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Cony Theis arbeitet seit 1988 auch als Gerichtszeichnerin
Prozesse um Dutroux, Schleyer oder Reemtsma

Cony Theis lebt in Freusburg und Köln. Sie hat eine Professur in Ottersberg.
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ciu Freusburg. Drei Jahre und neun Monate dauerte der Prozess. Das Urteil fiel am 24. Januar 1991 und bezog sich auf Taten, die sich fast 50 Jahre zuvor ereignet hatten. Von März 1943 bis Januar 1944 war der in Bad Berleburg lebende Ernst August König als SS-Rottenführer Blockwart in Birkenau, dem sogenannten „Zigeunerlager“ des Konzentrationslagers Auschwitz. Zur Last gelegt wurde ihm, sechs Häftlinge, Sinti und Roma, „grausam, heimtückisch und aus niederen Beweggründen“ ermordet zu haben. Der Prozess wurde, nach jahrelangen Vorermittlungen, am 5. Mai 1987 vor dem Landgericht Siegen eröffnet, sorgte bundes-, zum Teil auch weltweit für Aufsehen.

ciu Freusburg. Drei Jahre und neun Monate dauerte der Prozess. Das Urteil fiel am 24. Januar 1991 und bezog sich auf Taten, die sich fast 50 Jahre zuvor ereignet hatten. Von März 1943 bis Januar 1944 war der in Bad Berleburg lebende Ernst August König als SS-Rottenführer Blockwart in Birkenau, dem sogenannten „Zigeunerlager“ des Konzentrationslagers Auschwitz. Zur Last gelegt wurde ihm, sechs Häftlinge, Sinti und Roma, „grausam, heimtückisch und aus niederen Beweggründen“ ermordet zu haben. Der Prozess wurde, nach jahrelangen Vorermittlungen, am 5. Mai 1987 vor dem Landgericht Siegen eröffnet, sorgte bundes-, zum Teil auch weltweit für Aufsehen. Rechtskräftig wurde das Urteil („lebenslänglich“) nie, denn noch während die Revision lief, nahm sich König, 1919 geboren, in der Justizvollzugsanstalt Bochum das Leben. Sah er sich als „Engel von Auschwitz“, bezeichnete ihn das Gericht als selbst ernannten „Herrn über Leben und Tod“. Vielleicht spiegeln sich beide Sichtweisen in dem Bild, das Cony Theis (Freusburg/Köln) Anfang 1991 von ihm gezeichnet hat: das Porträt eines augenscheinlich honorigen Herrn in steifem, fast uniformartigen Janker, mit Camouflage-Krawatte und erhobenem Haupt, was auch immer im Blick (Zweifel, Hochmut, Unsicherheit – Einsicht wohl eher nicht …). Modell gesessen hat König der Künstlerin nicht; dieses Bild ist am Ende des Prozesses entstanden, im Augenblick, vor Gericht.

Kameras nur zu Verhandlungsbeginn zugelassen

Seit 1988 arbeitet Cony Theis als Gerichtszeichnerin und damit in einem Metier, das es der Öffentlichkeit erlaubt, tatsächlich zu sehen, was während einer Gerichtsverhandlung abläuft. Ton- und Bildaufnahmen, das regelt das Gerichtsverfassungsgesetz, sind während des Prozesses „unzulässig“, gezeichnet werden darf aber. Unmittelbar vor Verhandlungsbeginn sind Kameras zugelassen, immer dann, wenn die Beteiligten den Gerichtssaal betreten. Wie der eigentliche Prozess (der ja, so Cony Theis im Gespräch mit der Siegener Zeitung, tatsächlich ein Prozess im Sinne einer länger währenden Entwicklung ist) verläuft, welche Haltung die Angeklagten (auch körperlich) einnehmen, wie sich aus dem individuellen Handeln letztlich auch eine gesellschaftliche Position ablesen lässt, das kann – neben der journalistischen Darstellung des Ganzen – eine gelungene Gerichtszeichnung abbilden.

Wichtig ist, dass das erste Bild gelingt

Binnen einer halben oder Dreiviertelstunde muss „das erste Bild“ entstehen. „Das ist der größte Stress“, so Cony Theis, denn es könnte ja zu einem Verhandlungsabbruch kommen. Und so ist gerade zu Beginn dieser Arbeit eine höchst verdichtete Art des Wahrnehmens gefragt. „Ich stelle mich ganz und gar aufs Sehen ein.“ Das Hören erfolge nur im Unterbewussten. „Ich schaue, ich nehme alles auf.“ Mit der Hand filtere sie gewissermaßen ihre Eindrücke, bringe dann zunächst mit dem Stift (einem feinen Edding, einem Bleistift) die Konturen von Kopf und Körperhaltung (in der Regel der angeklagten Person, die ja zunächst im Fokus steht) aufs Papier, greife dann aber sehr schnell zu Pinsel und Aquarellfarben. „Ich bin eher Malerin als Zeichnerin, sehe eher die Fläche als die Linie“, sagt Cony Theis, die dann auch mit der Darstellung von Licht und Schatten eine weitere Dimension erfassen kann.

Das Zeichnen bei Gericht braucht Vorbereitung

Damit das erste Bild gelingt, braucht es Vorbereitung – und die Gerichtszeichnerin einen Platz. Der sei in der Regel dort, wo die Presse ohnehin sitze, in der vordersten Reihe, gern in der Mitte. Hilfreich sei es, wenn sie einen Tisch vor sich habe oder zumindest einen freien Stuhl neben sich. Sie könne ihre Unterlagen auch auf dem Schoß platzieren, aber nur zur Not. Manches lasse sich zuvor mit dem Saaldiener aushandeln, auch der Becher Wasser, den es ja zum Aquarellieren braucht. Neben diesen eher technischen „Einstellungen“ brauche sie die nötige Gelassenheit, „unter Beobachtung“ zu arbeiten. Denn natürlich schauen die Menschen auf den benachbarten Sitzen ihr gelegentlich über die Schulter. Sie habe gelernt, als Beobachterin das Beobachtet-Werden ausblenden zu können. Was ihr hilft: Entspannungsübungen, gerade für die Augen, und Blindzeichnen, damit die Hand in eine Art Flow gerät.

