Lobgesang als Tango
Kantorei lud zu ungewöhnlichem Konzert in die Nikolaikirche Siegen

Zum Marienlob im Tangorhythmus vereinten sich die Kantorei Siegen, die Camerata Instrumentale Siegen, feinvirtuose Solistinnen des Gesangs, des Bandoneons und des Klaviers zur „Nacht der offenen Kirche“ in Nikolai.
  • Zum Marienlob im Tangorhythmus vereinten sich die Kantorei Siegen, die Camerata Instrumentale Siegen, feinvirtuose Solistinnen des Gesangs, des Bandoneons und des Klaviers zur „Nacht der offenen Kirche“ in Nikolai.
  • Foto: Olaf n. Schwanke
  • hochgeladen von Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin)

ne  Siegen. Eine Turmbesteigung war auch im Angebot – und Wein, Sekt und Käsehäppchen: Zur „Nacht der offenen Nikolaikirche“ erlebten Interessierte vergangenen Sonntagabend ab acht ein fulminantes geistliches Konzert, zu dem die Kantorei Siegen mit ihrer Leiterin Ute Debus das befreundete Kammermusikensemble Camerata Instrumentale und den international gefeierten Bandoneonspieler Rocco Heins in die Nikolaikirche eingeladen hatte. „Tango Lobgesang“ titelte das gut 90-minütige Konzertprogramm, in dem das „Magnificat“ von Martín Palmeri für Soli, Chor und Tango-Orchester von 2012 zur Aufführung kam, ein temperamentvoller Lobgesang im Tangorhythmus.
Für die beiden Solopartien konnte Ute Debus, Kirchenmusikdirektorin (seit 2006), Universitäts-Musikdirektorin (seit 2013) und seit 2015 „Master Of Music“ der Musikhochschule Hanns Eisler Berlin, die Sopranistin Sophia Körber und die Mezzosopranistin Silke Weisheit gewinnen. Am Klavier übernahm Christoph Sobanski die Rolle, die der Komponist Martín Palmeri gerne immer wieder selbst übernimmt, so beispielsweise bei der deutschen Erstaufführung des rhythmisch vertrackten Marienhymnus am 8. Juni 2013 in Warendorf.

Bandoneonspieler Rocco Heins erklärte sein Instrument

Bandoneonspieler Rocco Heins, einer der renommiertesten Virtuosen des in seinem Ursprungsland selten gewordenen Instruments, hat selbst schon mit Palmeri konzertiert, wichtige Referenzaufnahmen auf CD eingespielt und Kunst und Geschichte des aus der Konzertina entwickelten Bandoneons an Nachwuchsmusikerinnen und -musiker weitergegeben.Im Nikolaikonzert erklärte er es kurz und unterhaltsam, verriet lustige Spitznamen wie „Heimweh-Expander“ und schlüsselte die hochkomplexe Spieltechnik auf, die das virtuose Können des sympathischen Musikers ins vollends Unwirkliche steigerte. Mit zwei Instrumentalstücken gab Heins Klangbeispiele, ehe es ans große, rund einstündige Magnificat des im Juli 1965 in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires geborenen Komponisten ging.

"Magnificat" im Tangorhythmus

Palmieri begreift den im Lukasevangelium notierten Lobgesang der mit Schwangerschaft gesegneten Maria als mutige soziale Ansage einer nun von Gott ermächtigten und erhöhten Frau, als einen emanzipatorischen Akt:

„… er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“

Gekonnt verbindet Palmeri Elemente des Tangos mit klassischen Kompositionstechniken der barocken geistlichen Musik, wie dem Generalbass, und erschuf so ein gleichermaßen mitreißendes wie beeindruckendes Werk. Das hohe Anforderungen an seine Interpreten stellt: Schön gelang es dem diesmal in sommerbunten Blusen und Hemden auftretenden Chor, die rhythmisch komplex verteilten Textzeilen, die furiosen Fugenthemen, die wie aufplatzenden Dynamiken, die rigorosen Crescendi mit Verve und leuchtenden Blicken in die hohe Hallenkirche zu schleudern. Nicht immer leicht die Artikulation: Palmeri musste ja den lateinischen Text in seine Tango-Metrik packen – und dann manchmal eben auch pressen oder dehnen. Da musste die Kantorei hochkonzentriert auf die Präzision achten, die ihr das fast vitalistische Dirigat von Ute Debus vorgab.

Streicher perkussiv

Plastisch, fast perkussiv, empfahl sich auch die forcierte Streicherbegleitung der Camerata Instrumentale unter ihrer Leiterin, der Konzertmeisterin Annette Pankratz. Spielfreude im besten Sinne. Sophia Körber und Silke Weisheit harmonierten glänzend, sind die Solopartien doch meistens als Duette konzipiert und verlangen kluges Aufeinanderhören.Nicht aufhören wollte der Schlussapplaus, zu dem sich der größte Teil der für einen schönen Sommersonntagabend gut besuchten Kirche von den Sitzen erhob, war es doch einigen insgesamt vergnüglich schwergefallen, nicht einfach mitzuwippen oder gar zu tanzen bei all der feurigen lateinamerikanischen Lebensfreude des Lobgesangs.

Autor:

Olaf Neopan Schwanke (Freier Mitarbeiter) aus Siegen

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