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Monika Rinck zu Gast bei "poetry@rubens"
Lyrik interessierte im Apollo-Theater Siegen

Man kann nicht nicht kommunizieren. Dichterin Monika Rinck im Gespräch mit dem Philosophen Dieter Schönecker.
  • Man kann nicht nicht kommunizieren. Dichterin Monika Rinck im Gespräch mit dem Philosophen Dieter Schönecker.
  • Foto: Andreas Goebel
  • hochgeladen von Claudia Irle-Utsch (Redakteurin)

goeb Siegen. Gott sei Dank! Man kann nicht nicht kommunizieren (Paul Watzlawick). Irgendwas geht immer zwischen Sender und Empfänger. Kein Wunder, dass Dieter Schönecker am Dienstag bei der Dichterlesung mit Monika Rinck im Apollo-Theater gleich auf die Frage der Verständlichkeit zu sprechen kam, denn Rincks Poesie, das sind oft rätselhafte Exkurse in eine weitgehend chiffrierte Welt.
„Wollen Sie verstanden werden?“, fragte der Professor für Philosophie die Lyrikerin vor den Kopf, nachdem sie ihr Langgedicht „Ode an das Internet“ dem jungen, vorwiegend studentischen Publikum der Reihe "poetry@rubens" vorgetragen hatte. „Ich bitte Sie“, antwortete sie. „Ich kann den Leuten nachweisen, dass sie verstanden haben. Man kann die Deutung nicht abschalten.

goeb Siegen. Gott sei Dank! Man kann nicht nicht kommunizieren (Paul Watzlawick). Irgendwas geht immer zwischen Sender und Empfänger. Kein Wunder, dass Dieter Schönecker am Dienstag bei der Dichterlesung mit Monika Rinck im Apollo-Theater gleich auf die Frage der Verständlichkeit zu sprechen kam, denn Rincks Poesie, das sind oft rätselhafte Exkurse in eine weitgehend chiffrierte Welt.
„Wollen Sie verstanden werden?“, fragte der Professor für Philosophie die Lyrikerin vor den Kopf, nachdem sie ihr Langgedicht „Ode an das Internet“ dem jungen, vorwiegend studentischen Publikum der Reihe "poetry@rubens" vorgetragen hatte. „Ich bitte Sie“, antwortete sie. „Ich kann den Leuten nachweisen, dass sie verstanden haben. Man kann die Deutung nicht abschalten.“ Natürlich habe sie ihre Idiosynkrasien, räumte sie ein, aber Verständigung entstehe im Moment des Vortrags. Wobei: Niemand, kein Mensch, wisse, was er sagen wird. Das sei ein bisschen so wie Fahren ohne Navi in einer fremden Großstadt. Die Erfahrung ist übrigens unwiederholbar, mit ein Grund dafür, dass Rinck allergisch reagiert, wenn Gäste ihre Vorträge mitschneiden, um sie anschließend bei YouTube einzustellen.

Monika Rinck nutzt das Werkzeug Sprache

So wie der Psychonaut, der Drogentester, eine bislang unbekannte Substanz einnimmt, und guckt, was sie mit ihm macht, so taucht die Lyrikerin ein in die weitgehend unerforschte Welt unserer Existenz. Ihr Werkzeug ist das Reich der Sprache, 26 Buchstaben nur, Wörter, Begriffe, Wendungen, die sie bricht, schüttelt, küsst, foltert, entführt und neu zusammensetzt, dass man die Welt – wenn man denn möchte – neu erleben kann.Zupass kommt der Dichterin dabei, dass sie auch singt und ihre Sprache zum Zweck des kunstgerechten Ausdrucks moduliert. „Ich war überrascht“, gestand einer der zahlreichen Seminarteilnehmer, die die Lesung verfolgten. „Überrascht darüber, wie Sie eben ein Gedicht vorgetragen haben, das ich zu Hause gelesen hatte.“
Zur Verfügung steht der seltsam alterslos wirkenden „Übersetzerin“ ein riesiges Materiallager der Sprache, aus dem sie sich bedient. Schönecker lag falsch, als er ihr unterstellte, sie sei doch quasi ein aus sich selbst heraus scheinender Stern. Nein, entrüstete sie sich. Ihre Lyrik gründe, im Gegenteil, auf einem riesigen Verweisfeld. „Ich zitiere Texte, die für mich anregenden Charakter haben, da unterscheide ich wenig.“

Eine "Ode an das Internet"

Die „Ode an das Internet“ nimmt beispielsweise Bezug auf eine Ode des portugiesischen Nationaldichters Fernando Pessoa oder vielmehr auf dessen „Persona“ Alvaro de Campos, einem Ingenieur, der die Segnungen der Technik zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgreift und feiert. Wenn aber Rinck die Segnungen des Internets - "O Facebook (...) O Suchfunktion (...) O Einzelhandel“ - im Tonfall der Anbetung durchdekliniert, ironisiert sie natürlich stark. Langvers und Ode erinnern zudem an den Dichter-Pionier Walt Whitman, wenn er in „O Captain! My Captain!“ den Tod Lincolns beweint.
Durchgeknallt kann man das nennen, das ist sicherlich manches von ihr, aber eben auch ungemein interessant. Nicht umsonst ist Rinck so angesagt. Nach langem Schaffen im Dunkel, abseits der Aufmerksamkeit, mischt die hochintelligente Künstlerin jetzt mit, sitzt in Jurys, findet Verleger, kuratiert, wird mit Preisen geehrt.

"Man übersetzt nur, was man liebt"

Lyriker leben leider im Armenhaus der Literatur, wer von einem neuen Bändchen mehr als 700 Stück verkauft, gilt schon als Streber, und man sagt der Szene nach, Missgunst sei ihr gesellschaftliches Erkennungszeichen. Davon will Rinck nichts wissen. „Ich habe große Verantwortung“, sagte sie. Etwa wenn sie einen ungarischen Dichter-Kollegen übersetzt. „Übersetzen ist mindestens so komplex wie schreiben. Man übersetzt nur, was man liebt.“

Apollo-Theater war voll besetzt

"poetry@rubens" (Organisation: Katja Knoche), dem Apollo, der Uni und der Stadt kann man zu ihrer Risiko-Bereitschaft gratulieren. „Wir haben hier schon Dichterlesungen gehabt vor fast leeren Stuhlreihen. Diesmal ist es voll“, freute sich Werner Hahn (Apollo). „Unser Ziel ist es, dass wir Autorenlesungen im großen Saal hinkriegen.“ Und Monika Rinck? Die Szene kann, sie muss sich bei Monika Rinck noch auf einiges gefasst machen.

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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