Reemtsma, Schleyer, Dutroux

Über die Jahre hat Cony Theis als Gerichtszeichnerin etliche spektakuläre Prozesse begleitet – wie den um die Entführung von Jan Philipp Reemtsma, den um die Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer oder auch den um den belgischen Kinderschänder Marc Dutroux. Letzterer sei, erinnert sie sich, für sie „am verstörendsten“ gewesen. Hier habe sie wahrgenommen, „wie normal alle aussahen“ – „vielleicht mit einer Kälte im Ausdruck der Augen“, schiebt sie hinterher. Beim Zeichnen, der Prozess fand in Belgien und damit auf Französisch statt, habe sie nichts verstehen können und das Inhaltliche erst danach erfahren. Doch sei sie gerade durch diese Trennung des Hörens und Sehens vom Dutroux-Fall am stärksten umgetrieben worden, habe nachts nicht schlafen können.

Trotz allem: subjektives Empfinden vorhanden

Im Verlauf eines Prozesses komme sie als Gerichtszeichnerin „an besonders wichtigen Tagen“ zum Einsatz – zur Eröffnung und/oder zu Zeugen-Vernehmungen und/oder zur Urteilsverkündung. Liegt das (fast sprichwörtlich) „erste Bild“ vor, bleibt ihr Zeit, anderes in den Blick zu nehmen, zum Beispiel das gesamte Setting mit Aktenstapeln, Mikrophonen, das Bild vom Staatsoberhaupt an der Wand oder die Vertreterinnen und Vertreter von Recht und Gesetz. Wie die Wort-Berichterstattung hat auch ihre den Anspruch, eine möglichst neutrale zu sein; doch ganz freimachen von subjektivem Empfinden kann sich die Gerichtszeichnerin natürlich nicht. Als sie 1989 für den Prozess um den „Todesengel von Wuppertal“, eine Krankenschwester, die wegen 17-fachen Mordes auf der Intensivstation vor Gericht stand, engagiert war, habe sie den Staatsanwalt, der im Prozess auf sie unsympathisch wirkte, einfach nicht gut zeichnen können.

Cony Theis fragt bei Porträts nach der Identität

Bis heute ist die Differenzierung der Wahrnehmung für sie eine grundsätzliche Herausforderung. So ringe sie in ihren Gerichtszeichnungen (das schreibt Kunstkritikerin Renate Puvogel im Katalog zu Cony Theis‘ „Ideas Of Identities“) darum, „eine Balance zu finden zwischen sachlich objektiver Berichterstattung und atmosphärischer Spannung wechselseitiger Abhängigkeiten“. In ihrem künstlerischen Schaffen gehe sie freilich einen Schritt weiter, erforsche „die Hintergründe für den schicksalhaften Verlauf eines Lebens bis zur augenblicklichen Situation“, suche „nach den Ursachen für einen Werdegang“, schlüssele „Verkettungen von Ursache und Wirkung“ auf. Cony Theis’ Porträts fragen nach Identität, nach Fremd- und Selbstwahrnehmung – und binden auch deshalb häufig die Porträtierten partizipativ in die Gestaltung ein. Dass ihr Weg sie dabei an und auch hinter Gefängnismauern führt, verwundert nicht.

"Langsames Medium im schnellen Schnitt"

Dass Gerichtszeichnungen von Kunstschaffenden wie Cony Theis immer wieder und immer noch in Fernsehberichten über Gerichtsprozesse auftauchen, wirkt wie ein Anachronismus. So findet sich, wie die Freusburg/Kölner Künstlerin bemerkt, „das langsame Medium der Zeichnung im schnellen Schnitt des Films“ wieder. Und muss doch, weil in der Wahrnehmung flüchtig, so gestaltet sein, dass der Informationsgehalt trägt.

Cony Theis, 1958 in Ewersbach geboren, wuchs in Freusburg auf. Sie studierte u. a. an der Kunstakademie Düsseldorf, wurde im Laufe ihrer künstlerischen Entwicklung mehrfach mit Stipendien gefördert und ist seit 2013 Professorin für Bildende Kunst an der Hochschule für Künste im Sozialen in Ottersberg. Als Gerichtszeichnerin arbeitet(e) sie stets im Auftrag eines Mediums, sie war etwa bei allen großen deutschen TV-Sendern unter Vertrag. Sie kann eine rege Ausstellungstätigkeit vorweisen, zuletzt war sie in der Ausstellung „Envisioning America“ in der Hamburger Galerie Hengevoss-Dürkop vertreten. Im Sommer 2020 ist sie an einer Schau zum Gerichtszeichnen im Gustav-Lübcke-Museum Hamm beteiligt. Mehr über die Künstlerin findet sich hier.

Cony Theis lebt in Freusburg und Köln. Sie hat eine Professur in Ottersberg.
Im Januar 1991 wurde Ernst August König vor dem Siegener Landgericht schuldig gesprochen. Cony Theis war als Gerichtszeichnerin dabei und hat den einstigen SS-Rottenführer beobachtet und „porträtiert“.
Autor:

Claudia Irle-Utsch (Redakteurin) aus Siegen

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