Apollo-Theater Siegen: Perspektiven für Zukunft
Raum für junge Sparte gesucht

Kultureller Leuchtturm: das Apollo-Theater Siegen. Die Einrichtung hat sich etabliert – mit allem, was dazugehört. Nun stellen sich zunehmend Fragen nach neuen Wegen und Zielen.
  • Kultureller Leuchtturm: das Apollo-Theater Siegen. Die Einrichtung hat sich etabliert – mit allem, was dazugehört. Nun stellen sich zunehmend Fragen nach neuen Wegen und Zielen.
  • Foto: René Achenbach
  • hochgeladen von Claudia Irle-Utsch (Redakteurin)

ciu/gmz Siegen. Das Apollo-Theater Siegen ist ein Ort gesellschaftlichen Lebens. Dazu gehört, dass nicht „nur“ Theaterstücke aufgeführt und Konzerte gespielt werden, sondern auch, dass es ein Ort ist, an dem Menschen sich treffen und miteinander ins Gespräch kommen. Nicht nur über das Gesehene oder Gehörte, sondern auch über „das Leben“ allgemein. Der Diskurs ist eine der Säulen unserer Demokratie. Dieser Verpflichtung, die sich das Apollo bei der Gründung auf die Fahnen geschrieben hat, ist Intendant Magnus Reitschuster auch in der Corona-Krise, die ja auch zu einem gesellschaftlichen Shutdown geführt hat, indem Kontakte auf ein manchmal existenzangreifendes Minimum reduziert wurden, so schnell als möglich wieder nachgekommen: Er hat das Theater „auf Abstand“ wieder für Menschen geöffnet.

Bruchwerk nur ein Steinwurf entfernt

Apollo zeigt also Perspektiven. Seit inzwischen 13 Jahren. Freilich hat sich die Leichtigkeit des Anfangs längst verloren, auch das Staunen über Mögliches und vermeintlich Unmögliches. Nun folgen den frühen, von vielen umsorgten und begeistert begleiteten Schritten auch Mühen. Vielleicht nicht immer offensichtlich, denn Magnus Reitschuster hat als künstlerisch verantwortlicher Intendant und als fürs
finanzielle Auskommen zuständiger Geschäftsführer das Haus gut bestellt. Auch gegenwärtig, wo SARS-CoV-2 nicht alles, aber doch vieles durcheinander bringt. Die Krise zeigt auch die wirtschaftliche Anfälligkeit von Kultur (Kurzarbeit, Planungsunsicherheit für die kommende Saison, etc.), und sie verschärft manche Fragen, die die Zukunft des Theaters betreffen. Wie kann es weitergehen? Welches Ziel wird angesteuert? Die nächste Spielzeit. Klar. Und dann? Wer macht mit? Wer übernimmt? Und: Wie stellt sich das Apollo zum Beispiel auf in einer Situation, in der sich das Bruchwerk-Theater als professionelle Experimental- und Studiobühne mit starkem partizipativem Standbein nur einen Steinwurf weit entfernt vom Apollo-Standort etabliert hat?

Verantwortungsträger sind gefragt

Magnus Reitschuster hat, so war es zu beobachten, in der Krise das Theater praktisch alleine gemanagt (seit Kurzem inklusive der Öffentlichkeitsarbeit); für die beim Trägerverein angestellten Mitarbeiter war Kurzarbeit angemeldet bzw. es wurden Überstunden und Urlaubstage abgebaut. Es galt aus Sicht des Intendanten, das Schiff auf Kurs zu halten. Gleichwohl sind alle (!), die fürs Apollo Verantwortung tragen, augenblicklich besonders gefordert. Denn es geht nicht allein darum, das Theater durch die Krise zu bringen, sondern grundsätzlich und mehr noch darum, diese kulturelle Leuchtturm-Institution auf die ganz lange Strecke zu bringen. Und dazu braucht es in vielen Bereichen den Mut zum Aufbruch. Es gibt Beispiele.

Neuausrichtung in der Intendanz

Im Sommer 2017 wurde der turnusgemäß zum 31. Dezember 2017 auslaufende Vertrag von Magnus Reitschuster um weitere fünf Jahre verlängert. Eine Entscheidung, die mehrheitlich, aber nicht durchweg einhellig fiel; Teile des bürgerschaftlichen Engagements enthielten sich ihrer Stimme. Die Stadt Siegen, die das Haus mit jährlich 1,1 Mill. Euro mitfinanziert, wollte Kontinuität wahren. Nun markiert das Jahr 2022 das Ende der „Ära Reitschuster“ in Siegen, die, wir erinnern uns, am 1. Januar 1998 begann: Magnus Reitschuster, Jahrgang 1952, wurde Geschäftsführer des damaligen Kulturkreises Siegerland und brachte fortan seine Erfahrungen als Dramaturg (Stadttheater Ingolstadt, Theater Erlangen) und Autor ein. Er führte das Siegener Theaterleben „Out of Aula“ und schließlich (2007) ins Apollo.
Diesen Weg bereiteten „günstige Winde“: Aufgeschlossenheit in Politik und Verwaltung, bei Geld- und Ideengebern, bei den Bürgerinnen und Bürgern, die sich – motiviert von „Theater-Motor“ Walter Schwerdfeger (bis 2012 Förderkreis-, bis 2014 und damit bis kurz vor seinem Tod Trägervereins-Vorsitzender) – mitreißen ließen in eine „Für-Apollo“-Bewegung. Die ins Theater gingen und auch gehen und außergewöhnliche Programmfarben, auch und vor allem bei den Biennalen, ermöglich(t)en. Auf all das konnte Reitschuster „sein“ Apollo auf- und ausbauen, zuletzt flankiert im Trägervereins-Vorsitz von Dr. Henrich Schleifenbaum und seit Mitte 2018 von Prof. Herbert Landau, die den Intendanten auch in personell-strukturell schwierigen Fragen/Situationen gewähren ließen. Eine erneute Vertragsverlängerung solle es nicht geben, heißt es aus gut informierten Kreisen. Das sei schon 2017 erklärter Wille gewesen. Allerdings: Eine Findungskommission sei noch nicht gebildet worden; offenbar laufen aber Überlegungen zu einem Prozedere.

