24 Stunden für Ahmet Altan
Schülerin aus Eiserfeld bei bundesweitem Projekt

Sara Chamss (17) übernimmt eine Stunde der 24-Stunden-Online-Lesung rund um den türkischen Intellektuellen Ahmet Altan. Er ist in Haft.
  • Sara Chamss (17) übernimmt eine Stunde der 24-Stunden-Online-Lesung rund um den türkischen Intellektuellen Ahmet Altan. Er ist in Haft.
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ciu/sz Eiserfeld/München. Die eindringlichen, wummernde Klänge durchbrechen junge Stimmen: „Ich öffne die Tür. Sie kommen herein mit den Worten: ,Es liegt ein Befehl zur Durchsuchung und Abführung in Untersuchungshaft vor.“ Wenige Sätze, die ein Leben verändern. Der türkische Intellektuelle Ahmet Altan wird verhaftet, später erfolgt ein Urteil: „Lebenslänglich!“ Der Journalist hat etwas getan, das den Mächtigen seines Landes missfällt: Er hat seine Meinung geäußert. Von „unterschwelligen Botschaften“ ist die Rede, 2016, als in der Türkei Teile des Militärs versuchten, den Staatspräsidenten Erdogan zu stürzen. Das Unterfangen schlug fehl. Es kam zu massenweisen Verhaftungen – auch zu jener Altans. Doch der hat seine Stimme nicht verloren. Im September 2018 erschien sein Buch „Ich werde die Welt nie wiedersehen“, und in diesen „Texten aus dem Gefängnis“ ist auch das zu lesen: „Ich schreibe dies in einer Gefängniszelle. Aber ich bin nicht im Gefängnis. Ich bin Schriftsteller. (…) Sie mögen die Macht haben, mich ins Gefängnis zu sperren; im Gefängnis halten können sie mich nicht.“

Sara Chamss agiert bei gee whiz!

Diese Sammlung teilweise sehr persönlicher, fast philosophischer Texte, in denen Ahmet Altan auf eindringliche Weise über Freiheit, über sein Leben im Gefängnis und die politische Situation in der Türkei schreibt, lassen jetzt junge Menschen aus Deutschland hören. An diesem Freitag beginnt um 19 Uhr eine 24-Stunden-Online-Lesung, an der sich mit der 17-jährigen Sara Chamss auch eine Schülerin der Gesamtschule Eiserfeld beteiligt. Seit zwei Jahren gehört sie zur Schultheatergruppe gee whiz!, und als Lehrer Lutz Krämer auch bei anfragte, ob sie nicht Lust habe, sich an diesem bundesweiten Projekt zu beteiligen, sagte sie umgehend zu. Sie hoffe, sagt sie zur SZ, „dass viele Menschen aufmerksam werden“. Jeder solle seine Meinung frei äußern dürfen und nicht für seine Haltung ins Gefängnis müssen. Und so wird Sara Chamss in der kommenden Nacht – voraussichtlich zwischen 0 und 1 Uhr – gemeinsam mit Marie aus Dortmund eine Stunde lang mit immer wiederkehrenden Worten Ahmet Altans, dazu mit Videosequenzen oder auch einfach mit Momenten des Schweigens und Schauens gestalten. Die Länge eines Tages durchmessen die beiden damit gemeinsam mit Schülerinnen und Schüler der Oberstufentheatergruppe des Ernst-Mach-Gymnasiums München-Haar und mit Studierenden der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Geschwister-Scholl-Preis für Altan

„Wir versuchen, durch ständiges Wiederholen der immer gleichen Textstelle Monotonie und Gleichförmigkeit erfahrbar zu machen und so auf den Alltag der Inhaftierten zu verweisen“, schreiben die Initiatoren rund um Theaterleiter Thomas Ritter in einer Mitteilung. Und weiter: „Was das mit uns machen wird? Wir wissen es nicht. Wir wollen es zusammen mit den Zuschauer/-innen, die uns stückweise begleiten, erleben.“Die jungen Menschen wollten durch diesen Lesemarathon auf die unhaltbare und menschenrechtsverletzende Situation von Ahmet Altan und anderen aus zweifelhaften Gründen in der Türkei und weltweit Inhaftierten aufmerksam machen. Ahmet Altan wurde am 25. November 2019 in München den Geschwister-Scholl-Preis in Abwesenheit verliehen. Im Zuge der Corona-Krise entließ die Türkei rund 90 000 Inhaftierte, das Amnestiegesetz gelte aber nach wie vor nicht für die politischen Gefangenen. Der 70-jährige Ahmet Altan befinde sich (wie andere Schriftsteller, Intellektuelle und Regierungskritiker) immer noch in Haft.

Ursprünglich sollte es im März eine szenisch-performative Aufführung des Gesamttextes geben . Dann musste die Arbeit am Theaterstück wegen der Corona-Krise jäh abgebrochen werden. Es wurde diese neue Form gefunden und entwickelt. Wer in diese 24-Stunden-Online-Lesung hineinhören und -sehen möchte findet am Aufführungstag ab 18.45 Uhr über www.blickwechsel.theater einen Zugang. Der Eintritt ist frei, die Veranstalter freuen sich gleichwohl über Spenden, die u. a. Organisation „Writers in Prison“ zur Verfügung gestellt werden.

"Spurensuche" deutschlandweit beachtet

Der Brückenschlag von München nach Siegen erfolgte über die Bekanntschaft der Schultheaterleiter Krämer/Ritter. Der Kollege aus München führe immer wieder politische theaterpädagogische Projekte durch, so Krämer. So sei dessen Stück „Spurensuche“, in dem es um Euthanasie in einem Münchener Stadtteil Haar zur NS-Zeit geht, über 60 Mal im gesamten Bundesgebiet aufgeführt worden und auch für das wegen Corona abgesagte Theatertreffen der Jugend 2020 in Berlin nominiert gewesen. Krämer hofft, dass „Spurensuche“ irgendwann auch einmal in Siegen zeigen zu können.

Autor:

Claudia Irle-Utsch (Redakteurin) aus Siegen

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