SZ

Heinemann-Preisträgerin Verena Kiefer im SZ-Interview
"Sätze, die sich einbrennen"

Die jetzt ausgezeichnete Übersetzerin Verena Kiefer traf sich mit der SZ zum Gespräch über ihre Arbeit und das preisgekrönte Buch. Mit dabei Schafpudeldame Bella.
  • Die jetzt ausgezeichnete Übersetzerin Verena Kiefer traf sich mit der SZ zum Gespräch über ihre Arbeit und das preisgekrönte Buch. Mit dabei Schafpudeldame Bella.
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pebe Luckenbach.  Die deutsche Geschichte lässt sie nicht los. „Schon als Jugendliche habe ich viel über die Weimarer Republik und den Faschismus gelesen“, erzählt Verena Kiefer. Die freiberufliche Übersetzerin, die lange in Siegen lebte, hat gerade gemeinsam mit der niederländischen Autorin Wilma Geldof den Gustav-Heinemann-Friedenspreis 2021 für Kinder- und Jugendbücher erhalten (die SZ berichtete bereits kurz).
Vielschichtige Story„Reden ist Verrat. Nach der wahren Geschichte der Freddie Oversteegen“ heißt das Buch. Der niederländische Originaltitel „Het meisje met de vlechtjes“ (Das Mädchen mit den Zöpfen) klingt fast unspektakulär.

pebe Luckenbach.  Die deutsche Geschichte lässt sie nicht los. „Schon als Jugendliche habe ich viel über die Weimarer Republik und den Faschismus gelesen“, erzählt Verena Kiefer. Die freiberufliche Übersetzerin, die lange in Siegen lebte, hat gerade gemeinsam mit der niederländischen Autorin Wilma Geldof den Gustav-Heinemann-Friedenspreis 2021 für Kinder- und Jugendbücher erhalten (die SZ berichtete bereits kurz).

Vielschichtige Story

„Reden ist Verrat. Nach der wahren Geschichte der Freddie Oversteegen“ heißt das Buch. Der niederländische Originaltitel „Het meisje met de vlechtjes“ (Das Mädchen mit den Zöpfen) klingt fast unspektakulär. Die Geschichte des Mädchens, das sich mit seiner Schwester, als Kinder einer Kommunistin schief beäugt, dem Widerstand gegen die Nazis, die die Niederlande überfallen haben, anschließt, sei überaus vielschichtig, sagt die Übersetzerin. Sensibel habe Wilma Geldof – eine in den Niederlanden bekannte und mehrfach ausgezeichnete Kinderbuchautorin – die Geschichte der Freddie Oversteegen erzählt und dabei grundsätzliche Themen wie Widerstand und seine Konsequenzen oder auch die Frage der Schuld reflektiert.

Erschütternde Beschreibungen

„Ich kenne Wilma nicht persönlich, wir hatten nur per Mail Kontakt“, sagt die 57-jährige gebürtige Saarländerin, die seit einigen Jahren mit Ehemann und Hund im Örtchen Luckenbach unweit von Hachenburg lebt. Als sie auf Bitten des Verlags den Text der 59-jährigen Autorin gelesen habe, sei sie erschüttert gewesen, erzählt Verena Kiefer weiter. „Es gab eine Stelle, da habe ich drei Mal geweint: als ich den Text begutachtet habe, als ich ihn übersetzte und als ich den Text korrigiert habe.“
Das Buch ist in der Ich-Perspektive geschrieben, Wilma Geldof habe auch in literarischer Freiheit eine Liebegeschichte mit eingebaut, die es so nicht gegeben habe.

