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Michael Meinhard fotografiert Kaugummiautomaten
Seriell und dokumentarisch - wie die Bechers

Fundort: die Siegener Leimbachstraße. Hier hängt der Kaugummiautomat an einer gekachelten Wand. Das „vernachlässigte Zentrum frühen Konsums“, also der Automat, weckt bei vielen Kindheitserinnerungen. Das jeweilige Umfeld ist für den Fotografen Michael Meinhard ebenso von Interesse.
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  • Fundort: die Siegener Leimbachstraße. Hier hängt der Kaugummiautomat an einer gekachelten Wand. Das „vernachlässigte Zentrum frühen Konsums“, also der Automat, weckt bei vielen Kindheitserinnerungen. Das jeweilige Umfeld ist für den Fotografen Michael Meinhard ebenso von Interesse.
  • Foto: Michael Meinhard
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

zel Siegen/Bonn. Was kommt dabei raus? Der Flummi? Der Ring? Oder nur ein Kaugummi? Für kleines Geld kann man so viel Spaß und Spannung haben! Man muss es nur in den Geldschlitz eines Automaten stecken, am Griff drehen, auf das Klickern warten und die Klappe zum Schacht öffnen, dorthin, wo der neue Schatz zum Liegen kommt. Der soeben getätigte Kauf ist oft „das erste selbstverwaltete Konsumerlebnis“ als Kind, wie Michael Meinhard in seinem Buch schreibt.
Es trägt den Titel „Vernachlässigte Zentren frühen Konsums“. Die Automaten sehen nicht immer schön aus, die Farbe blättert ab, sie sind bemalt oder beklebt, das Umfeld ist schrammelig – oder sie werden ganz abgebaut, hinterlassen eine Lücke, wie, wenn man ein Bild von einer Wand abnimmt, das Jahrzehnte gehangen hat.

zel Siegen/Bonn. Was kommt dabei raus? Der Flummi? Der Ring? Oder nur ein Kaugummi? Für kleines Geld kann man so viel Spaß und Spannung haben! Man muss es nur in den Geldschlitz eines Automaten stecken, am Griff drehen, auf das Klickern warten und die Klappe zum Schacht öffnen, dorthin, wo der neue Schatz zum Liegen kommt. Der soeben getätigte Kauf ist oft „das erste selbstverwaltete Konsumerlebnis“ als Kind, wie Michael Meinhard in seinem Buch schreibt.
Es trägt den Titel „Vernachlässigte Zentren frühen Konsums“. Die Automaten sehen nicht immer schön aus, die Farbe blättert ab, sie sind bemalt oder beklebt, das Umfeld ist schrammelig – oder sie werden ganz abgebaut, hinterlassen eine Lücke, wie, wenn man ein Bild von einer Wand abnimmt, das Jahrzehnte gehangen hat. Oder sind sie vernachlässigt, weil wir sie vergessen haben?

Michael Meinhard stammt aus Siegen und lebt und arbeitet in Bonn. Seine Kaugummiautomaten fotografiert er in ganz Deutschland.
  • Michael Meinhard stammt aus Siegen und lebt und arbeitet in Bonn. Seine Kaugummiautomaten fotografiert er in ganz Deutschland.
  • Foto: Mirène Schmitz
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

2019 ist ein Fotobuch entstanden

Aber es gibt sie noch, auf dem Land, in der Stadt – Grund genug für den gebürtigen Siegener, seit 2008 Automaten mit der Fotokamera zu sammeln. 2019 ist aus dem Projekt ein Fotobuch geworden (ein richtiges „Coffee Table Book“, www.kaugummiautomatenbuch.de). Außerdem zeigt Meinhard bei Instagram seine Arbeiten – hier betreibt er den Account centers_of_early_consumption. Es lässt sich viel Schönes entdecken für den, der den Sinn dafür hat.

Seinen Bildern auf Instagram gibt Michael Meinhard immer den Hashtag #kindheitserinnerung mit. Sein Erstkontakt mit einem Kaugummiautomaten war auf jeden Fall in Siegen, wo genau, daran kann er sich nicht erinnern. Hier wurde er 1966 geboren, aufgewachsen ist er in der Dreisbach, zur Schule gegangen Auf der Morgenröthe. Schon in der Jugend und während des Zivildiensts in einem Behindertenwohnheim der AWo interessierte sich der junge Mann für Fotografie, er fotografierte Bands und war einer, der Kassettencover liebe- und kunstvoll gestaltete, erzählt er. Ein Praktikum beim Fotostudio Fuhrmann hat er absolviert, aber dann doch nicht Fotodesign in Dortmund studiert, sondern Biologie in Bonn. Nach der Promotion folgten vier Jahre an der TU in München.

Fotografie ist kreativer Ausgleich

Dann 2004 Neuorientierung. Digitale Fotografie, Grafikdesign für Biotech-Firmen – „der Mut der Verzweiflung“ führte in die Selbstständigkeit, erinnert sich Meinhard. 2006 lernte er Reinhard Bosse kennen, einen Grafikdesigner, mit dem er seit 2006 in Bonn eine Agentur für Wissenschaftskommunikation betreibt. Die Fotografie hat ihn nie losgelassen, ist Steckenpferd geblieben und kreativer Ausgleich. Auf dieser Spielwiese tummelt er sich seit 2008 mit dem Langzeitprojekt Kaugummiautomaten.

Stadtautomat: Siegen, Frankfurter Straße.

