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Der Dicke Turm und das Glockenspiel
Schräg, aber schön!

Das Glockenspiel  hoch oben im Dicken Turm: Von hier aus fliegen die Töne übers Land.
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  • Das Glockenspiel hoch oben im Dicken Turm: Von hier aus fliegen die Töne übers Land.
  • Foto: Udo Demandt/Uni Siegen
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gmz - Hinter dem Glockenspiel steckt eine Geschichte unserer Erinnerungskultur.
gmz Siegen. Von hier aus also fliegen die Töne des Glockenspiels weit über die Sieg, die Kölner Straße hinauf oder hinab in die Friedrichstraße. Ich stehe im hohen, lichten Turmzimmer des Dicken Turmes am Unteren Schloss und folge mit meinen Blicken den Tönen, die über mir erklingen. Weit über mir, denn das Glockenspiel hängt ganz oben im Turm. Udo Demandt, Haustechniker der Uni Siegen, die den Turm verwaltet, öffnet mit Schwung die Luke in der hohen Decke und...

gmz - Hinter dem Glockenspiel steckt eine Geschichte unserer Erinnerungskultur.
gmz Siegen. Von hier aus also fliegen die Töne des Glockenspiels weit über die Sieg, die Kölner Straße hinauf oder hinab in die Friedrichstraße. Ich stehe im hohen, lichten Turmzimmer des Dicken Turmes am Unteren Schloss und folge mit meinen Blicken den Tönen, die über mir erklingen. Weit über mir, denn das Glockenspiel hängt ganz oben im Turm. Udo Demandt, Haustechniker der Uni Siegen, die den Turm verwaltet, öffnet mit Schwung die Luke in der hohen Decke und holt eine lange Leiter herbei, zieht sie aus und lehnt das schwankende Gebilde an die Luke, ganz oben in der Decke … 

Glockenspiel nur über  Leitern erreichbar

Dort oben, noch eine weitere Leiter höher im Dachstuhl, hängt das Glockenspiel mit seinen 25 Bronze-Glocken, die von „ais“ bis „c“ gestimmt sind und ein Gesamtgewicht von 17 711 Kilogramm Bronze an die Holzbalken bringen. Der Aufstieg ist nichts für Nicht-Kletterer und auch nichts für Menschen mit Höhenangst oder Schwindel-Problemen … 
Aber auch der Blick aus dem Turmzimmer über Stadt und Tal ist faszinierend, in die Straßen der Stadt, die von hier wie Gassen wirken, über die Dachlandschaften und auf die Plätze und Höfe. Kein Wunder bei der dichten und recht hohen Bebauung, dass man das Glockenspiel vor allem in der Kölner Straße bis zum Marktplatz und zum Kölner Tor hört, in der Friedrichstraße vielleicht noch, aber viel weiter nicht. –

Dicker Turm beherbergte Künstler-Ateliers

In diesem Raum befand sich übrigens einmal das Atelier des weit über die Region hinaus bekannten Künstlers Reinhold Koehler, den seine Dé- und Contre-Collagen bekannt machten. Da in dem Raum kein Wasseranschluss war (und keine Toiletten), ging er in den späten 1950er-Jahren immer in die 
gerade wieder erbaute Buchhandlung Nohl, schräg gegenüber, um dort Wasser zu holen, wie Buchhändlerin Ruth Nohl vor Jahren der SZ erzählte. Auch der Künstler Uwe Pieper arbeitete dort an seinem neuen Blick auf alte Kunst und unsere Zeit, bevor er ins Obere Schloss zog und dann in die Saenger-Stiftung. –

Zarte Töne, aber "schief"

Zart und fast zerbrechlich klingen die Töne des Glockenspiels – zunächst. Rührend altmodisch. Wenn der erste Ton erklingt, ist man berührt. beim zweiten Ton fragt man sich: Könnt Ihr die Glocken nicht mal stimmen?!? Die Glocken scheinen alle jenen Viertelton „schief“ zu sein, der das Gehört peinigt (zumindest kommt es mir so vor). Und trotzdem freut man sich, wenn man das Glockenspiel hört, morgens um 9 (außer sonntags) und um 11 Uhr, nachmittags um 15 Uhr und abends um 18 und um 20 Uhr: Die Lieder sind saisonal unterschiedlich und an die Tageszeit angepasst.

53 Lieder kennt das Glockenspiel

Sarah Wissenbach von Kultur-Siegen ist für die Programmierung zuständig: Sie hat eine Liste von 53 Liedern, die in die Steuerung des Glockenspiels einprogrammiert sind und aus denen sie auswählen kann: „Eine schöne Aufgabe“, sagt sie im Gespräch mit der SZ. Nach Totensonntag stellt sie auf Weihnachtslieder um, nach dem 6. Januar kommen dann die Frühjahrslieder, Sommerstücke, Herbstlieder. Dazu Morgen- und Abendlieder. Wissenbach hat für jeden Wochentag eine andere Abfolge programmiert, damit man auch mal alle Lieder hören kann. Vielleicht wird das Repertoire mal um zeitgenössische Klassiker erweitert?!?

