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Die Musikerin Charlotte Schmidt-Berger im SZ-Interview
Kein Konzert, kein Verdienst und der Fall ins Leere

Die freiberuflich tätige Musikerin Charlotte Schmidt-Berger sorgt sich im SZ-Interview um das wirtschaftliche Überleben ihres Berufsstandes.
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  • hochgeladen von Claudia Irle-Utsch (Redakteurin)

pebe Siegen/Würzburg. „Es trifft uns mit voller Wucht. Die Coronakrise ist nicht nur für die Wirtschaft eine Bedrohung, sondern auch für alle Musikerinnen und Musiker.“ Die Stimme von Charlotte Schmidt-Berger klingt am Telefon besorgt. Die 35-Jährige, die mehrere Hochschulabschlüsse im Bereich Alte Musik hat, ist als freiberufliche Musikerin tätig – und damit besonders auf verlässliche Engagements angewiesen. Die aber, berichtet sie im Gespräch mit der Siegener Zeitung , seien für sie und ihre Kolleg/innen mit der Coronakrise weggebrochen. „Ich habe keine Festanstellung im Orchester“, erklärt die Würzburger Künstlerin, die im Rheinland geboren wurde und familiäre Verbindungen ins Siegerland hat. Vielmehr arbeitet sie in festen Ensembles, u. a.

pebe Siegen/Würzburg. „Es trifft uns mit voller Wucht. Die Coronakrise ist nicht nur für die Wirtschaft eine Bedrohung, sondern auch für alle Musikerinnen und Musiker.“ Die Stimme von Charlotte Schmidt-Berger klingt am Telefon besorgt. Die 35-Jährige, die mehrere Hochschulabschlüsse im Bereich Alte Musik hat, ist als freiberufliche Musikerin tätig – und damit besonders auf verlässliche Engagements angewiesen. Die aber, berichtet sie im Gespräch mit der Siegener Zeitung , seien für sie und ihre Kolleg/innen mit der Coronakrise weggebrochen. „Ich habe keine Festanstellung im Orchester“, erklärt die Würzburger Künstlerin, die im Rheinland geboren wurde und familiäre Verbindungen ins Siegerland hat. Vielmehr arbeitet sie in festen Ensembles, u. a. bei den Deutschen Händel-Solisten in Karlsruhe, dem Neumeyer-Konsort in Mainz, der Handel’s Compagny (Stuttgart) und dem Ensemble L’Arte del Mondo – feste Gruppen, in denen sie entweder ständiges Mitglied oder aber regelmäßig für Mitarbeit angefragt ist. Nebenher nimmt sie deutschland- und europaweit Engagements an.

Es hagelte Absagen

Die Freiberuflichkeit, sonst eine anstrengende, aber auch sehr kreative und begegnungsreiche Form des Arbeitens – „da ist viel Empfehlungsarbeit, Mundpropaganda und exzellente Arbeit nötig, und man braucht Jahre, um sich feste Plätze zu erarbeiten“ – bringt sie in dieser Zeit in Bedrängnis. Denn das, wovon die Musik lebt, die Performance und die Kommunikation mit dem Publikum, fallen durch die Einschränkungen im öffentlichen Leben völlig weg – und damit auch die Möglichkeiten, mit dem eigenen Können Geld zu verdienen. „Wir haben in Bayern die Möglichkeit zu Veranstaltungen immer stärker heruntergefahren, und seit dem 16. März haben wir hier den Katastrophenfall“, berichtet sie. Erste Absagen habe es schon einige Tage zuvor gegeben, „und dann hagelte es davon.“ Für die nächsten sechs Wochen stehe nun erst einmal gar nichts mehr im Kalender. Manche Veranstalter versuchten, Termine später ins Jahr zu schieben, aber „die finanzielle Not der Kolleginnen und Kollegen besteht jetzt, und auch wenn die nächsten Halbjahre noch ausgebucht sind – wer weiß, wie es weitergeht?“

Ausgerechnet in der Passionszeit!

