Insa Wilke wird in einem Online-Seminar der Uni Siegen über ihre Arbeit sprechen
Literaturkritik hautnah erleben

Insa Wilke referiert in einem Online-Seminar der Uni Siegen über ihre Arbeit.
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  • Foto: Foto: Mathias Bothor
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

sz Siegen. Insa Wilke gehört zu den bekanntesten zeitgenössischen Literaturkritikerinnen und -kritikern Deutschlands. 2010 erschien ihre Monographie „Ist das ein Leben. Der Dichter Thomas Brasch“. Außerdem ist sie bekannt durch das Format „lesenswert Quartett“ (SWR-Fernsehen). Darüber hinaus schrieb sie bereits Kritiken für große Tages- und Wochenzeitungen und ist Mitglied diverser Jurys für Literaturpreise. In diesem Jahr hat sie den Posten als Jury-Vorsitzende des Ingeborg-Bachmann-Preises inne. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe InternationalPoetry@Rubens findet am Welttag des Buches am Donnerstag, 23. April, um 18 Uhr ein digitales Literatur-Event mit Insa Wilke statt.

Veranstalter sind die Studierenden des Projektseminars „Literaturfestivals und Lesungen“ unter der Leitung von Dr. Natasza Stelmaszyk sowie das Haus der Wissenschaft der Universität Siegen, gefördert von der Christa-und-Dieter-Lange-Stiftung. Insa Wilke plaudert aus dem Nähkästchen und beweist, dass der Austausch über Literatur alles andere als langweilig ist. Weitere Informationen hier; Anmeldung (bis 22. April) per E-Mail an hdw@uni-siegen.de. Hier ein Einblick in das Arbeiten der Literaturexpertin, ihren Beruf und die Veränderungen durch die Corona-Pandemie.

Eine der Dynamiken der Corona-Pandemie ist die fortschreitende Digitalisierung. Betrachten Sie das als Chance für eine Weiterentwicklung des Literaturbetriebs?

Mich freut, wie sich zeigt, dass wir die unmittelbare Begegnung benötigen: um auf Ideen zu kommen, aber auch, um uns gegenseitig nicht nur als Problemfälle und ablehnend zu sehen. Eine Chance: auch nach der Pandemie nicht so mobilen oder nicht so zentral wohnenden Menschen zu ermöglichen, durch Streamingangebote am Kulturleben teilzunehmen.

Auch vor der Pandemie gab es gewisse Dynamiken in der Literaturbranche, vor allem die Streichung von Formaten durch die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, die Sie scharf kritisiert haben. Welchen Einfluss hatte die Pandemie auf diese Entwicklungen?

Das wird sich noch zeigen. Erfreulich ist, dass sich deutliche Positionen abgezeichnet haben in den letzten Wochen. Es wird öffentlich und unabhängig von institutioneller Machtpolitik diskutiert, wie wir uns die Räume wünschen, in denen Kulturvermittlung stattfinden soll. Es gibt ein größeres Bewusstsein dafür bei vielen Menschen, gerade jetzt, wo man auf Zeitungen, Radio, Fernsehen, digitale Formate angewiesen ist. Meine Sorge: Wenn wir das alles mal durchgestanden haben, dass dann, ein oder zwei Jahre danach, Kulturbudgets gekürzt werden. Das darf nicht passieren. Es ist ein gesellschaftlich und übrigens auch wirtschaftlich zu wichtiger Bereich.

Literaturkritik in der Krise?

Für viele Menschen sind „private“ Buchtipps z. B. im Internet mittlerweile wichtiger bei der Entscheidung, ob sie ein Buch lesen möchten, als professionelle Literaturkritik. Würden Sie daher sagen, dass sich das Metier der Literaturkritik in einer Krise befindet?

Ich kann nicht bestätigen, dass die professionelle Literaturkritik unwichtiger wird. Im Gegenteil. Ich verdanke der Literaturkritik eine bestimmte Fähigkeit zu lesen: nicht nur Bücher, sondern auch politische, soziale und wirtschaftliche Situationen und Zusammenhänge. Diese Fähigkeit, unabhängig zu denken und mich nicht so leicht durch sprachliche Manipulation über den Tisch ziehen zu lassen, möchte ich nicht missen. Innerlich befindet sich Literaturkritik allerdings ständig in der Krise. Und das ist auch gut so, denn sie muss ihre eigenen Bedingungen und Kriterien fortlaufend weiterentwickeln.
Derzeit – denken Sie an die Debatte um die Übersetzungen von Amanda Gormans Gedicht „The Hill We Climb“ – steht zum Beispiel die Frage nach Perspektiven und ihrer Bedeutung für die Urteilskraft an. Ein anderer Punkt sind die Produktionsbedingungen: wie literaturkritische Arbeit bezahlt wird, wo sie überhaupt stattfinden kann. Da gibt es derzeit Probleme, die in meinen Augen genau mit dem politischen Potential der Literaturkritik zu tun haben.

Wenn Sie in Ihrer Freizeit ein Buch lesen, tun Sie das mit dem Blick der Literaturkritikerin, oder können Sie verschriftlichte Kunst auch unabhängig von normativen Qualitätsstandards wertschätzen?

Normative Qualitätsstandards gibt es in der Literatur und auch in der Literaturkritik so nicht. Es geht um Urteilsbildung und Aushandlungsprozesse in Auseinandersetzung mit einem Text. Tatsächlich macht es mir aber gar keinen Spaß mehr, naiv ein Buch oder einen Film zu konsumieren. Das Schöne ist doch gerade, sich selbst reinzudenken.

Gibt es kreative Ideen, die Sie in Ihrer Tätigkeit schon immer einmal ausprobieren wollten, bisher aber nie die Chance dazu hatten?

Die gelungene Formulierung, der treffende Gedanke, die plötzliche Erkenntnis von Zusammenhängen – das bleibt das rare Glück.

Das Gespräch führte Michaela Kuhn

Autor:

Redaktion Kultur

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