Ukrainischer Botschafter Melnyk besucht Apollo
Maslakovs "Fidelio" soll schmerzlich und lustig werden

Das Modern Music Theatre Kiew probt derzeit Beethovens „Fidelio“ in Siegen. Am Samstag wird die Siegener Neuinszenierung im Apollo-Theater aufgeführt.
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  • Das Modern Music Theatre Kiew probt derzeit Beethovens „Fidelio“ in Siegen. Am Samstag wird die Siegener Neuinszenierung im Apollo-Theater aufgeführt.
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zel Siegen. Andrey Maslakov wirkt nicht so, als ob ihn so schnell etwas umhaut. Er ist so groß und breit, wie seine Stimme tief ist. Ein Mensch, der macht. In Siegen hat ihn jetzt aber doch was umgehauen: nämlich das Puppenspiel „Ayda, Bär und Hase“, Magnus Reitschusters Dramatisierung von Navid Kermanis Kinderbuch. „Normalerweise bin ich nicht so sentimental, aber heute habe ich mich verloren, das ging unter die Haut“, sagt er draußen am Bühneneingang. Das passiert schon mal, dass man lacht und weint im Theater, den Besten unter uns.
Kann gut sein, dass das am Samstagabend ab 20 Uhr jemandem im Apollo-Theater passiert, denn Beethovens „Fidelio“ in der Inszenierung von Andrey Maslakov soll „schmerzlich und lustig“ werden, wie der ukrainische Regisseur vorm Apollo, zwischen zwei Zigaretten, auf Deutsch erklärt. Drinnen hat gerade eine Probe auf der Bühne stattgefunden, das Bühnenbild steht.

Reitschuster als Unterstützer und Organisator

Seit Montag sind die Sängerinnen und Sänger des Modern Music Theatre Kiew in Siegen, um die einzige Oper Beethovens zu proben und aufzuführen. Wie berichtet, hatte die während der Pandemie entstandene Fassung Maslakovs am 12. Februar in der ukrainischen Hauptstadt Kiew Premiere. Zwölf Tage später begann die russische Invasion, begann der Krieg. Der „Fidelio“ kam über Meiningen, Coburg und Heidelberg und über Magnus Reitschuster schließlich nach Siegen, wo er eine neue, eigene Fassung erhält. Reitschuster hatte das Bedürfnis, zum Ende seiner Intendanz die ukrainischen Künstler, die an der Nationaloper Kiew angestellt sind, zu unterstützen – und wurde so kurzfristig zu einem Unterstützer der „Fidelio“-Inszenierung aus Kiew. „Ihr Manager will ich nicht werden“, sagt Reitschuster. Aber er hat Kontakte, die den ukrainischen Sängerinnen und Sängern nutzen können, die Reitschuster „Kulturbotschafter“ nennt.

Ukrainische Künstler stellen sich Bespieltheatern vor

Der ukrainische Sänger, Produzent und Regisseur Andrey Maslakov (l.) und Noch-Apollo-Intendant Magnus Reitschuster verstehen sich auf der künstlerischen Ebene.
  • Der ukrainische Sänger, Produzent und Regisseur Andrey Maslakov (l.) und Noch-Apollo-Intendant Magnus Reitschuster verstehen sich auf der künstlerischen Ebene.
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Zusammen mit Maslakov und Maria Kononova, die die Leonore singt, war er am Montag beim Theatermarkt der Inthega, der Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen, in Bielefeld. Dort sangen Maslakov und Kononova vor den Leitern von rund 300 deutschen Bespieltheatern und stellten ihren „Fidelio“ sowie zwei Liederabende mit ukrainischen Sänger/-innen vor. „Eine Ehre“ sei das gewesen, sagt der Bass-Bariton, der in Augsburg studiert hat und sowohl für die deutsche Oper („Wagner!“) als auch von der riesengroßen deutschen Theaterlandschaft schwärmt. Maslakov möchte sein Theater im Exil gern in der übernächsten Saison wieder in Deutschland auftreten lassen. „Fünf Gastspielorte, teils große Häuser“ haben laut Reitschuster schon Interesse signalisiert.
Bestimmt sind am Samstag Programmmacher in Siegen und schauen, ob es sich lohnt, den „Fidelio“ für ihr Haus einzukaufen.

Melnyk trägt sich ins Goldene Buch ein

Sicher ist, dass der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, bei der ersten Aufführung der Siegener Fassung im Apollo dabei sein wird. Melnyk und Maslakov haben sich bei einem Auftritt des Sängers in Erfurt kennengelernt. Vor der Aufführung trägt Melnyk sich ins Goldene Buch der Stadt ein.

Andrey Maslakov: "Wir brauchen eine Show"

Die Siegener Version ist mit Klavierbegleitung, ohne Orchester, aber trotzdem eine ganze Oper, die Maslakov unter der Fragestellung „Was wird siegen: die Demokratie oder die Tyrannei?“ gestellt hat und die Handlung ins KGB-Gefängnis verlegt. Eine Idee von Magnus Reitschuster, der hier als Dramaturg mitarbeitet: Der Orchestergraben ist leer. Die leeren Stühle spielen eine Rolle im Stück. Die beiden arbeiten gut miteinander, kommen sich mit ihren Konzepten und ihrem Verständnis von Theater überhaupt nicht ins Gehege, im Gegenteil. Maslakow will, dass seine Inszenierung politisch ist. Ja, die Demokratien seien schwach gerade. Da müsse man doch eine starke Botschaft an die Gesellschaft senden. Sein „Fidelio“ (in der Ukraine auf Ukrainisch gesungen, in Deutschland auf Deutsch, eventuell mit Akzent, den Maslakov lachend vormacht) soll Fragen stellen, auf die es teils im Theater, teils vielleicht erst später Antworten gibt. Oder es bleibt etwas offen.
Es ist ihm nämlich wichtig, dass er ein Gesamtkunstwerk aus Bühnenbild, Gesang, Regie, Licht liefert: „Wir brauchen eine Show!“ Eine Show, in der das Publikum – am besten alle, nicht nur das Bildungsbürgertum – auch dazu kommt, die Musik zu genießen und nicht nur von einem abgedrehten Regieeinfall zum nächsten gejagt wird. Die Beethoven-Oper ist Maslakovs vierte Inszenierung. Den Chor für den Gefangenenchor hat der aus Schüllar bei Bad Berleburg stammende Gerrit Schwan zusammengestellt.

Freier Eintritt für Menschen aus der Ukraine

Für den „Fidelio“, der in Kriegszeiten von „Tyrannei, Gefangenschaft, Tod und Befreiung“ erzählt (Reitschuster), gibt es noch Karten. Menschen aus der Ukraine haben freien Eintritt. Wer gerade nicht weiß, ob er in diesen Kriegs- und Krisenzeiten lachen oder heulen soll, könnte im Theater an diesem Abend ganz gut aufgehoben sein.

Das Modern Music Theatre Kiew probt derzeit Beethovens „Fidelio“ in Siegen. Am Samstag wird die Siegener Neuinszenierung im Apollo-Theater aufgeführt.
Der ukrainische Sänger, Produzent und Regisseur Andrey Maslakov (l.) und Noch-Apollo-Intendant Magnus Reitschuster verstehen sich auf der künstlerischen Ebene.
Autor:

Regine Wenzel (Redakteurin) aus Siegen

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