Glockenspiel wird 1955 eingeweiht

Hergestellt wurde das Glockenspiel für den im Krieg nicht zerstörten, aber stark in Mitleidenschaft gezogenen Turm im Jahre 1955 von den Firmen Korfhage, die das Spiel eingerichtet hat, und Rincker, die die Glocken gegossen hat. Offenbar war der Guss teurer als im Angebot veranschlagt, weshalb Musiklehrer Hans Königsfeld beauftragt wurde, die Glocken bei Rincker zu überprüfen und die leicht erhöhte Rechnung auf Plausibilität zu prüfen. Königsfeld, Lehrer am Löhrtor-Gymnasium, erläutert in einem Schreiben zur Rechnung, dass es durchaus besser für die Tonqualität der vielen kleinen Glocken sei, wenn mehr Material verwendet werde. Er fügt in dieser Notiz noch an, dass Rincker die Glocken vor der Auslieferung noch nacharbeite, sodass „mit einem vorzüglich sauberen Spiel zu rechnen“ sei … So zumindest die Hoffnung …

Bürger und Verwaltung wollen Gedenkstätte

Der Gedanke, ein Glockenspiel im Dicken Turm anzubringen, steht im Zusammenhang mit dem Wunsch aus „Bürgerschaft und Verwaltung“, wie es in einer Ausarbeitung des Siegener Stadtarchivs zu diesem Thema heißt, ein „würdiges Mahnmal für die Opfer des Weltkrieges“ bzw. für „alle Opfer des Hitler’schen Verbrecherregimes“ auf einem „dafür besonders geeigneten Platze“ zu errichten. 1951 kam die Idee auf, am 13. Oktober 1954 wurde ein Gedenkstättenverein durch die „Stadtverordnetenversammlung“ gegründet. Der Ort war auch gefunden: Am Dicken Turm sollte das Mahnmal sein, ein Glockenspiel gehörte dazu. Gedacht werden sollte, so der Plan im Jahr 1954, der Opfer des Ersten und Zweiten Weltkriegs.

Plan innerhalb eines Jahres umgesetzt

Im März 1955 wurde ein Antrag zur Errichtung der Gedenkstätte an Justizminister von Amelungen gestellt (der Justizfiskus war damals Eigentürmer des Unteren Schlosses und des Turmes), der auch genehmigt wurde. Die Glocken wurden im Juni 1955 bestellt, nachdem eine Glockenkommission sich in verschiedenen Städten mit Glockenspielen umgehört hatte: Die Glockenspielanlage stellte die Firma Korfhage und Söhne in Buer her, die Bronzeglocken kamen von der Firma Rincker (Sinn).

Gedenkstätte 1959 eingeweiht

Am 15. Dezember 1955 wurde das Glockenspiel montiert und abgenommen, am nächsten Tag, dem 16. Dezember, wurde das Glockenspiel mit einem Festakt übergeben, die Gedenkstätte wurde am 16. Dezember 1959, also vier Jahre später, eingeweiht, wie die Siegener Zeitung am 17. Dezember 1959 berichtet. Die Feier war verbunden mit einer Mahnung „zum Frieden“, wie es in dem Artikel heißt.

Zur Einweihung "Ich hatt einen Kameraden" gespielt

Erstmals erklang das Glockenspiel am 16. Dezember 1955 mit „Ich hatt’ einen Kameraden“ und „Mit Ernst, o Menschenkinder“. „Den Toten zum Gedächtnis, den Lebenden zur Mahnung“ trägt die größte der Glocken als Inschrift. 45 000 D-Mark haben das Glockenspiel und seine Anbringung insgesamt gekostet.
Nun erklingt das Glockenspiel nicht nur zum Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewalt, sondern täglich. Ursprünglich wurde festgelegt, dass das Glockenspiel morgens um 6.30, nachmittags um 16 und abends um 21 Uhr erklingt. Die ersten Lieder haben Stadtbaurat Simony und Studienrat Königsfeld ausgesucht, heißt es vom Archiv.

Heute digital gesteuert

Jahrzehntelang steuerte eine analoge Anlage im Turmzimmer das Spiel, bis sie vor einigen Jahren mutwillig in einem Akt des Vandalismus zerstört wurde und durch eine digitale Anlage ersetzt wurde. In die alte Steuerung programmierte Sigfried Fiedler, lange Jahre Leiter der Jugendmusikschule Siegen, neue Lieder ein, erinnert sich Astrid Schneider, Leiterin von Kultur-Siegen. Regelmäßig wartet die Firma Korfhage die Anlage und die Glocken. So richtig „rein“ klingen sie im Zusammenspiel aber nie …  Aber vielleicht ist das auch schwierig, denn die Melodien müssen ja zu den unveränderbaren Tönen der Glocken passen … 

Fünfmal Glockenspiel, fünf Lieder pro Tag

Und wenn an diesem Mittwoch um 9 Uhr „Hoch auf dem gelben Wagen“ erklingt, um 11 dann „Das Wandern ist des Müllers Lust“, um 15 Uhr „Ännchen von Tharau“, um 18 Uhr „Der Mond ist aufgegangen“ und der Tag dann um 20 Uhr mit „Guten Abend, euch allen“ beschlossen wird, freut man sich über den Gruß vom Turm.

Autor:

Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin) aus Siegen

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