5. Siegener Biennale
"Medea.Stimmen" im Apollo-Theater

Medea steht im Zentrum des Geschehens, das Christa Wolf in "Medea.Stimmen" in einen politisch-gesellschaftlichen Kontext gestellt hat. Foto: Julian Declair (Deutsches Theater Berlin)
  • Medea steht im Zentrum des Geschehens, das Christa Wolf in "Medea.Stimmen" in einen politisch-gesellschaftlichen Kontext gestellt hat. Foto: Julian Declair (Deutsches Theater Berlin)
  • hochgeladen von Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin)

gmz Siegen. „Echt ist nur die Idee“, heißt es es als Fazit in Brechts „Trommeln in der Nacht“, mit denen die 5. Siegener Biennale Ende April im Apollo-Theater eröffnet worden ist. Medea, in Christa Wolfs „Medea. Stimmen“ (2010), das am Samstag und Sonntag vor gut gefülltem Haus zum Abschluss der Biennale gezeigt worden ist, scheitert an „der Idee“: an ihrer Idee von der Aufdeckung von Unwahrheit, an ihrem absoluten Ideal vom Ende der Menschenopfer für das große Ganze, an der Idee der Massen, jemand sei an ihrem Unglück schuld, also an dem Bedürfnis der Gemeinschaft nach einem Sündenbock. Zwei unterschiedliche Annäherungen an „die Idee“, am Beginn (die Idee überlebt die Realität) und zum Schluss der Biennale, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
In „Medea. Stimmen“, einer packenden Inszenierung des Deutschen Theaters Berlin (Regie: Tilmann Köhler, der zusammen mit Juliane Koepp, Dramaturgie, auch für die Textfassung zuständig war), prallen verschiedene Ideen aufeinander. Die „Stimmen“ geben die Unvereinbarkeit  widersprüchlicher Vorstellungen wieder, von Christa Wolf abwägend dargestellt, und dennoch ohne Lösung.
Dazu passt hervorragend, dass sie in ihrer Version den Fokus von der mythischen Medea, die aus verschmähter Liebe zur (Kinds-)Mörderin wird, verschiebt und eine Frau darstellt, die Sündenbock“ wird (sie gibt ihre Kinder auf, die dann ermordet werden). Die an ihre Ideale glaubt und an ihnen scheitert. Sie scheitert, weil die Realität in Korinth eine andere ist, und sie den Mächtigen, deren Macht auf dem Verschweigen der Ideal-Verletzungen basiert, diese Diskrepanz vor Augen führt. Und zwar so, dass sie nicht wegschauen können.

Sorgfältige Figurenzeichnung

Die Menschen mögen nicht, weiß Medea (eindrücklich und souverän gespielt von Maren Eggert), wenn man ihnen ihre Lüge vorhält … Deshalb müssen sie sie loswerden (dass sie eine Fremde ist, die zudem noch anders ist, weil sie über Zauberkünste verfügt, kommt erschwerend hinzu): „Sie haben keine Wahl!“ Weiß Medea, die aber auch weiß, dass sie keine Wahl hat, als sich so zu verhalten, wie sie es tut.
Medea ist umgeben von Menschen, die in ihren Vorstellungen gefangen sind oder sein wollen: Akamas, Berater des Königs und Astronom, also für Zukunftsfragen zuständig (geschickt, kühl, bemüht, aber aalglatt: Helmut Mooshammer), hat die Zukunft der korinthischen Herrscher und ihren, vor allem aber auch seinen Machterhalt im Blick. Jason (Edgar Eckert), ein furchtloser Typ, der auf seinen Sex-Appeal vertraut, aber auch seine Chancen im Blick hat, ist überfordert mit der Komplexität der Situation; Leukon, beinahe-Vertrauter von Medea und ebenfalls Berater des Königs (Thorsten Hierse), gibt den distanzierten Intellektuellen, der beobachtet, aber sich nie für jemanden einsetzt: „Ich fühle Neid“, sagt er, als Medea verbannt wird. Neid, weil Medea geht („Ich bin frei“, sagt sie selbst, auch wenn das ihr Todesurteil ist), und Zorn, weil Leukon und die Korinther in der Stadt zurückbleiben und er sich fragen muss, „Was gab ihr [Medea] das Recht, uns vor Entscheidungen zu stellen die wir nicht ertragen?“ – Im Subtext hört man die „Verteidigungsreden“ aller Mächtigen, denen der Machterhalt wichtiger ist als das Wohl ihrer Bürger. –
Christa Wolfs sprachlich gekonnte, gedanklich dichte und differenzierte, dramatisch packende, Menschenkenntnis-reiche Annäherung an den antiken Medea-Mythos beschreibt aus vielen Perspektiven die grundlegenden Probleme politischer und menschlicher Gemeinschaft. Sie befreit Medea von dem Stigma der Mörderin und befragt ihre Haltung trotzdem. DieInszenierung nimmt die Zuschauer an
die Hand, erläutert ihnen die Konstellationen und Probleme in reflektierenden oder auch szenischen Rückblicken, verdichtet das Geschehen auf die Krise, deren Entstehen vom Ende her entwickelt wird. Korinth, die Argonauten, die Kolcher, Medeas Schützling und dann Konkurrentin um Jasons Zuneigung, Glauke (toll: Kathleen Morgeneyer), stehen für Facetten im Ringen um das Verhältnis von Einzelnem und Gruppe, um die Priorisierung konkurrierender Ideale.

Klare Inszenierung

Geschickt inszeniert auf einer fast leeren Bühne (Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl und Henrike Huppertsberg), die Ideen und Personen Raum lässt, die aber die Unfestigkeit des Bodens, auf dem sie sich bewegen, mit der Wasserfläche verdeutlicht, auf der sich alle bewegen. Das Wasser als der „aktuelle Regie-Kniff“ (vgl. u. a. die „Tyll“-Inszenierung) spiegelt die Handlung, verdoppelt und bricht sie. Und schafft starke Bilder: So in der Eröffnungsszene, die eigentlich das Ende vorwegnimmt, als Medea in einer Umkehr des Narziss-Motivs ihr Spiegelbild im Wasser betrachtet und hilflos um Rat bittet: „Wen soll ich fragen?“ Als Akamas den Mord an Kreons Tochter, den Sündenfall der Korinther, „nachstellt“ und die Puppe, die die junge Prinzessin darstellt, „dem Knaben gleich“, der nicht „Disteln köpft“, sondern Menschen, lässig durch das Wasser wirbelt, wird der Mord zum leichten Spiel.
Nach dem letzten Wort und Ton (dramatische Akzente: Michael Metzler und Jörg-Martin Wagner), nach Medeas erschütternder und auffordernder Frage „Wo ist die Welt, in die ich passen könnte? – Niemand ist da, den ich fragen könnte!“, sitzt das Publikum am Samstag einen kurzen Moment wie gebannt, vielleicht sogar aufgewühlt von diesem wahren Schauspiel, bevor stehender Applaus den Schauspielern, der Inszenierung dankt. Leukons ebenso zutreffendes wie resigniertes, aber auch ausweichendes Fazit, er könne die Menschen nicht ändern, deshalb werde er nicht eingreifen (als es um die Vertreibung Medeas geht), bleibt ebenso im Gedächtnis wie Medeas notwendige Unerbittlichkeit und ihr Scheitern daran. – Ein packender Theaterabend, der unter die Haut geht!

Autor:

Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin) aus Siegen

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