Erinnerung an ein verlorenes Leben

Die Übersetzerin greift zur deutschen Ausgabe, schlägt sie in der Mitte auf und liest die Stelle vor, die sie zu Tränen gerührt hat. Freddie soll einen fünfjährigen jüdischen Jungen in Sicherheit bringen und gerät mit dem Kind in einen Bombenangriff, den sie überlebt und nach dem sie dann den grausam zugerichteten Körper des Kindes entdecken muss. Es ist Kiefers Deutsch, und doch ist es so nah, so intensiv wie möglich am Original. Unser Gespräch stockt einen Moment – ein spontanes Erinnern an das verlorene Leben des Kindes, an nie gelebte Hoffnungen und Wünsche.
„Ja“. sagt Verena Kiefer dann, „sie kann sehr ,druckreif’ schreiben, sie formuliert Sätze, die brennen sich in die Erinnerung ein. Zum Beispiel: ,Jemanden töten schafft eine Verbindung fürs Leben’ oder , Ohne Uniform ist er kein Mof mehr’“ – „Mof“ ist ein niederländisches Schimpfwort für Deutsche, und dem in einem Hinterhalt getöteten Nazischergen haben die Widerstandskämpfer die Kleider vom Leib gezogen – alles diente dem Überleben im Untergrund. Erst spät für ihren Mut im Widerstand geehrt, starb Freddie Oversteegen hochbetagt 2018 mit 92 Jahren.

Deutsche Geschichte ein Thema

"Nein", wiederholt Kiefer, „die deutsche Geschichte lässt mich nicht los.“ Unmittelbar vor dem Übersetzungsauftrag habe sie am deutschen Katalogtext einer Ausstellung aus Amsterdam mitgearbeitet, die für das Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ in Berlin gedacht war: „Fotografien der Verfolgung der Juden. Niederlande 1940-1945“. Ein hartes Stück Arbeit, das erneut unmittelbar mit der Grauensgeschichte der Naziherrschaft konfrontierte – zugleich mit den Echos des immer frecher werdenden Antisemitismus hierzulande.
Geschichte und Interesse an der Sprache kamen bei ihr zusammen: „Mit 18 war ich das erste Mal in Amsterdam. Ich habe bei Freunden gelebt. Deren Eltern waren erstmal nicht erfreut, als sie eine Deutsche beherbergten.“ Studiert hat sie jedoch u. a. Romanistik und auch Bücher aus dem Spanischen übersetzt. „Niederländisch habe ich mir autodidaktisch beigebracht“, sagt sie und lacht. Begonnen hat sie mit 16, mittlerweile spricht sie es so gut, dass sie zuweilen gefragt wird, woher genau in den Niederlanden sie denn wohl komme.
Und sie ist regelmäßig im Nachbarland. Mit einem Kollegen aus den Niederlanden teilt sie sich eine Wohnung in Amsterdam, nur wenige Minuten vom Anne-Frank-Haus entfernt. Um sich nicht auf Kinder- und Jugendliteratur festzulegen, übersetzt sie auch Nonfiktionales, so die überaus gut recherchierten und journalistisch-literarisch verarbeiteten Sachbücher von Frank Westerman oder die Bücher des Psychologieprofessors Douwe Draaisma, die auch in Deutschland intensiv rezipiert werden.

"Übersetzen bleibt ein harter Job"

Das Übersetzen bleibe ein harter Job, meint sie später, zeitlicher Druck sei längst nicht das Einzige. Aber sie liebe diese Arbeit, „und Übersetzer/innen werden mit dem Alter immer besser“, meint sie schmunzelnd. Doch obwohl so viel kongeniale sprachliche Kreativität und Sensibilität von ihr verlangt ist, hat sie selbst kein Bedürfnis zu schreiben. „Es gibt so viele Bücher“, winkt sie ab, „und ich hätte, glaube ich, nicht die Fantasie.“ Der Heinenann-Preis der NRW-Landesreigerung (der Preis wird am 19. November in Düsseldorf übergeben) ist ihre erste große und dotierte Auszeichnung. Aber die nächste könnte folgen, „Reden ist Verrat“ ist in der deutschen Übersetzung für den Jugendliteraturpreis 2021 nominiert.

Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

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