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Navid Kermani und Claus Leggewie diskutierten über Geburt und Tod, Liebe und Hass
Pure Emotionen im "Festival der Abstände"

Navid Kermani und Claus Leggewie auf der Bühne, Apollo-Intendant Magnus Reitschuster als Moderator zwischen Diskutanten und Publikum und das "Abstands-Publikum" im Apollo-Theater beim "Festival der Abstände".
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  • Navid Kermani und Claus Leggewie auf der Bühne, Apollo-Intendant Magnus Reitschuster als Moderator zwischen Diskutanten und Publikum und das "Abstands-Publikum" im Apollo-Theater beim "Festival der Abstände".
  • Foto: René Achenbach
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„Wir tun jetzt also, als ob alles ganz normal wäre“, schlug Intendant Magnus Reitschuster zu Beginn der Veranstaltung im "Festival der Abstände" vor.
ba Siegen. Die Corona-Krise hat das kulturelle Wohnzimmer gehörig durcheinander gebracht. Nun ist es an der Zeit, aufzuräumen, um den alten Glanz in der Stube wieder herzustellen. Einen riesigen Schritt auf diesem Weg hat das Apollo-Theater gewagt, das mit seinem „Festival der Abstände“ zeigt, wie nah sich kulturell interessierte Menschen in diesen Zeiten bereits wieder kommen können. So waren...

„Wir tun jetzt also, als ob alles ganz normal wäre“, schlug Intendant Magnus Reitschuster zu Beginn der Veranstaltung im "Festival der Abstände" vor.
ba Siegen. Die Corona-Krise hat das kulturelle Wohnzimmer gehörig durcheinander gebracht. Nun ist es an der Zeit, aufzuräumen, um den alten Glanz in der Stube wieder herzustellen. Einen riesigen Schritt auf diesem Weg hat das Apollo-Theater gewagt, das mit seinem „Festival der Abstände“ zeigt, wie nah sich kulturell interessierte Menschen in diesen Zeiten bereits wieder kommen können. So waren die wenigen zur Verfügung stehenden Plätze am Dienstag- und Mittwochabend gut besetzt, als der in Siegen geborene Schriftsteller Navid Kermani gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Claus Leggewie als intellektuelles Dreamteam aufschlug, um über „Geburt und Tod“ sowie „Liebe und Hass“ zu philosophieren und zu diskutieren (die Reihe hat in der vergangenen Woche begonnen - wir berichteten).

Der Mensch ist anpassungsfähig

„Wir tun jetzt also, als ob alles ganz normal wäre“, schlug Intendant Magnus Reitschuster zu Beginn der Veranstaltung vor. Dieser Vorstellung kam entgegen, dass der Mensch offensichtlich ein anpassungsfähiges Wesen ist, das mit Tropfenfänger und Desinfektionsspray mittlerweile ebenso lässig umgeht wie mit dem Umstand, dass er „fast genauso exponiert“ wie die Protagonisten im Licht des Theaters sitzen muss. Eine Einzigartigkeit, die Navid Kermani in seiner Nachschrift zur ersten Lesung am Donnerstagabend hervorhebt. Dass diese „beflügelnde Individualität“ jedes einzelnen Zuschauers letztendlich alle zu einer „verschworenen Gemeinde“ werden lässt, ist zumindest ein positiver Effekt, den das seltsame Miteinander hat.

Nähe von Geburt und Tod

Nun lauschte eine solche Gemeinde erneut Kermanis Worten, als er Auszüge aus seinem Roman „Dein Name“ vorlas, in dem Sterben und Geburt eng miteinander verwoben sind. Nur kurz nachdem ein Mensch beerdigt wird, erblickt ein Frühgeborenes das Licht der Welt. Jemand stirbt, jemand wird geboren. Die Schläuche in der Nase sind sowohl auf der Palliativ- als auch auf der Pränatalstation allgegenwärtig, ebenso wie das Mitgefühl, das einem dort auch von Unbekannten entgegengebracht wird. Greisenhaft sind die Sterbenden, greisenhaft sind die Frühgeborenen, die kaum die Augen öffnen können. Eines scheint Leben und Tod miteinander zu verbinden, es sind unabwendbare Schicksale und überraschende Momente zugleich.
Claus Leggewie verweist hier auf den Begriff der Natalität, den die Publizistin Hannah Arendt in ihrem Werk „Vita activa“ in ihre Theorie des Handelns einführt und später auch zum Kernbegriff des Politischen macht. Doch obwohl die Geburt ein freudiges Ereignis ist, wird sie offensichtlich „seltsam vernachlässigt in der Literatur“, die sich vermehrt auf den Tod konzentriere, wie Kermani herausstellt. Ein bemerkenswertes Buch der australischen Schriftstellerin Cory Taylor mit dem Titel „Dying: A Memoir“ bringt Claus Leggewie ins Gespräch. Taylor schreibt darin über ihren eigenen bevorstehenden Krebstod, den sie als „Saboteur aller meiner Hoffnungen und Träume“ bezeichnet. Er veranlasst sie, Bilanz zu ziehen, bevor die unabwendbare Reise ins Unbekannte beginnt.

Komplexe Beziehung: Liebe und Hass

Doch nicht immer muss eine Reise ins Unbekannte in den Tod führen. Auch die Liebe hält allerlei Überraschendes bereit. So wundert es nicht, dass Navid Kermani seine Lesung über „Liebe und Hass“ am Mittwochabend mit einem Text aus seinem Buch „Ungläubiges Staunen“ beginnt, in dem er El Grecos Bild „Der Abschied Christi von seiner Mutter“ analysiert. „So selbstverloren blickt eine, die sich beim Geliebten geborgen weiß. Und zugleich schaut er sie mit Augen an, die zugleich begehren und behüten“, erkennt er, denn der hier dargestellten Liebe fehlt offensichtlich „das Mütterliche“. Dass sowohl Liebe als auch Hass Conditio humana  sind, ist wohl jedem Zuschauer an diesem Abend bewusst und zeigt sich sowohl in Truffauts Meisterwerk „Jules und Jim“ als auch in Kleists Drama „Penthesilea“, das Kermani als das wohl brutalste Liebesdrama der deutschen Theatergeschichte heraushebt, da die Liebende den Geliebten verspeist.
Doch wo endet die Liebe und wann schlagen Ressentiments in Hass um? Wann werden die eigentlichen Gründe unwichtig, so dass der Hassende bereit ist, sich selbst zu opfern, um den anderen zu vernichten? Mit einem Filmtrailer von „Three Billboards …“ versuchen Leggewie und Kermani den Ansatz einer Antwort zu finden. Ist Wut, die nicht gehört wird, die Ursache? Mag sein, denn selbst ein an sich harmloses Treffen zwischen einem Jogger und einem Hundehalter auf den Rheinwiesen birgt – wie Kermani in seinem abschließenden Tagebuchtext beschreibt – explosives Potenzial.
Nicht explosiv, aber durchaus angeregt wurde anschließend im öffentlichen Raum mit dem Publikum diskutiert, wobei sich einmal mehr zeigte: Das Publikum macht das Theater aus und ist deshalb – wie Kermani und Leggewie betonten – „mindestens so wichtig wie die Schauspieler!“

Autor:

Bärbel Althaus (Freie Mitarbeiterin) aus Wilnsdorf

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