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Neue Orgel für St. Marien Siegen
Mehr als 1800 Pfeifen klingen

Ansicht der neu aufgebauten Sauer-Orgel in St. Marien. Die asymmetrische Konstruktion des Instruments ist seinem früheren Standort in der mittlerweile abgerissenen Kirche St. Christophorus in Hannover-Stöcken geschuldet.
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  • Ansicht der neu aufgebauten Sauer-Orgel in St. Marien. Die asymmetrische Konstruktion des Instruments ist seinem früheren Standort in der mittlerweile abgerissenen Kirche St. Christophorus in Hannover-Stöcken geschuldet.
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pebe - Freude in Siegen, Wehmut in Hannover : dazwischen ein prachtvoller Klang. Die Orgel von St. Christopherus aus Hannover-Stöcken fand einen neuen Platz in St. Marien Siegen.
pebe Siegen. Unauffällig auffällig steht sie auf der Empore der Marienkirche in Siegen, das Gehäuse aus gekälkter Eiche fügt sich ohne massiven Farbkontrast gut in den schlichten Kirchenraum ein, einzig die Metallpfeifen glänzen hell im Licht der Lampen: Die neue Orgel in St. Marien wird demnächst das Kirchenschiff zu fröhlichen wie traurigen, festlichen wie konzertanten Gelegenheiten mit ihrem Klang erfüllen.
Neu ist, sie, aber nicht neu gebaut. Sie ist eine „Zugereiste“, aus Stöcken, einem Stadtteil von Hannover. Dort stand sie in der Kirche St.

pebe - Freude in Siegen, Wehmut in Hannover : dazwischen ein prachtvoller Klang. Die Orgel von St. Christopherus aus Hannover-Stöcken fand einen neuen Platz in St. Marien Siegen.
pebe Siegen. Unauffällig auffällig steht sie auf der Empore der Marienkirche in Siegen, das Gehäuse aus gekälkter Eiche fügt sich ohne massiven Farbkontrast gut in den schlichten Kirchenraum ein, einzig die Metallpfeifen glänzen hell im Licht der Lampen: Die neue Orgel in St. Marien wird demnächst das Kirchenschiff zu fröhlichen wie traurigen, festlichen wie konzertanten Gelegenheiten mit ihrem Klang erfüllen.
Neu ist, sie, aber nicht neu gebaut. Sie ist eine „Zugereiste“, aus Stöcken, einem Stadtteil von Hannover. Dort stand sie in der Kirche St. Christophorus, die mittlerweile dem Neubau eines Wohnheims weichen musste, wie Matthias Weißner, Diakon und Küster in Teilzeit in St. Marien, berichtet. Gebaut wurde sie 1997 für ebendiese Kirche in der Orgelwerkstatt Sauer (heute Sauer und Heinemann) in Höxter. Deren größtes Objekt ist übrigens die Paderborner Domorgel mit 11 000 Pfeifen. Deshalb bewegt es Geschäftsführer Thomas Heinemann auch sehr, dass er gerade diese „Königin der Instrumente“ hier in Siegen zusammen mit seinem Kollegen und Mitgeschäftsführer Sebastian Sauer wieder aufbauen konnte. Nun ist er in der Endphase der Intonation: Die Orgel bekommt ihre vielfältige und, wie sich bei einer Klangprobe zeigt, volle, prachtvolle Stimme zurück.

Schleifladenorgel: eine uralte Technik

„Es handelt sich um eine Schleifladenorgel, bei der die einzelnen Register mit Schiebern geschaltet werden“, erklären die beiden. Diese Technik kannte schon Johann Sebastian Bach. Viel Mechanik also, auch wenn mittlerweile natürlich vieles elektrisch, aber nicht elektronisch, funktioniert. Elektronik wäre zu anfällig, die Elektrik sei langlebig, sagt Sebastian Sauer, dem viel an der komplexen und teilweise extrem sensiblen Mechanik liegt. 28 Register hat der Hannoversche Neuzugang, verteilt auf zwei Manuale und die Pedale. Mehr als 1800 Pfeifen bringen das Instrument zum Erklingen – „für diese Kirche ideal“, sagt der 53-jährige Heinemann, der seit 30 Jahren in diesem Beruf arbeitet. Seit Januar wurde die über sechs Tonnen schwere Orgel in St. Marien technisch aufgebaut – bei der Menge an Einzelteilen allein dies ein echter Grund zur Hochachtung. Das Intonieren dauerte noch einmal vier Wochen, „dabei werden die Pfeifen auf die Raumakustik abgestimmt“, erklärt Thomas Heinemann. Eine spannende Angelegenheit: Wie „trocken“ oder wie „hallig“ ist der Kirchenraum? Was heißt das für die Einrichtung der Pfeifen?

