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Fundstücke von der Orangerie am Herrengarten
Nur wenige „Fratzenköpfe“ haben die Zeit überdauert

„Maya-Kunst“ made im Siegerland? In einer Waschküche auf der Hammerhütte ist dieser steinalte „Fratzenkopf“
untergebracht. Dort können ihm Wind und Wetter nichts anhaben.
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  • „Maya-Kunst“ made im Siegerland? In einer Waschküche auf der Hammerhütte ist dieser steinalte „Fratzenkopf“
    untergebracht. Dort können ihm Wind und Wetter nichts anhaben.
  • Foto: Peter Helmes
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

ph Siegen. Weinselig wirkt der Weingott nicht wirklich. Eher verwittert als verbittert hockt Bacchus am kleinen Teich von Almuth Langenbach in Beienbach. Kein Wunder nach all den Jahren an der frischen Luft. Sein „Zwilling“ hat es wärmer und trockener: Ihn hat die jüngere Schwester im elterlichen Haus auf der Siegener Hammerhütte untergebracht – in der Waschküche. Je nach Lichteinfall wirkt das groteske Maskengesicht unterschiedlich auf den Betrachter – mal scheint er freundlich zu lächeln, mal grimmig dreinzublicken.
Vor dem Zerfall bewahrt hat die rätselhaften Antlitze vor Jahrzehnten Emil Stücher, Vater der beiden Geschwister. Von ihm haben die Töchter erfahren, dass ihm die in Stein gemeißelten Kreaturen im Zuge eines Gebäudeabrisses am Effertsufer überlassen worden waren.

ph Siegen. Weinselig wirkt der Weingott nicht wirklich. Eher verwittert als verbittert hockt Bacchus am kleinen Teich von Almuth Langenbach in Beienbach. Kein Wunder nach all den Jahren an der frischen Luft. Sein „Zwilling“ hat es wärmer und trockener: Ihn hat die jüngere Schwester im elterlichen Haus auf der Siegener Hammerhütte untergebracht – in der Waschküche. Je nach Lichteinfall wirkt das groteske Maskengesicht unterschiedlich auf den Betrachter – mal scheint er freundlich zu lächeln, mal grimmig dreinzublicken.
Vor dem Zerfall bewahrt hat die rätselhaften Antlitze vor Jahrzehnten Emil Stücher, Vater der beiden Geschwister. Von ihm haben die Töchter erfahren, dass ihm die in Stein gemeißelten Kreaturen im Zuge eines Gebäudeabrisses am Effertsufer überlassen worden waren.

Da war doch was ...

Aktuell ins Blickfeld von Almuth Langenbach rückte ein Bildnis des Bacchus bei der Lektüre des Artikels über die verschwundene Fürstenpracht im Siegener Herrengarten auf der Heimatlandseite der Siegener Zeitung vom 8. Januar. Dort war unter anderem eine Skulptur des Weingottes abgebildet, wie sie in ähnlicher Form wohl auch im herrschaftlichen Lustgarten von Fürst Johann Moritz (1604–1679) gestanden haben dürfte.

"Vergangene Fürstenpracht"

Die Erinnerungen der Geschwister decken sich durchaus mit dem Wissen von Christian Brachthäuser, Kenner der Siegener Stadtgeschichte. Aktuell hat der Bibliothekar und Mitarbeiter des Stadtarchivs das Buch „Vergangene Fürstenpracht“ über die Historie des Herrengartens veröffentlicht. Tatsächlich glaubt Brachthäuser, dass es sich bei diesen Maskaronen – auch als Blattmasken bekannt – um steinalte Relikte aus dem parkähnlichen Garten am Siegufer handelt, die ab dem frühen 18. Jahrhundert als Schlusssteine die Fassade der Orangerie schmückten.