Kontaktlos wie bei Amazon und Ebay

Das erste Bild entstand in der Eifel: ein kleiner Kaugummikasten, weiße Front, roter Rahmen, vor rosa Wand – irgendwie rührend. Ein Gruß aus Wirtschaftswunderzeiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam mit den Amerikanern das Kaugummi nach Deutschland, dann kamen die Automaten. Seine Mutter erinnere sich, dass sie seinerzeit auch Strümpfe aus einem solchen gezogen habe, sagt Meinhard.
Er sieht in den Verkaufsautomaten eine Parallele zum (kontaktlosen) Einkaufen bei Amazon und Ebay. Der „Laden“ ist rund um die Uhr offen, und der Konsument hat keinen persönlichen Kontakt zum Verkäufer. Meinhard hat ihn: Er kennt einige Automatenbetreiber. Da gibt es Alteingesessene wie den, der neben Zigarettenautomaten auch eine vierstellige Anzahl von Kaugummiautomaten bestückt. Und welche, die die Automaten renovieren und nebenberuflich als Liebhaberei betreiben.

Ein bisschen wie Bernd und Hilla Becher

Seit dem ersten Foto aus der Eifel findet Michael Meinhard die Automaten (oder finden sie ihn?) und nimmt sie – auf Kinderaugenhöhe, frontal, in ihrem Umfeld – auf. Und hier ergibt sich eine weitere Verbindung zum Siegerland: Wer wollte bei dieser Art der dokumentarischen Fotografie nicht an das weltbekannte Fotografenpaar Becher, den aus Siegen stammenden Bernd und seine Frau Hilla Becher, denken, an ihre Fördertürme und Fachwerkhäuser? „Da kommt man nicht dran vorbei“, sagt Meinhard und möchte das mit einem Augenzwinkern versehen wissen. Den Ansatz, seriell und dokumentarisch zu arbeiten, teilen die drei auf jeden Fall.

Landautomat: Anzhausen.

Auch Peter Piller ordnet Fotos

Sein Konvolut an digitalen Farbfotos hat Michael Meinhard für das Fotobuch – eine Zwischenbilanz nach zehn Jahren in einer Auflage von 500 – thematisch geordnet, ein bisschen, wie Peter Piller es tut. Der Siegener Rubensförderpreisträger von 2004 sortiert und kategorisiert ebenso eine (allerdings vorgefundene) Sammlung von Fotos. Es gibt sie von allen Sorten, in verschiedenen Formen und Farben, sie hängen an bemalten, gekachelten, besprühten oder unverputzten Wänden, in manchen Fenstern nebenan wurden die Rollläden am Tag der Aufnahme nicht hochgezogen. Auf dem Land hängen sie an Fachwerkhäusern, am Rand der Stadt stehen sie oft auf Säulen zwischen Bürgersteig und Grünstreifen, und in der Stadt ist das Umfeld oft rau: Sexshop und Kaugummiautomat, der sich doch an die kindliche Käuferschicht richtet – komische Mischung. Das letzte Kapitel ist dasjenige, das das Verschwinden dokumentiert. Abgefackelt oder als „Exoskelett“ vor sich hin rostend: Hier ist nichts mehr zu sehen. Alle Fotos zeigen viel mehr als die Kaugummiautomaten. Sie zeigen Deutschland.

Automat auf Säule: Lannesdorf/NRW.

Milch, Wurst, Mangas und Unterwäsche

Es ist kein Wunder, dass Siegen und das Siegerland in Michael Meinhards Bilderfundus gut vertreten ist. Er ist immer mal wieder hier, natürlich mit Kamera. In Siegen hingen Kaugummiautomaten oftmals im Umfeld von Schulen oder Jugendzentren, hat er beobachtet. Hier geht was mit kleinen Geldbeträgen. Konkurrenz für die Automaten sind Büdchen und Kioske; Tante-Emma-Läden sind ja auch schon größtenteils verschwunden.  Ob wohl Automaten ein Revival erleben, gerade in diesen gewollt kontaktarmen Zeiten? „Es gibt Milchautomaten beim Bauern, Wurstautomaten beim Metzger“, weiß der Experte, der schon eine Reise in das Automatenland schlechthin unternommen hat: nach Japan. Hier werden Mangas, Spielzeug und Unterwäsche in Automaten verkauft. „Das finde ich auch spannend“, sagt Meinhard, aber die Reise war zu kurz, um das vernünftig zu fotografieren.

Blick auf Schiffe von oben

Neben den Kaugummiautomaten hat Michael Meinhard noch ein zweites Foto-Langzeitprojekt am Laufen: Es heißt „Verschiffungen“ und ist ebenso dokumentarisch wie ästhetisch gelungen: Der Fotograf steht auf einer Brücke und fotografiert von oben die fahrenden Schiffe. Präsentiert werden die Bilder in Viererpäckchen, die von gleichen Farben oder Formen zusammengehalten werden.

Ausstellung mit Ingo Schultze-Schnabl geplant

Verschwundener Automat: Bonn.

Eigentlich wollte Meinhard seine Arbeiten schon in diesem Frühjahr mit seinem ehemaligen Kunstlehrer Ingo Schultze-Schnabl in dessen Atelier in Neunkirchen ausstellen. Den August-Termin haben die beiden auch verschoben – die Räumlichkeiten sind einfach zu klein zum Abstandhalten –, aber für nächstes Jahr ist fest etwas geplant. Bis dahin lohnt ein Blick auf die Instagram- oder Webseite (www.mm-foto.de). Und ganz sicher der Einsatz von einigen Cent am nächsten verfügbaren Automaten, allein um der alten Zeiten willen! Ob nach 20, 40 oder 60 Jahren endlich mal der Ring rauskommt?

Autor:

Regine Wenzel (Redakteurin) aus Siegen

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