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Helge Achenbach hat seine „Selbstzerstörung“ skizziert
Kunstberater fuhr Leben gegen die Wand

Der Kunstvermittler Helge Achenbach hat mit „Selbstzerstörung“ ein Buch geschrieben, in dem er seine Geschichte erzählt, die vom Gelingen handelt, aber auch von Schuld und Sühnung.
  • Der Kunstvermittler Helge Achenbach hat mit „Selbstzerstörung“ ein Buch geschrieben, in dem er seine Geschichte erzählt, die vom Gelingen handelt, aber auch von Schuld und Sühnung.
  • Foto: Riva-Verlag
  • hochgeladen von Claudia Irle-Utsch (Redakteurin)

ciu Düsseldorf/Siegen. Helge Achenbach ist wieder ganz gut unterwegs. In eigener Sache, denn gerade sind unter dem Titel „Selbstzerstörung“ seine „Bekenntnisse eines Kunsthändlers“ erschienen, und zugleich im Dienst des Vereins Kultur ohne Grenzen – Culture Without Borders, der geflüchtete Menschen unterstützt und zwar vornehmlich solche, die künstlerisch tätig sind. Deren Werke bringt Achenbach an den Mann/die Frau – er ist und bleibt also Mittler zwischen Kunst und Interessenten, doch möglichst abseits der Welt des schönen Scheins, der Spekulation, der immensen Gewinnmargen und Provisionen. „Groß“, schreibt er in der „Ersten Skizze“, im ersten Kapitel seines Buchs, dessen Titel auch auf das sich selbst zerstörende Banksy-Gemälde verweist, „muss nicht gleich teuer und mächtig sein“.

ciu Düsseldorf/Siegen. Helge Achenbach ist wieder ganz gut unterwegs. In eigener Sache, denn gerade sind unter dem Titel „Selbstzerstörung“ seine „Bekenntnisse eines Kunsthändlers“ erschienen, und zugleich im Dienst des Vereins Kultur ohne Grenzen – Culture Without Borders, der geflüchtete Menschen unterstützt und zwar vornehmlich solche, die künstlerisch tätig sind. Deren Werke bringt Achenbach an den Mann/die Frau – er ist und bleibt also Mittler zwischen Kunst und Interessenten, doch möglichst abseits der Welt des schönen Scheins, der Spekulation, der immensen Gewinnmargen und Provisionen. „Groß“, schreibt er in der „Ersten Skizze“, im ersten Kapitel seines Buchs, dessen Titel auch auf das sich selbst zerstörende Banksy-Gemälde verweist, „muss nicht gleich teuer und mächtig sein“. Es mache ihn glücklich, einem syrischen Künstler wie Yahia Silo ein Atelier zur Verfügung zu stellen, ihm zu helfen auszustellen oder auch „durch die Karikaturen für dieses Buch ein bisschen bekannter“ zu werden.

Pennäler, Präsident, Kunsthändler, Häftling 

Wer die Autobiographie wie ein Bilder-Buch lesen möchte, sieht den jungen Helge, wie er auf dem Hof der Realschule Am Oberen Schloss Fundstücke aus einem Herrenmagazin gegen kleines Geld vertickt, wie er als Präsident von Fortuna Düsseldorf mit Maradona (erfolglos …) verhandelt, dem Aldi-Chef Berthold Albrecht die Kunst nahebringt, am Düsseldorfer Flughafen verhaftet und abgeführt wird (weil er eben diesen „scheuen Milliardär“ betrogen hat), man sieht ihn als Sträfling von Kunst, Geld und Frauen träumen („Ohne Ausgang. Ohne Würde. Ohnmächtig. Wütend. Nach Luft schnappend wie ein Fisch auf dem Trockenen. Hilflos. Bodenlos.“), beim Marathon als Ersten über die Ziellinie stürmen und schließlich auf dem Weg treppauf, die neuen Kultur-ohne-Grenzen-Ufer im Blick, doch symbolhaft gebremst von Babette Albrecht, von dem, was er auf Jahrzehnte hin zu büßen hat: „Vermutlich, bis ich über 90 bin, denn die Gläubiger haben 30 Jahre Anspruch auf ihr Geld.“

Achenbach: Sturz war "bitter", war "brutal"

Die Karikaturen sind augenzwinkernd, manches in Achenbachs Bericht ist es auch. Doch selbst, wenn er an einer Stelle dezidiert aufrechnet, wie sehr die an die Albrechts verkauften Werke inzwischen an Wert gewonnen haben müssten, verharmlosen kann und will er nicht, was geschehen ist. Das wird im Gespräch mit dem weltgewandten, charmant plaudernden Mann deutlich. Seine Straftaten in der Rückschau zu rechtfertigen, sei unmöglich, so Achenbach. Dafür sei der Sturz „zu bitter, zu brutal“ gewesen. „Ich fühlte mich wie ein Motorradfahrer, der auf der Autobahn gegen einen Betonpfeiler knallt.“ Und weiter: „Dass ich das überlebt habe, liegt an der Kraft, die in mir steckt.“

Heilende Kräfte der Kunst

Beim Aufstehen geholfen habe ihm auch die Kunst: „Sie lässt einen nicht mehr los, sie hat heilende Kräfte.“ Achenbach bündelte das Nachsinnen über sein „anderes, früheres Leben“, in dem er selbst zu malen begann und hinter Gittern etwas Befreiendes erlebte. „Spirit Of Freedom“ nannte er diese Arbeiten, verschenkte sie zunächst an Familie und Freunde – gestaltete Kalender mit Bildern und Gedichten, mit eigenen Texten, aber auch solchen von Dietrich Bonhoeffer, dessen „Wer bin ich?“ für Achenbach ein hilfreicher Weg zur Selbstvergewisserung geworden ist.

