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Revue zum Schulstreik der Siegener Schülerinnen traf voll ins Herz
Reminiszenz an die „wilden Mädchen“ des Lyzeums

Die Schülerinnen unterhalten sich über die Missstände in der Schule (v. l.): Anna Di Biase, Levia Murrenhof, Helen Scheurer.
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  • Die Schülerinnen unterhalten sich über die Missstände in der Schule (v. l.): Anna Di Biase, Levia Murrenhof, Helen Scheurer.
  • Foto: Anna Maria Weber
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

anwe Siegen. Die gar nicht so „gute alte Schulzeit“ ließ mächtig grüßen: Bei der Revue „Siegens wilde Mädchen“ (Regie Giulia Gendolla) über die Streiktage und das aktuell 50-jährige „Jubiläum“ des deutschlandweit Furore machenden Schülerinnenstreiks (die SZ berichtete bereits ausführlich) im heutigen Kulturhaus Lÿz machte dessen früherer Kulturchef und Moderator dieses Abends, Wolfgang Suttner, schon zu Beginn klar, wie schulische Zucht früher vonstatten ging. Kam man nämlich in die Schule, wurde zur Begrüßung aus der Bank aufgestanden, zur Seite getreten und mit „Guten Morgen, Herr Studiendirektor“ salutiert! Das ließ das Publikum im komplett ausverkauften Haus denn aber sitzend und eher belustigt über sich ergehen.

anwe Siegen. Die gar nicht so „gute alte Schulzeit“ ließ mächtig grüßen: Bei der Revue „Siegens wilde Mädchen“ (Regie Giulia Gendolla) über die Streiktage und das aktuell 50-jährige „Jubiläum“ des deutschlandweit Furore machenden Schülerinnenstreiks (die SZ berichtete bereits ausführlich) im heutigen Kulturhaus Lÿz machte dessen früherer Kulturchef und Moderator dieses Abends, Wolfgang Suttner, schon zu Beginn klar, wie schulische Zucht früher vonstatten ging. Kam man nämlich in die Schule, wurde zur Begrüßung aus der Bank aufgestanden, zur Seite getreten und mit „Guten Morgen, Herr Studiendirektor“ salutiert! Das ließ das Publikum im komplett ausverkauften Haus denn aber sitzend und eher belustigt über sich ergehen. Mitnehmen durch die aufwühlenden schulhistorischen Streik-Tage der früheren Bildungsanstalt ließen sich die vielen Zeitzeugen und Pädagogen, die überwiegend die Ränge des Schauplatzes im Lÿz füllten, von der Chronistin und ehemaligen Schülerin Cornelia Sauer, von eingestreuten Interviews, Spielszenen und Songs aus dieser Zeit.

Revue am Originalschauplatz im Lÿz

„Schwarze Pädagogik“ angeprangert

Intensiv und fast beängstigend stark fegte mit kasernenhofartigem, scharfem Ton und schriller Trillerpfeife alsbald die Sportlehrerin, gespielt von Christel Hellermann, burschikos und seilspringend, mit erhobenem Finger durch den Saal, um Sportschülern mit „Was nicht tötet, härtet ab!“ eine Standpauke zu halten, und salutierte mit dem in der NS-Zeit missbräuchlich verwendeten Turnvater-Jahn-Gruß „Frisch, fromm, fröhlich, frei!“ dem ob solch drastischer Performance bass erstaunten Publikum.
So manche Spielszenen der Schülerinnen (Helen Scheurer, Levia Murrenhof und Anna Di Biase), beispielsweise mit Gesprächen über den F-Zweig, womit man ja nur eine gute Hausfrau werden würde, oder auch über schmierige Religionslehrer und vermeintlich verständnisvolle Mathelehrer, stießen auf murmelnde Zustimmung im Zuschauerraum. Ihre aufwühlenden Interaktionen mit dem Publikum bei der Verteilung von Flugblättern oder bei Streikansprachen via Megaphon rüttelten zutiefst auf. Die „Schwarze Pädagogik“ wurde angeprangert und wie in Schulen und Elternhäusern Machtausübung mittels Verboten, Kontrolle und Erniedrigung erfolgte. Dialoge über elterliche Verbote, bekannte Treffs wie das Café Harr oder gar das Schlosscafé und den Kurs der Tanzschule Löser zu besuchen, zeigten ihre Wirkung auf das Publikum, machten beklommen und ließen so manche Emotionen hochkochen.

Dr. Christine Tretow spielte die Direktorin Erfurt

Besonders Spielszenen mit Direktorin Erfurt, gespielt von Dr. Christine Tretow, in denen sie u. a. eine der Schülerinnen (Anna Di Biase) zu sich zitierte und ihr im schärfsten Befehlston eine zutiefst herabwürdigende Standpauke hielt, ließen den Atem stocken, machten aber am Ende fast betroffen, als Erfurt, resigniert im Publikum stehend, ihre Kündigung als Schulleiterin aussprach. Abgerundet wurde der eindrückliche und sicher noch lange nachhallende Abend mit wunderbar passenden Stücken wie „Wunderschönes fremdes Mädchen“ von Hans-Jürgen Bäumler, „The Times They Are A-Changin‘“ von Bob Dylan, „Me And Bobby McGee“ von Janis Joplin und „Revolution“ von den Beatles sowie intensiven Interviews mit Zeitzeugen. Gerlinde Böcking, stellvertretende Chefredakteurin der damaligen Schülerzeitung „Die kleine Freiheit“, und Anne Ostehr, seinerzeit Schulsprecherin und durch die Vorkommnisse immer noch sehr politisiert, erinnerten sich lebhaft. Der seinerzeit kurz gefangen genommene Wolfgang Leipold, Gründer des Republikanischen Clubs, über Video eingespielt, stellte seine in der Presse dargestellte „Rädelsführerschaft“ nochmals richtig, da er ja nur „ein Megaphon“ dabei gehabt habe. Wolfgang Dehnen, `69 als smarter, junger Studienrat bei der Schülerinnenschaft allseits begehrt, thematisierte im Interview nochmals plastisch den einstimmigen Boykott der gesamten Lehrerschaft der von Erfurt einberufenen Konferenz. Über all das musste man einfach noch lange nach der Show stilgemäß bei Pausenbroten, Schaumkuss-Brötchen, Milch und Kakao vom „Hausmeister“ sinnieren und diskutieren.
Die Revue wird wegen der großen Nachfrage am 22. November, 20 Uhr, nochmals im Lÿz-Schauplatz präsentiert.

Autor:

Anna Maria Weber (Freie Mitarbeiterin) aus Siegen

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