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"Quarantäne"-Lesung live aus dem Bruchwerk-Theater gestreamt
"Schräg, aber machbar" für Schauspieler und Publikum

Erstes Mal, mit Anlaufschwierigkeiten, gemeistert: Milan Pešl, Levia Murrenhoff und Werner Hahn (v.l.) sendeten am Dienstagabend ihre Lesung „Quarantäne – Eine Endzeitdekadenz“ live aus dem Siegener Bruchwerk-Theater.
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  • Erstes Mal, mit Anlaufschwierigkeiten, gemeistert: Milan Pešl, Levia Murrenhoff und Werner Hahn (v.l.) sendeten am Dienstagabend ihre Lesung „Quarantäne – Eine Endzeitdekadenz“ live aus dem Siegener Bruchwerk-Theater.
  • Foto: Bruchwerk-Theater/David Penndorf
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

zel Siegen. Und wenn ich mich schick gemacht hätte fürs Theater, es hätte keiner gesehen. Getränke darf ich ausnahmsweise mit reinnehmen, denn ich bin schon drin: Ich bin zu Hause. Erwartungsfroh sitze ich am Dienstagabend um 19.30 Uhr vor dem Rechner, den Link vom Bruchwerk-Theater angeklickt habe ich, und auf dem richtigen YouTube-Kanal gelandet bin ich. Lustige Musik, das bekannte Werbemotiv für die virtuelle Lesung „Quarantäne – Eine Endzeitdekadenz“ sehe ich da, und dass es gleich losgeht. Geht es aber nicht. Eine Dreiviertelstunde lang nicht. Erste Kommentare sind auf YouTube schon aufgetaucht – gut, dann bin ich nicht die Einzige, bei der es gerade nicht läuft.

zel Siegen. Und wenn ich mich schick gemacht hätte fürs Theater, es hätte keiner gesehen. Getränke darf ich ausnahmsweise mit reinnehmen, denn ich bin schon drin: Ich bin zu Hause. Erwartungsfroh sitze ich am Dienstagabend um 19.30 Uhr vor dem Rechner, den Link vom Bruchwerk-Theater angeklickt habe ich, und auf dem richtigen YouTube-Kanal gelandet bin ich. Lustige Musik, das bekannte Werbemotiv für die virtuelle Lesung „Quarantäne – Eine Endzeitdekadenz“ sehe ich da, und dass es gleich losgeht. Geht es aber nicht. Eine Dreiviertelstunde lang nicht. Erste Kommentare sind auf YouTube schon aufgetaucht – gut, dann bin ich nicht die Einzige, bei der es gerade nicht läuft.

Auf dem Smartphone funktioniert's

Irgendwann schreibt jemand, dass der Livestream auf dem Smartphone funktioniert, ich schalte um und bin dabei! Ich sehe in der Totalen Milan Pešl, Levia Murrenhoff und Werner Hahn lesen und spielen – in Schutzanzügen als Kostüm. Mal fährt die Kamera an die Schauspieler dicht heran, mal zeigt sie das ganze Bild. Auf der Bühne, eingerichtet von Teresa Pešl und David Penndorf, sind Sofas zu sehen, in Schutzfolie verpackt, auf denen die Schauspieler im gebührenden Abstand sitzen. Auch der Klopapierstapel ist in Schutzfolie verpackt – ein Requisit, ohne das es in diesen Ausnahme-Tagen einfach nicht geht.

Mit "Anstandsredner" durchs Programm

Theater heute ist Theater ohne Publikum. Und doch stellt sich ein Theatergefühl ein, ein Gemeinschaftsgefühl beim Zuschauen und -hören und vor allem beim Lesen des gleichzeitig stattfindenden Live-Chats. Hier sind andere Zuschauer aktiv, und dankenswerterweise schreibt jemand namens „Anstandsredner“ topaktuell, was gerade gelesen wird: um 20.25 Uhr „Badezimmer. Monolog einer Frau“ von Ingrid Lausund (Levia Murrenhoff), um 20.38 Uhr „Die schöne Stadt“ von Georg Trakl (Milan Pešl), um 20.59 Uhr etwas von Pietro Aretino (Werner Hahn).

Werner Hahns "Augustin" - ohne mich

Alles fließt, reibungslos, Gedicht reiht sich an Romanauszug, Mascha Kaléko an Roger Willemsen an Sibylle Berg an Goethe. Verpasst habe ich, wie ich später erfahre, den Text vom lieben Augustin, dem Wiener Trunkenbold in der Pestgrube, den Werner Hahn, im Apollo-Theater zuständig fürs Junge Apollo JAp und ein Freund des Bruchwerks, für den Abend verfasst hat. Außerdem fehlt mir der Einstieg: eine Soundcollage mit Text über die Angst (von Milan Pešl) , dem künstlerischen Leiter des Bruchwerk-Theaters, gesprochen von Murrenhoff und Hahn). Fehlt mir auch die Klammer am Anfang – um 21.05 Uhr erklingt die Soundcollage „AngstStruktur II“, Klammer zu. Die Stimmung hat bis hierhin zwischen Endzeit und Aufbruch changiert, das lakonische „Ach“ von Robert Gernhardt – Werner Hahn las das Gedicht von meinem Lieblingsdichter – trifft es gut.

In der Pause fehlt jemand zum Reden

„Kurze Pause“ ist angesagt, danach soll es ein Gespräch der drei auf der Bühne geben und ein Publikumsgespräch mit den Zuschauern im Chat. Pause also. Auf Toilette, was trinken, wie im Theaterfoyer, aber zu eben Hause. Mir fehlt gerade jemand zum Reden, Theater ist auch Begegnungsort – gewesen. Wird es auch wieder!