Historisches Gewächshaus "fiel" 1938

Spätestens nach dem 1938 erfolgten Abbruch des historischen Gewächshauses im Herrengarten müssen Brachthäuser zufolge einige der barocken Zerrbilder unter nicht mehr rekonstruierbaren Umständen ihren Weg in den Vorort Hammerhütte gefunden haben, wo sie vermutlich aus dekorativen Gründen als Spolien wiederverwendet und zum Teil an die Außenfassade einer privaten Immobilie angebracht wurden. Am Effertsufer seien drei solcher Masken noch erkennbar.

Dieser Bacchus steht in Beienbach.

"Nur einige Maskaronen haben überdauert"

Zur Vorgeschichte und zu Hintergründen kann der Sachbuchautor einiges berichten. „Neben einem Fragment des gusseisernen Lanzengitters aus der Zeit von Fürst Johann Moritz, das einst den fürstlichen Herrengarten in der Siegener Unterstadt umzäunte und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Park des Oberen Schlosses versetzt wurde, haben nur einige Maskaronen überdauert“, bedauert Brachthäuser: „Die Zierformen mit ihren koboldartigen, akanthusbärtigen Gesichtern schmückten auch die 1703 errichtete und 1938 von den Nazis abgerissene Orangerie des Herrengartens.

Grinsende Gesichter als Schlusssteine

Die grotesk grinsenden Gesichter wurden am höchsten Punkt der Fensterköpfe als Schlusssteine angebracht. Möglicherweise zielte man mit dieser Spielart des Fassadenschmucks auf die symbolische Darstellung eines Herrscherideals ab: die Kunst der Verstellung und des Täuschungsmanövers – kurz: der Maskerade – in dem komplizierten Beziehungsgeflecht von Ethik, Politik und Machtinteressen.“
Als Baudekoration waren diese Masken laut Brachthäuser ein schon seit der römischen Antike bekanntes Motiv, das jedoch Mitte des 17. Jahrhunderts allmählich in Vergessenheit geriet. Erst im Spätbarock griff man vorübergehend wieder auf die leicht karikierenden Masken zurück. So auch in Siegen, wo gleich mehrere Teile des 1721 fertiggestellten Unteren Schlosses mit „Fratzen“ versehen wurden. Beispielsweise das ehemalige, bereits 1690 erbaute „Halbmondgebäude“, das jedoch Ende des 19. Jahrhunderts abgerissen wurde, um Platz für das Reichspost- und Telegrafenamt (heute Museum für Gegenwartskunst) zu schaffen.

Eine grinsende Blattmaske am Kurländer Flügel des Unteren Schlosses.
  • Eine grinsende Blattmaske am Kurländer Flügel des Unteren Schlosses.
  • Foto: Christian Brachthäuser
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

Am Oberen und am Unteren Schloss nachsehen!

Reste des Sandsteinportals des Torgebäudes „Halber Mond“ – benannt übrigens nach seiner Bauform – fanden im Frühjahr 1928 ihren Weg an die Nordwand der Kapelle des Oberen Schlosses. „Bei genauerem Hinsehen“, so Brachthäuser, „erkennt man im Portalgesims noch heute ein mittlerweile stark verwittertes Gesicht mit herausgestreckter Zunge. Und mit zwei grinsenden Konsolengesichtern an der Eingangstür des Kurländer Flügels – ungleich besser als ihr Pendant im Oberen Schlosspark erhalten – liegen zwei weitere bemerkenswerte Details aus der Bauzeit des Unteren Schlosses vor.“

Blattmasken eventuell abgeben

Für den Fachmann keine Frage: „Zeitlich und architektonisch passt daher auch die Verzierung der Orangerie des Herrengartens mit den sonderbaren Grimassen, die seinerzeit der ,Bauherr’ des Unteren Schlosses, Friedrich Wilhelm Adolf Fürst zu Nassau-Siegen (1680–1722), veranlasst haben dürfte.“
Emil Stüchers Töchter könnten sich gegebenenfalls vorstellen, ihre Blattmasken aus der Verborgenheit zu holen und die steinernen Zeugen der Vergangenheit in kompetente Hände zu übergeben – etwa in städtische, museale oder universitäre Obhut ...

Autor:

Peter Helmes (Redakteur) aus Siegen

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