Junges Theater über den Dächern?

2,315 Mill. Euro würde es kosten, das „Junge Apollo (JAp) über den Dächern“. Das ist ein Ergebnis einer vom Apollo-Trägerverein in Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudie für diese Kombination aus Werkstattbühne und Probenraum. Eine Idee von Magnus Reitschuster, die aus dem Bedarfsfall entwickelt wurde – aber aus unterschiedlichen Gründen eher geringe Resonanz findet. So seien die Pläne ohne Absprache, etwa mit der Stadt, vorangetrieben worden; habe das Apollo versucht, über eine Art Mobilisierungskampagne Fakten zu schaffen, hieß es. So freute sich der Intendant des Berliner Ensembles, Oliver Reese, am Ende der 5. Biennale 2019 öffentlich darauf, beim nächsten Siegener Theaterfest 2022 mit einem Werkstatt-Stück ins dann neu zu eröffnende junge Theater auf dem Apollo-Dach zu kommen … Dazu stünden Investitionssumme und Raumgewinn in keinem Verhältnis, wie zu hören war. Zudem hat die freie Szene augenscheinlich derzeit kein besonderes Interesse daran, unter das Dach des Siegener Theaters zu schlüpfen. In diesen Bereichen spielen Teilhabe und Mitsprache eine maßgebliche Rolle. Das Apollo fährt unterdessen derzeit eher eine Linie des Theatermachens für Kinder und Jugendliche. Hier bleibt abzuwarten, inwieweit der am 1. September 2017 eingestellte JAp-Leiter Werner Hahn (damals beauftragt, den gesamten Bereich der kulturellen Bildung zu betreuen, den Apollo-Bildungsfonds und die Zusammenarbeit mit dem Förderkreis des Theaters) eigene, auch kooperative Konzepte weiterverfolgen kann und wird.

Alternative: MyToys-Fläche im Schreiber-Haus

Spätestens seit Klaus Vetter, Mitglied im Kuratorium des Apollo-Theaters, auf der Mitgliederversammlung des Förderkreises auf eine mögliche Alternative zum „JAp über den Dächern“ verwies, ist auch der in absehbarer Zeit frei werdende MyToys-Gebäudeteil des Schreiber-Hauses über der Sieg als Raum für ein „Junges Apollo“ eine Option. Das Gebäude ist behindertengerecht eingerichtet, Toilettenanlagen sind vorhanden, zum Apollo ist es nur ein Katzensprung. Der Umbau, zum Beispiel mit Studio- und separater Probenbühne, ließe sich realisieren. Der Eigentümer, die Klaus Schreiber GmbH & Co. KG, wäre mit einem Umbau grundsätzlich einverstanden.

Debatte auch über Alternative in der Nachbarschaft

Da die Sparkasse Siegen für die MyToys-Fläche schon vor geraumer Zeit einen langfristigen Mietvertrag abgeschlossen hat, wäre sie (weil sich bankintern Unterstützung abzeichnet) auch „auf dem Markt“ fürs Theater. Ob die Idee umsetzbar ist, müsste eine Machbarkeitsstudie zeigen, die noch nicht in Auftrag gegeben ist. Die Stadt sieht sich hier offenbar nicht in der Pflicht, die Sparkasse auch nicht, letztlich wäre der Trägerverein am Zuge. Die Finanzierung wäre wohl auch machbar, mit Hilfe von Sponsoren und Spenden.

Kommentar: Mehr Kommunikation
Das Apollo hat in und für Siegen und die Menschen der Region viel Positives angestoßen. Es steht (heute) in einem großen Kontext von Kulturangeboten. Es steht aber auch vor wichtigen Entscheidungen (JAp, Haus für das junge Theater, bald auch Intendanz-Nachfolge), die im Kultur-Zusammenhang gesehen werden müssen. Diese Entscheidungen erfordern Kommunikation. Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei. Die Theaterbegeisterten möchten verständlicherweise wissen, wie es weitergeht mit dem und im Apollo. Das Schweigen der Macher irritiert, das Abblocken der Fragen nach der Zukunft, die sich aufdrängen, enttäuscht. Innen wie außen. Kommende Woche tagen entscheidende Gremien, denen man nur raten kann: Nehmen Sie die Menschen mit! Das bürgerschaftliche Engagement ist ein großes Pfund, mit dem die Theaterverantwortlichen wuchern können. Das macht man nicht, indem die Augen verschlossen werden vor Fragen. – „Die Hoffnung ist ins Gelingen verliebt“ steht auf den Bannern am Theater. Aber Hoffnung braucht Nahrung! Für die Menschen … (Dr. Gunhild Müller-Zimmermann)

Autor:

Redaktion Kultur

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