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Jürgen Stahl regt an Kochs Ecke „leuchtend“ an
Reflexion über Digitalität

Die Botschaft ist deutlich, muss aber entziffert werden …
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pebe Siegen. Die Ampel an Kochs Ecke zeigt Rot. Der Blick wandert wartend zur leuchtenden LED-Tafel an der Hauswand gegenüber. Werbung flackert vorbei, interessiert nicht – dann, plötzlich, ein gelb-schwarzes Bild: ein grafisch verfremdetes Gesicht, in den Augenhöhlen Strichcodes. „Welcome to Slavery“ schiebt sich in großen Lettern über die Silhouette. Etwas rätselhaft zunächst, denn eine Erklärung folgt nicht, aber beim nächsten Durchgang auf dem Bildschirm wird deutlich: Hier geht es um eine Bild gewordene Kritik an unserem Umgang mit Daten im digitalen Zeitalter.

pebe Siegen. Die Ampel an Kochs Ecke zeigt Rot. Der Blick wandert wartend zur leuchtenden LED-Tafel an der Hauswand gegenüber. Werbung flackert vorbei, interessiert nicht – dann, plötzlich, ein gelb-schwarzes Bild: ein grafisch verfremdetes Gesicht, in den Augenhöhlen Strichcodes. „Welcome to Slavery“ schiebt sich in großen Lettern über die Silhouette. Etwas rätselhaft zunächst, denn eine Erklärung folgt nicht, aber beim nächsten Durchgang auf dem Bildschirm wird deutlich: Hier geht es um eine Bild gewordene Kritik an unserem Umgang mit Daten im digitalen Zeitalter. Raffiniert eingebaut in die Abfolge von Kaufanreizen, die wieder zu neuen Datenfluten führen können …

Mit Lichtinstallationen bekannt: Jürgen Stahl

Der Künstler, der diese Bild-Provokation mit dem Untertitel „Grüße aus Rongcheng“ entwickelt und umgesetzt hat, ist der Siegener Jürgen Stahl, sonst bekannt für seine Lichtinstallationen. Dem Licht bleibt er auch hier treu, aber auf andere Weise. „Rongcheng hat mich getriggert“, erzählt der gelernte Grafiker im Gespräch mit der SZ. Rongcheng, das ist jene chinesische Stadt, die bereits vor Jahren damit begonnen hat, ein Sozialkreditsystem einzuführen: gute Punkte, schlechte Punkte, Ansehen oder Rüge, Überwachung in der Öffentlichkeit. Und dieses Sammeln personenbezogener Daten sei ja beileibe kein Merkmal nur totalitärer Staaten, sagt der Künstler.

"Schöne neue Welt" lässt grüßen

„Das fing schon an, als die Barcodes kamen“, fährt Stahl fort. Seine Kritik am Ausschlachten von Daten reicht also weit zurück. Immer mehr, kritisiert er, werde durch das inflationäre Entstehen, Sammeln und Auswerten von Daten per Surfen im Netz, Smartphone-Nutzung und anderen Aktivitäten in die Persönlichkeitsrechte der Menschen eingegriffen: „Wir sind auf dem Weg, Demokratie und Freiheit zur Disposition zu stellen“, befürchtet er. Freiheit, so mutmaßt er, werde vielleicht bald schon „kein hohes Gut mehr“ sein, informationelle Selbstbestimmung zur Farce. Und die Frage sei, ob nicht am Ende die die „gläserne Welt“ stehe. Hier werde Science-Fiction zur Realität – die „schöne neue Welt“ lässt grüßen, und „die Büchse der Pandora wird geöffnet“.

Botschaft leuchtet an Kochs Ecke

Da er seine verschlüsselte Botschaft auf das große Media-Board an Kochs Ecke projiziert, arbeitet er „mit digitalen Mitteln, um auf die Gefahr des Digitalen hinzuweisen“, erklärt Jürgen Stahl. Dabei sei er von vielen Seiten unterstützt worden, vom Betreiber des Monitors ebenso wie vom Kreis und der Stadt Siegen. Für ihn ist diese künstlerische Meinungsäußerung so etwas wie ein politisches Plakat und zugleich „ein bisschen Street Art in neuen Medien“. Und diese Kunst könne auch politisch sein. „Kunst darf gefällig sein, aber der Künstler hat auch eine gesellschaftliche Aufgabe“, sagt er: „Auf Missstände aufmerksam machen.“

Grafik bis zum 10. März zu sehen

Den 54-Jährigen interessiert sehr, wie sein stummer, leuchtender und durchaus subversiver Einspruch wahr- und aufgenommen wird. Lange genug wird seine chiffrierte, kritische Botschaft in Siegen zu sehen sein: Bis zum 10. März soll seine Grafik leuchten und nachdenklich machen können. „Ja, sie bricht die Reklame und thematisiert etwas ganz Gegenteiliges“, nickt Jürgen Stahl. Er hat eine Empfehlung an die ganze Gesellschaft, ob in Siegen, im Kreis, privat oder öffentlich: gegen die Abhängigkeit vom Nicht-Analogen ein „digital detox“, eine „digitale Entgiftung“ zu praktizieren und aufzuhören mit der permanenten Nutzung des weltweiten, Daten sammelnden, das Individuum durchleuchtenden Netzes und seiner scheinbar so attraktiven Angebote.

Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

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