Dass das Virus seine zerstörerische Wucht gerade in diesen Wochen vor Ostern entfaltet, ist für die freischaffenden Musikerinnen und Musiker besonders verhängnisvoll: „Gerade die Passionszeit ist neben dem Advent die Zeit, in der fast die Hälfte des Jahresverdienstes erarbeitet wird“, fährt Charlotte Schmidt-Berger fort, und reich kann man mit der Liebe zur Alten Musik ohnehin nicht werden: Gerade einmal bei 13 000 Euro brutto (!) liege der Durchschnittsverdienst der Musiker/innen im Jahr, „und wenn davon von März bis Mai 6000 Euro wegbrechen, dann verzweifeln die Leute. Musiker können ihre Miete nicht bezahlen, die schmalen Rücklagen, die in guten Jahren möglich sind, die fallen dann ganz weg. Und die meisten haben kein dickes Polster, auf das sie zurückgreifen könnten.“

"Kultur ist kein Luxus"

Schnelle Hilfe, sagt sie, sei unbedingt nötig. Kunst sei eben nichts, worauf man einfach willkürlich verzichten könne. Und dann zitiert sie einen Satz von Richard von Weizsäcker, der für sie eine ebenso einfache wie voll gültige Begründung für staatliche Hilfen in dieser Situation ist: „Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder nach Belieben streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere Überlebensfähigkeit sichert.“ Ihr Kollege, der Sänger David Erler (Leipzig), hat dazu eine offene Petition an Bundesfinanzminister Olaf Scholz gestartet, um eine Unterstützung der Freiberufler im Corona-Shutdown zu erreichen. „Eine wichtige Aktion“, betont Charlotte Schmidt-Berger, „wir gehören zu den Branchen, die am stärksten unter der wirtschaftlichen Krise leiden, es geht nicht ohne staatliche Unterstützung.“

Kein Gottesdienst, keine liturgische Musik

Der Wegfall der Engagements ist das eine, der Wegfall von Konzertgelegenheiten im liturgischen Rahmen das andere. „Die Kirchen sind geschlossen, es wird keine Ostergottesdienste geben“, sorgt sie sich. Weihnachten und Ostern seien aber auch für kirchenferne Menschen „zwei wichtige Marker im Jahr, da werden die Leute verunsichert, die Riten und Muster zur Stärkung und Vergewisserung fallen weg.“ Leere entsteht, die die Musik füllen muss.Am Montag spielte Schmidt-Berger in einem bischöflichen Gottesdienst, der bayernweit auf vielen Kanälen in die Krankenhäuser übertragen wurde, zugegen waren nur der Bischof von Würzburg, ein Kollege und sie. Auch das Internet, berichtet sie, nehme momentan eine wichtige Stellung ein. Dort lasse sich zwar kein Geld verdienen, aber es nähre jenseits aller normalen Konkurrenz den Kulturbetrieb und zeige, welch Kraft sich aus der Musik schöpfen lasse. Deshalb freue sie sich auch über viele Solidaritätsaktionen, z. B. den Aufruf, Konzertkarten nicht zurückzugeben, sondern für Künstler zu spenden.

Tagesstruktur innerhalb der Familie

Und wie gehen sie und ihr Mann im Alltag mit den Einschränkungen um? Mit fünf Kindern in einer fast isolierten Welt zusammenzuleben, sie in einer verlässlichen Tagesstruktur bei Laune zu halten (auch wenn morgens „Fernschule“ auf dem Programm steht), mache es schon schwierig, sich die nötigen Freiräume zum Üben und zum Erarbeiten der Musik zu verschaffen, gibt sie zu. Aber die Kinder erlebten den Wert der Musik noch einmal anders, die Musiklehrer werden z. B. über Skype zugeschaltet, „das finden beide Seiten klasse“. „Und es ist das, woran sich die Kinder später erinnern werden“, fährt Schmidt-Berger fort: dass es zwischenallem Ernst auch die Entfaltungsräume, das Wohlfühlen und die Kreativität gebe. Das stärke und forme die jungen Menschen. Wenn sie selbst – derzeit etwas eingeschränkter – übe, erlebe sie dies als eine große Kostbarkeit. Sie habe das Bedürfnis nach künstlerischem Ausdruck, das Spielen sei ein Aufladen der Batterie für den Familienalltag, „wie eine Dehnübung im Ballett“.

Alte Musik hat Krisen-Zeiten überdauert

Und dann meint sie nachdenklich: „Die Musik, die wir spielen, die ist viele hundert Jahre alt und hat viele Krisen überdauert. Darin liegt eine Kraftquelle, und die können alle bewusst aufsuchen und nutzen.“ Auch dies sei ein Aspekt ihrerArbeit, der nicht vergessen werden dürfe. Und ansonsten, lacht sie zum Schluss doch noch ein wenig, hoffe sie ganz profan, demnächst Zeit zu finden, „mal den Notenschrank aufzuräumen“.

Die freiberuflich tätige Musikerin Charlotte Schmidt-Berger sorgt sich im SZ-Interview um das wirtschaftliche Überleben ihres Berufsstandes.
Maria als die Patrona Franconiae (auf der Alten Mainbrücke in Würzburg) wacht über die Stadt. Auch wenn die im gesellschaftlichen und kulturellen Shutdown ist.
Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

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