem seltsam entzeitlichten Ort, an dem Stunden, Tage, Jahre keine Rolle mehr zu spielen schienen und der doch ebenso unverbrüchlich im Heute, im Jetzt verankert war wie in der Vergangenheit. Hier, an einem jener Orte, die Sterben und Vergänglichkeit als unabänderliche Realität im Dasein aller Lebenden sichtbar machten.

Jedes Mal zuvor, wenn er zu einem seiner seltenen Besuche gekommen war, jedes Mal, wenn er die Pforte passiert hatte und das verzinkte Eisentor, das ein paar Tropfen Öl gut hätte vertragen können, mit einem metallischen Klacken hinter ihm zugefallen war, dann war ihm gewesen, als sei er mit einem Mal der beständigen Sklaverei seiner Armbanduhr entflohen.

Schon lange war er nicht mehr hier gewesen. Hier, an jenem seltsam entzeitlichten Ort, an dem Stunden, Tage, Jahre keine Rolle mehr zu spielen schienen und der doch ebenso unverbrüchlich im Heute, im Jetzt verankert war wie in der Vergangenheit. Hier, an einem jener Orte, die Sterben und Vergänglichkeit als unabänderliche Realität im Dasein aller Lebenden sichtbar machten.

Jedes Mal zuvor, wenn er zu einem seiner seltenen Besuche gekommen war, jedes Mal, wenn er die Pforte passiert hatte und das verzinkte Eisentor, das ein paar Tropfen Öl gut hätte vertragen können, mit einem metallischen Klacken hinter ihm zugefallen war, dann war ihm gewesen, als sei er mit einem Mal der beständigen Sklaverei seiner Armbanduhr entflohen. Dann war es ihm erschienen, als bekomme er eine ganz vage Ahnung von etwas Erhabenem, Ewigem, das das Treiben der Welt da draußen in den Hintergrund rücken ließ.

So erging es ihm es auch diesmal, kaum dass er den laubbedeckten Teerweg, der ihn schnurgerade ans andere Ende des Geländes bringen würde, betreten hatte. Seinen diffusen Gedanken nachhängend, schritt er vorwärts, nicht gemächlich, nicht eilig, vielmehr ohne eine leise Idee von der Geschwindigkeit seines Tuns.

Er nahm die Nachwehen des ersten Herbstfrostes wahr – die Temperatur war in der vorangegangenen Nacht erstmals unter null gesunken – und hieß den frischen Hauch der klaren, duftlosen Morgenluft auf seinen Wangen willkommen. Die unfreundliche Seite der Kälte spürte er wie immer zuerst in den Zehen. Er zog den Reißverschluss seiner Jacke bis unter das Kinn zu. Eine Erkältung konnte er jetzt nicht gebrauchen.

Die Sonne am hellblauen, nur von vereinzelten Wolkenfäden überzogenen Himmel empfand er trotz ihrer Kraftlosigkeit als wohltuend. Ihm schien, als wolle sie mit ihren Strahlen ein wenig Hoffnung und Heiterkeit über die Melancholie jenes Ortes gießen.

Als er ankam, wusste er nicht, wie lange er gegangen war, wie viele Gedanken zu bewegen er Zeit gehabt hatte, und er machte es sich auch nicht bewusst. Es mochten zwei, vielleicht drei Minuten gewesen sein, aber das war völlig einerlei. Derartige Überlegungen kamen ihm hier nicht in den Sinn.

Tatsächlich mochte er diesen Ort, insbesondere die große Ruhe, und fast schon gewohnheitsmäßig fragte er sich nun wieder, warum er nicht öfter hierherkam. Meine Erinnerung bewahre ich nicht an Gräbern, sondern in meinem Herzen – das war immer seine Überzeugung gewesen.

Aber je weiter die Jahre ins Land gingen, desto häufiger musste er feststellen, dass auch die liebenswertesten Erinnerungen verblassten, wie das Foto, das er einst gegen das Vergessen auf seinen Schreibtisch gestellt hatte. Doch wie oft sah er es sich wirklich bewusst an?

Und nun, als er auf die goldfarbenen Schriftzüge niederblickte, musste er sich erneut davon überzeugen, dass er die Jahreszahlen noch richtig im Kopf hatte.

Das tat ihm weh. Nicht die Tatsache, dass die beiden nicht mehr da waren; sie hatten lange Leben gelebt und irgendwann, als die Kraft schließlich fehlte, in Würde gehen dürfen. Er hatte sie ziehen lassen, denn ihre Zeit war gekommen. Und jedenfalls für ihn, der zurückgeblieben war, bewahrheitete sich, anfangs unvorstellbar, nach und nach das Sprichwort: Die Zeit heilt alle Wunden.

Doch seine Vergesslichkeit, die tat ihm weh, diese Vergesslichkeit, die ihm herzlos erschien und die ein Gefühl von Schuld in ihm weckte. Dabei hatte er als Kind, wenn er sich das Knie aufgestoßen hatte, genau das von ihnen gelernt: „Bis du heiratest, ist das wieder heil.“ Zeit heilt, und Erinnerung wird unscharf.

Er beugte sich herab und zupfte aus der Schale mit Heidekraut die gelbbraunen Blätter heraus, die die mächtigen Buchen und Ahorne in den vergangenen Wochen hatten regnen lassen. Ein sinnloses Unterfangen. Morgen würden neue dort liegen.

Dann berührte er sacht den kalten Stein, der ihm in solchen Momenten, nach all der Zeit, nun doch bei der Erinnerung half – nicht nur, was die Jahreszahlen anging. Er richtete sich auf, verharrte eine kleine Weile, las noch einmal die beiden Namen. Und ging.

Als das Tor mit einem Quietschen hinter ihm zufiel, dachte er noch für eine Sekunde: Das könnte auch mal ein Tröpfchen Öl vertragen. Dann war der Gedanke schon wieder weg.

Er schaute auf die Uhr.


Alexander W. Weiß

Ein seltsam entzeitlichter Ort, an dem Stunden, Tage und Jahre keine Rolle zu spielen scheinen und der doch unverbrüchlich im Hier und Jetzt wie in der Vergangenheit verankert ist. Vielleicht bekommt der Mensch hier eine ganz vage Ahnung von etwas Erhabenem, Ewigem – wie der morgendliche Besucher in unserer kleinen Geschichte. Die Aufnahme entstand auf dem Stockfriedhof in Weidenau.
Herbstsonne über dem Stockfriedhof in Weidenau. Der laubbedeckte Teerweg führte den morgendlichen Besucher in unserer Geschichte schnurgerade ans andere Ende des Geländes ...
Autor:

Alexander W. Weiß (Redakteur) aus Siegen

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