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Schwarzer Humor und Situationskomik: Desperate Thespians spielen "Little Murders"
Kleine Morde im großen New York

Die Theatergruppe Desperate Thespians während einer Probe mit Jessica Heitmüller (r.) und Peterpromise Odinibueze (2. v. r.). Die Aufführungen finden vom 20. bis 22. Oktober jeweils um 20 Uhr im Siegener Lÿz statt.
  • Die Theatergruppe Desperate Thespians während einer Probe mit Jessica Heitmüller (r.) und Peterpromise Odinibueze (2. v. r.). Die Aufführungen finden vom 20. bis 22. Oktober jeweils um 20 Uhr im Siegener Lÿz statt.
  • Foto: Betül Kati
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

anwe Siegen. Endlich kann sich das theaterhungrige Siegener Publikum wieder auf die englische Theatergruppe Desperate Thespians aus dem Seminar der Anglistik der Uni Siegen unter der Leitung von Nadine Sucharda und Dr. Marcel Hartwig und damit auf die nun schon zwölfte Ausgabe englischsprachigen Theaters der besonderen Art freuen – überdies noch „weltweit exklusiv“ als einzige lizensierte Aufführung. Das Stück „Little Murders“ des amerikanischen Cartoonisten Jules Feiffer aus dem Jahr 1967 bringt mit viel schwarzem Humor und absurder Situationskomik, dargeboten von acht Darstellern, die allesamt Studierende der Uni Siegen sind, eine Reise in diese Zeit, in einen urbanen Dschungel, dessen Chaos und Abgründe uns auch noch heute bewegen.

anwe Siegen. Endlich kann sich das theaterhungrige Siegener Publikum wieder auf die englische Theatergruppe Desperate Thespians aus dem Seminar der Anglistik der Uni Siegen unter der Leitung von Nadine Sucharda und Dr. Marcel Hartwig und damit auf die nun schon zwölfte Ausgabe englischsprachigen Theaters der besonderen Art freuen – überdies noch „weltweit exklusiv“ als einzige lizensierte Aufführung. Das Stück „Little Murders“ des amerikanischen Cartoonisten Jules Feiffer aus dem Jahr 1967 bringt mit viel schwarzem Humor und absurder Situationskomik, dargeboten von acht Darstellern, die allesamt Studierende der Uni Siegen sind, eine Reise in diese Zeit, in einen urbanen Dschungel, dessen Chaos und Abgründe uns auch noch heute bewegen.

Patsys Heirat - eine Katastrophe

Es wird „scharf geschossen“, denn die Newquists, eine verschrobene Familie aus New York City, müssen sich der Situation stellen, dass Tochter Patsy einen apathischen Einzelgänger heiraten will, was Papa Carol natürlich gar nicht passt – eine Katastrophe ist programmiert. Dr. Marcel Hartwig, einer der beiden Theaterleiter, äußert sich im Interview.

Alle Darsteller spielen auf Englisch – was macht das mit der Rollengestaltung und ihrem Selbstverständnis als Schauspieler?

Die Rollengestaltung ergibt sich wie bei jedem anderen Theaterstück auch: Die Darsteller sollten hier nur zusätzlich der englischen Sprache mächtig sein. Das erlaubt auch, Studierende aus anderen Fakultäten aufzunehmen, die gute englische Sprachkenntnisse haben. Meistens sind sogar auch internationale Studierende bei uns dabei. Beispielsweise spielen in diesem Stück eine Chemie-Studierende aus Indien, ein Mechatroniker sowie ein Wirtschaftswissenschaftler aus Nigeria mit. Die meisten bringen sogar auch schon eine gewisse Schauspielerfahrung mit sich, und einer von ihnen hat auch schon in einem Kurzfilm mitgespielt. Andere Darsteller sind aber auch Schauspielanfänger, die auf Cosplay-Conventions gehen oder Pen & Paper spielen, sich also gut in andere Charaktere zu verwandeln wissen. Wir sind immer wieder überrascht, welche Talente in den Studierenden stecken. Auch den englischen Sprachgebrauch setzen sie gut in ihren Rollen um, und das stärkt natürlich auch das Selbstverständnis der Schauspieler in ihrer Befähigung, mit der Sprache umzugehen und mit ihr in eine fremde Rolle zu schlüpfen.

Warum habt ihr ausgerechnet dieses Stück ausgewählt?

