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Dieter Hallervorden eröffnet Apollo-Spielzeit mit „Gottes Lebenslauf“
Komödie als Mensch-Kritik

Dieter Hallervorden (r.) und Peter Bause eröffneten am Mittwochabend mit der satirischen Komödie „Gottes Lebenslauf“ die Spielzeit im Siegener Apollo-Theater.
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  • Dieter Hallervorden (r.) und Peter Bause eröffneten am Mittwochabend mit der satirischen Komödie „Gottes Lebenslauf“ die Spielzeit im Siegener Apollo-Theater.
  • Foto: Alexander W. Weiß
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

aww Siegen. Gott muss sich eine Menge unangenehmer Dinge vorhalten lassen. Erdbeben, Vulkanausbrüche, Religionskriege, Seuchen … All dessen ist er angeklagt. Und Corona?! Was er denn wohl damit zu schaffen habe, wenn auf chinesischen Wochenmärkten etwas ausbreche, nur weil die Menschen ihre Fledermäuse nicht richtig gar kochen können, kontert der Herrgott. Corona ist ein Thema auch in „Gottes Lebenslauf“. Dem Stück, mit dem der große Komödiant Dieter Hallervorden und Mitstreiter von seinem Schlosspark-Theater in Berlin am Mittwochabend die neue Spielzeit des Siegener Apollo-Theaters eröffneten, mit der ersten von insgesamt sechs Vorstellungen bis Sonntag.

aww Siegen. Gott muss sich eine Menge unangenehmer Dinge vorhalten lassen. Erdbeben, Vulkanausbrüche, Religionskriege, Seuchen … All dessen ist er angeklagt. Und Corona?! Was er denn wohl damit zu schaffen habe, wenn auf chinesischen Wochenmärkten etwas ausbreche, nur weil die Menschen ihre Fledermäuse nicht richtig gar kochen können, kontert der Herrgott. Corona ist ein Thema auch in „Gottes Lebenslauf“. Dem Stück, mit dem der große Komödiant Dieter Hallervorden und Mitstreiter von seinem Schlosspark-Theater in Berlin am Mittwochabend die neue Spielzeit des Siegener Apollo-Theaters eröffneten, mit der ersten von insgesamt sechs Vorstellungen bis Sonntag.

Corona schwingt stets mit

Corona ist bei allem – das sei vorweggenommen – exquisit gespielten, höchlich witzigen und unterhaltsamen, aber durchaus auch nachdenklich stimmenden Theater, wie es von Kultstar Hallervorden nun geboten wurde, nicht aus den Gedanken zu verscheuchen, schwingt bei diesem bis dato wohl seltsamsten Saisonauftakt in Siegens Theater stets mit: die Stuhlreihen spärlich und löchrig besetzt, die Menschen darauf eine Ansammlung von Antlitzen unter Masken. Ganz ehrlich: Eindreiviertel Stunden ohne Pause unter Mund-Nasen-Schutz sind selbst bei bestem Entertainment kein echtes Vergnügen, das Klima im Gesicht wird mit der Zeit nicht besser. Und dem 85-jährigen Hallervorden, dem das Publikum am Ende völlig zu Recht teils im Stehen Beifall zollte, wäre der rauschende Applaus eines vielhundertköpfigen Publikums zu wünschen gewesen. Allerdings waren, wie berichtet, aufgrund der Corona-Auflagen nur rund 100 Besucher zugelassen; zudem blieben einige verfügbare Plätze unbesetzt (s. gesonderten Artikel).

Vorhang sollte sich unbedingt heben

Dennoch und trotz eines Kulturerlebnisses mit vorauszusehenden Einschränkungen: Der Vorhang sollte sich unbedingt heben, „egal wie“, hatte Intendant Magnus Reitschuster beim Pressegespräch mit Hallervorden im Vorfeld der Aufführung betont (wir berichteten ausführlich). Aus den beiden sprechen leidenschaftliche Theaterseelen. Sie wollen sich das Theater vom Virus nicht kaputtmachen lassen. Das hat seine Berechtigung und ist recht so.

Von Hallervorden ins Deutsche übertragen

Das Stück des Franzosen Jean-Louis Fournier hat Hallervorden selbst ins Deutsche übertragen, beim Text standen ihm als Koautoren Frank Lüdecke (auch Regie) und Arnulf Rating zur Seite. Doch hat Hallervorden sich die satirische Komödie zu eigen gemacht, Dinge dazugeschrieben, die ihm am Herzen lagen, sie der Zeit angepasst. Im Februar, vor der Corona-Krise, wäre das Stück (Premiere war am 5. September in Berlin) ein anderes gewesen, hatte Hallervorden im Vorfeld gegenüber hiesigen Journalisten betont.

Kongenialer Partner: Peter Bause

Worum geht es? Gott, verkörpert von Dieter Hallervorden selbst, sucht – nach der Erschaffung des blauen Planeten und dessen, was darauf kreucht und fleucht – nach einer neuen Betätigung, bewirbt sich bei einer Firma auf der Erde und wird zum mehrtägigen Gespräch geladen. Der Personaldirektor, kongenial gespielt von Peter Bause, hat einiges an Fragen, Lob und auch kritischen Bemerkungen für den Schöpfer übrig, der ausgerechnet auf dem Teufelsberg landen musste („der Flughafen war ja noch nicht fertig“).

„Gottes Lebenslauf“ spielt im Hier und Jetzt

Hallervorden und Bause kommen fast komplett ohne Slapstick und Kalauer aus, das Stück bietet vielmehr, in kurzweiliger Szenenfolge arrangiert, einen erfrischenden Mix aus flottem Witz zum Schnellkonsumieren und gesellschaftskritischem Humor zum Hinterhersinnen. Missbrauch in der katholischen Kirche, Deutsche, die Deutschen helfen, aber kein richtiges Deutsch schreiben können, Trump, Bolsonaro und Kim Jong-un – „Gottes Lebenslauf“ spielt (auch) im Hier und Jetzt.
Die Schöpfung, wird der Zuschauer erinnert – das kommt alles vom Allmächtigen, das gibt es nicht bei Amazon. Und aus der Kirche – „deren Kirche“ – ist Gott längst ausgetreten. Bedauerlich übrigens, dass dem Sternenhimmel so „miserable Einschaltquoten“ beschieden sind, da hat der Schöpfer wohl „Perlen vor die Säue geworfen“. Eine kleine kulturkritische Debatte von Cézanne bis Picasso, von Beethoven bis Helene Fischer gibt es obendrein, dazu ein paar Songs, von Hallervorden gesungen und mit einem Engelstrio garniert (Valerie Lillibeth, Christiane Zander, Nicole Fischer), wie etwa auch, in einem der filmischen Einspieler auf großer Leinwand, eine tänzerische Hommage von Hallervorden/Bause an die großen Laurel und Hardy.
Unter dem Strich ist „Gottes Lebenslauf“ eine Mensch-Kritik, die auch die Frage danach stellt, warum das Geschöpf so gerne den Schöpfer verantwortlich macht für das, was es selbst verbockt hat. Gottes Fazit ist ernüchternd: „Ich kann mir die Schöpfung auch sehr gut ohne den Menschen vorstellen. Ich überlebe das!“

Autor:

Alexander W. Weiß (Redakteur) aus Siegen

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