Günter Wallraff als Korrektiv

Er sei, sagt er, im Laufe der Jahre „verroht worden“, die Sucht nach Anerkennung habe seine „innere Stimme“ übertönt, und damit das nicht erneut passiert („Ich bin in meiner Art ein großes Kind.“), dürfe und solle sein enges Umfeld für ihn („Ansporn brauche ich nicht …“) ein Korrektiv sein.Zuallererst die neue Lebenspartnerin, die litauische Künstlerin Evelina Velkaite (37), und dann natürlich der „frei gewählte Bewährungshelfer“ Günter Wallraff, der ihm nach der Freilassung im Juni 2018 eine Bleibe bot: „Der passt sehr gut auf.“

Kinder haben "wahnsinnig gelitten"

Gewidmet hat Helge Achenbach sein Buch seinen Kindern, die unter dieser ganz großen Pleite „wahnsinnig gelitten“ hätten, „durch die Bank, der kleinste, damals kurz vor dem Abi, wie der größte“, der als Geschäftsführer im Unternehmen unmittelbar betroffen war. Acht Kinder, vier Frauen. Heute sei seine Familie eine „lose Struktur, die insgesamt sehr solidarisch“ miteinander umgehe, so der 67-Jährige. „Das größte Problem ist die Logistik.“ Wie und wo „alle unter einen Hut“ bekommen zwischen Münster, London, Berlin, Wien oder – in seinem Fall – Düsseldorf? Doch ein-, zweimal im Jahr könne das gelingen. Es liegt ihm was dran, das ist zu spüren. Auch weil sein eigenes Vater-Bild eines mit Rissen ist. Dass der Vater, der ihn großgezogen hat, nicht der leibliche Vater ist, war ein Familiengeheimnis, das er selbst nie ganz lüften konnte – auch weil die Mutter, verhärtet, immens mauerte.

Im VW-Bus mit Bernd Becher

Das Leck an Liebe … – für Helge Achenbach selbst ist das auch Teil der Erklärung für seine Rolle im Tanz der Eitelkeiten. Apropos Liebe. Dieses Wort fällt gerne dann, wenn im Gespräch das Siegerland ins Spiel kommt, „meine alte Liebe“. So habe er das Entstehen des Museums für Gegenwartskunst „total liebevoll“ begleitet, erinnere er sich gern daran, wie er mit dem Fotografen Bernd Becher mit dessen VW-Bus über die Dörfer gefahren sei, um typische Siegerländer Fachwerkhäuser anzuschauen, habe sich die Nähe zur einstigen Heimat (das rollende R, für das er als Teenager in Düsseldorf ausgelacht worden sei, hat er abgelegt, kann es aber noch!) bewahrt. Weshalb er sich freut auf das letzte November-Wochenende, wenn er zu Gast ist bei „Drei nach zehn“, dem Radio-Siegen-Sonntagstalk (Ausstrahlung: 1. Dezember). Vielleicht wird es in diesem Zusammenhang auch eine Lesung geben, vermutlich auch den Besuch bei der Kunst – am Unteren Schloss.

Der Kunstberater Helge Achenbach kam am 17. April 1952 in Weidenau zur Welt. Er verbrachte seine Kindheit und frühen Teenager-Jahre zunächst in Klafeld, später in Siegen. Er arbeitete mit Künstlern wie Gerhard Richter, Thomas Struth, Andreas Gursky oder Jeff Koons zusammen. Er stattete das WM-Quartier der deutschen Fußballnationalmannschaft in Brasilien mit Kunst aus, verlor sich aber im Streben nach Geld und Anerkennung. Sein millionenschwerer Betrug des Aldi-Milliardärs Berthold Albrecht brachte ihn ins Gefängnis. Aus seinem Leben berichtet er in seinem gerade erschienenen, gut erzählten Buch „Selbstzerstörung“ (Riva-Verlag, München), das auch erhellende Blicke hinter die Kulissen des Kunsthandels wirft. Er engagiert sich für den Verein Kultur ohne Grenzen – Culture Without Borders und betreibt in Kaarst einen Künstlerhof. Gerade hat er die Idee zu einem zweiten Buchprojekt formuliert: (Arbeits-)Titel „Der innere Kompass“.

Autor:

Claudia Irle-Utsch (Redakteurin) aus Siegen

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