Weil es zeitgemäß ist, mit viel Situationskomik arbeitet und es gleichzeitig den Blick in einige tiefe Abgründe wagt. Die ehemalige Siegener Amerikanistik-Professorin Kerstin Schmidt vertrat sogar einmal die Auffassung, dass es eines der Stücke sei, das eigentlich in den amerikanischen Literaturkanon gehöre, aber viel zu selten Teil der Diskussionen über Drama sein darf. Wer sich mit dem Stück befasst, sieht, dass es sowohl bei der Royal Shakespeare Company in London wie auch am Broadway in New York ein Repertoirestück ist und bis heute immer wieder in Theatern der englischsprachigen Welt aufgeführt wird. Ebenso läuft auch die Filmadaption von Alan Arkin, der den Film 1971 adaptierte, immer noch in amerikanischen Programmkinos, es also ein Kultfilm geworden ist. Der Text erreicht bis heute sein Publikum. Ich habe das Stück selbst mit Begeisterung gelesen. Den Theaterworkshop leite ich gemeinsam mit Nadine Sucharda und wir entscheiden beide gemeinsam über die aufzuführenden Stücke, bei „Little Murders“ waren wir uns schnell einig.

Worum geht es in dem Stück?

Wir erleben hier eine mittelständische amerikanische Familie, die Newquists, und wie sie mit einem eigentlich ganz typischen Familienproblem umgeht, nämlich dem, dass ihre Tochter heiraten will und die Familie mit dem ausgewählten Typen, den sie anschleppt, nicht klarkommt. Dieser ist ein unangepasster Individualist. Die Familie ist ihm gegenüber kritisch, und demzufolge mündet alles in einem Chaos. Es ist eine düster-komische Satire, die 1967 uraufgeführt wurde. 1964 hat Jules Feiffer angefangen, daran zu schreiben. Er hat sie in einem Kontext geschrieben, der von der Ermordung von Malcolm X und JFK geprägt war, und Feiffer dachte viel darüber nach, was es heißt, in einem Land zu leben, das gerade den Vietnamkrieg führte und in dem es viele volatile Gewaltausbrüche gab. Dennoch ging das normale kleinbürgerliche Leben einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Dieses Klima spiegelt das Stück wider, und deswegen sind wir auf der Bühne auch in einem New York, das stinkt und laut ist, überall sind Bauarbeiten, es gibt immer Verfolgungsjagden und wilde Schießereien. „Little Murders“ thematisiert die Oberflächlichkeit der kleinbürgerlichen Werte, ist in vielen Momenten schreiend komisch, aber lässt einem auch in anderen Augenblicken das Lachen im Halse stecken. Und das ist eigentlich eine sehr gute Mischung, die – so waren wir einhelliger Meinung – ein abendfüllendes Stück gut zu gestalten weiß.

"Volatile Gewalt gibt es auch hier" 

Das Stück hat bis heute nicht an Bedeutung und Aktualität verloren: Obwohl wir immer auf die USA schauen und sehen, dass es bis heute dort Massenschießereien, Amokläufe und zufällige Gewaltakte gibt, schauen wir immer mit einer gewissen Distanz darauf. Dabei passieren solche Dinge auch bei uns. Wenn man jetzt einmal an die Ermordung beispielsweise von Walter Lübcke denkt oder kürzlich den Fall in Idar-Oberstein, als an einer Tankstelle ein 20-Jähriger von einem Corona-Leugner erschossen wurde, oder die Übergriffe auf Minoritäten in unserem Land – volatile Gewalt gibt es auch hier. Die Welt des Stückes ist also gar nicht so weit von der unsrigen entfernt.

Sehr vieles erinnert auch an Loriot

Das klingt jetzt vielleicht alles etwas düster, aber es soll hier nicht vergessen werden, dass „Little Murders“ aus der Feder eines bekannten Comic-Zeichners stammt, der selbst auch Cartoons z. B. jahrzehntelang für die „Village Voice“ gezeichnet hat. Zudem hat Jules Feiffer 1986 den Pulitzer-Preis für seine Karikaturen gewonnen und arbeitete schon mit Will Eisner zusammen, einem berühmten Comic-Zeichner aus den USA. Dadurch hat er einfach ein gutes Händchen für Situationskomik. Sehr vieles in dem Stück erinnert auch an Loriot, und das macht „Little Murders“ letzten Endes auch so unglaublich sympathisch: eben weil es ein gesellschaftskritisches Thema behandelt – dies einerseits auf eine sehr joviale, aber andererseits auch auf eine sardonische Weise tut, bei dem es sehr viel schwarzen Humor gibt und das auch gut zu unterhalten weiß.

Aufführungen: 20. bis 22. Oktober, Kulturhaus Lÿz in Siegen (St.-Johann-Straße).
Einlass 19 Uhr, Beginn 20 Uhr.
Tickets: hier; limitiertes Kartenkontingent zum zusätzlichen Schutz der Gäste; Tickets sind personengebunden und werden zugewiesen, es gilt die 3G-Regel.

Autor:

Anna Maria Weber (Freie Mitarbeiterin) aus Siegen

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