200 Zuschauer gehen nicht ins Theaterchen

Bei YouTube geht es weiter. „Hallo Welt da draußen“, sagt Pešl. Eigenartig habe es sich angefühlt, den ersten Livestream überhaupt zu machen, aber schon auch wie Theater, den live ist live, „was gesagt ist, ist gesagt“, inklusive Versprecher (von denen es echt wenig gab).Angst, Ekstase, Zweifel, Unsicherheit – all die Gefühle, die wir vermutlich alle gerade irgendwie haben – seien zur Sprache gekommen, es sei eine Verbundenheit entstanden, wenn auch nur virtuell. Fast 200 Leute hätten in Spitzenzeiten zugesehen, „mehr Leute, als wir hier in unser Theaterchen reinbekommen“. (Das Bruchwerk bietet Platz für 80.)

Tschernobyl und Telefon

Milan Pešl stellt den Österreicher Werner Hahn vor, der sich an Tschernobyl in den 80er-Jahren erinnert fühlt, Werner Hahn stellt Levia Murrenhoff vor, deren Oma, wenn sie in diesen Tagen kein Telefon hätte, „kein richtiger Mensch“ wäre, Murrenhoff, Tollmut-Schauspielerin und Biologielehrerin, stellt Milan Pešl vor, der sich über volle Regale im Dornseifer-Markt verwundert, während die Stimmung allgemein apokalyptisch ist.Jemand fragt, wie man die Texte ausgewählt habe. Hahn und Pešl hätten eigene Texte verfasst, ansonsten sei ein großes Konvolut an literarischen Texten entstanden, das Melancholie oder Trotz, Angst oder Unsicherheit abbilde. David Penndorf hat die Auswahl getroffen.

Ein Livestream ist schon fast wie Theater

Die drei reden über persönliche Erfahrungen – schauen wir uns in diesen unkörperlichen Zeiten mit Abstandsregeln mehr in die Augen oder weniger? – und sprechen übers Theater. Wird es wieder so einen Livestream geben? „Wir wissen es nicht“, sagt Pešl, „aber wir sind neugierig drauf.“ Ein Livestream sei näher am Theater, wie wir es kennen, als eine Aufzeichnung, „es kann sein, dass wir in diese Richtung weitergehen“.

Lachen über Klopapier tut gut

Wie ist geprobt worden? Zwei Mal, mit Abstand, im Austausch in einer Whatsapp-Gruppe, „schräg, aber machbar“ (Pešl). „Wir haben mehr zugehört“, sagt Werner Hahn, jetzt dichter am Mikro und besser zu verstehen als während der Lesung. „Jeder ist auf seiner Insel“, beschreibt Murrenhoff ihr Erleben, „allein, und trotzdem können wir Energie versenden.“ Auch übers Klopapier wird geredet, da können alle mal lachen, das verschafft Erleichterung.

"schön, liebevoll, gedankenvoll, kurzweilig..."

Wie gut die Aktion allen getan hat, lässt sich sodann im Live-Chat verfolgen. Viele schicken Bildchen mit Daumen hoch, mit klatschenden Händen. Nutzer Bungalow Joe schreibt: „leute wie ihr machen mir hoffnung, dass wir mit erfrischenden einsichten aus dieser verwirrenden zeit rauskommen.“ „applaus, applaus“, schreibt Zuschauerin mariaming, „Das war so schön und liebevoll, gedankenvoll, kurzweilig, tiefgängig … Hach!“ Und um 21.45 Uhr ist Schluss, der Chat leert sich; alle sind schon zu Hause. Und waren trotzdem im Theater. Die Krise als Chance – genutzt!

Zu Beginn Kanal gewechselt

Mittwoch, der Tag danach. Anruf bei David Penndorf, Dramaturg, Bühnenbildner, Kameralenker bei „Quarantäne – Eine Endzeitdekadenz“. Was war da los zu Beginn? „Uns ist, kurz bevor’s losging, die Technik abgeschmiert, wir mussten den YouTube-Kanal wechseln.“ Ab 19.40 Uhr habe man live gesendet. Der Stream sei jetzt nicht mehr verfügbar für die Öffentlichkeit. Gefilmt habe er mit dem Smartphone auf einem Dreibein, „wir sind eben ein Theater und kein professioneller YouTube-Kanal“, erklärt Penndorf.

Rührende Rückmeldungen und Spenden

Viele positive, anrührende Rückmeldungen hätten sie erhalten am Mittwoch, etwa von einer verzagten, alleinerziehenden Mutter, die sich durch den Livestream „viel lebendiger, viel weniger allein“ gefühlt habe. Da können einem schon mal die Tränen kommen. Der hilfreiche „Anstandsredner“, der im Chat die Werke parat hielt, sei Tim Lechthaler gewesen, der Geschäftsführer des Bruchwerk-Theaters. Insgesamt seien an dem Abend etwa 350 Euro an Spenden für das Theater eingegangen – „superschön“. Penndorf vermutet allerdings, dass das so war, weil es das erste Mal war, und dass das auf Dauer so nicht bleiben wird.

Penndorf: Laufende Kosten machen Sorgen

In Sachen Finanzierung macht sich der Theatermacher schon Gedanken. Die freien Schauspieler und Workshopleiter hätten alle Anträge auf Soforthilfe für Künstler gestellt, Lechthaler – eben Geschäftsführer und kein Künstler – könne das nicht. Das größte Problem für das privat geführte, im April 2019 eröffnete Bruchwerk-Theater seien die laufenden Kosten für Miete, Versicherung, Strom und Internet. „Ein, zwei Monate kommen wir klar, drei Monate werden schon schwierig.“ Land und Kreis seien sich der Problematik bewusst, aber es gebe noch nichts Konkretes – „verständlich“, so Penndorf.

Autor:

Regine Wenzel (Redakteurin) aus Siegen

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