Jede Pfeife muss gestimmt werden

Jedes Klangrohr muss gestimmt werden, wenn auch nicht jedes neu intoniert – eine aufwendige Handarbeit, denn jede Pfeife muss zunächst vom Spieltisch aus einzeln angeschlagen werden. Das eigentliche Intonieren geschieht nach dem Ausbau der betreffenden Pfeifen von Hand – „eine Arbeit im Zehntelmillimeter-Bereich“, sagen die Orgelbauer. Was nicht mechanisch umgesetzt werden kann, ist der „Klanggeschmack“ der Fachleute, der entwickele sich erst mit den Berufsjahren, erläutert Thomas Heinemann. Wobei die Grunddisposition der Register schon eine Richtung vorgebe. Brauchen die beiden für diese Arbeit das absolute Gehör? Lachend winken sie ab: „Ein gutes musikalisches Gehör ist wichtig, aber kein absolutes.

Im Gegenteil“, sagt Sebastian Sauer (40), seit 17 Jahren Orgelbauer, „dann würden wir mit der Arbeit nicht fertig.“

Ganz besonders: das Register "En Chamade"

Die „Neue“ für St. Marien hat einige Klangbesonderheiten: zum Beispiel das Register „En Chamade“: Orgelpfeifen, die waagerecht zum „Prospekt“, der Orgelschauseite, eingebaut sind und den Klang fanfarenartig weit in den Raum hineintragen. Außerdem noch ein „Zimbelstern“, hintereinander geschaltete Schalenglocken verschiedener Größe, die über eine Walze angeschlagen werden können, die auch den Stern auf der „Stirn“ der Orgel bewegt: ein zusätzlicher, besonders feierlicher „Sound“ für besondere Gelegenheiten, der Eindruck macht. Und: ein vom Spieltisch aus anschlagbares Glockenspiel ist ebenfalls eingebaut, das seiner „Verwandtschaft“ im Dicken Turm 400 Meter weiter Konkurrenz machen könnte.
Matthias Weißner berichtet im SZ-Gespräch über die Geschichte, wie die Stöckener Orgel nach Siegen kam. Ausschlag gegeben habe der Zustand der alten Walter-Seifert-Orgel von 1956, die – zeitgeschuldet – mit mangelhaften Materialien gebaut wurde. „Eine Renovierung hätte 100 000 Euro gekostet, dann hätten wir aber kein besseres Instrument gehabt.“ Er machte sich auf die Suche, nahm Kontakt zu Orgelsachverständigen auf – und erhielt schließlich den Hinweis auf die Orgel im Bistum Hildesheim, deren Kirche abgerissen werden sollte.

Sauer-Orgel wurde "gerettet"

Im Januar vorigen Jahres sei er mit Kirchenvorstandsmitgliedern nach Stöcken gereist und habe sich das gute Stück angeschaut. Einerseits seien die Besucher begeistert gewesen, andererseits habe auch Wehmut geherrscht: Es ist bitter, eine Kirche abzureißen. Die vom Standort der Orgel abhängige Asymmetrie war gewöhnungsbedürftig, was zu Diskussionen führte. Schließlich erstand die Gemeinde das Instrument zum symbolischen Preis von einem Euro – und bezahlte den Ab- und Wiederaufbau sowie die von Architekt Norbert Sonntag besorgte Bühnenertüchtigung, nachdem auch die Denkmalbehörden ihr Okay gegeben hatten. Rund 88 000 Euro müsse die Gemeinde insgesamt stemmen, teilt Weißner mit, das Erzbistum beteiligt sich zudem mit einem Zuschuss.
Und die alte Orgel? Weißner lächelt. Die existiert tatsächlich weiter. Ein Musikdozent aus Italien habe das Angebot für das Instrument im Internet gesehen und sie privat gekauft, sie sei nach Aosta geliefert und dort wieder aufgebaut worden. In Siegen erinnert überdies nun eine Tafel an die Herkunft der neuen Orgel aus St. Christophorus, verbunden mit einem Dank an die Stöcker Gemeinde.

Wegen Corona: Weihe muss verschoben werden

Bedauerlich in Zeiten der Pandemie: Die Orgelweihe samt festlicher Andacht, die für Sonntag, 22. März, geplant war, muss verschoben werden. „Soli Deo Gloria – Gott allein die Ehre“, so steht es auf der Gedenktafel, und das ist auch der Auftrag der Orgel. Bis sie zum ersten Mal in diesem Sinn ihre Stimme erheben kann, wird es also noch dauern.

Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

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