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"Die Wolken und die Wolke" im Museum für Gegenwartskunst
So poetisch wie technologisch

Wolken wie Kulissen, "wie gemalt": Latifa Echakhchs Arbeit muss man von vorne und von hinten sehen.
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  • Wolken wie Kulissen, "wie gemalt": Latifa Echakhchs Arbeit muss man von vorne und von hinten sehen.
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zel Siegen. Ein Stück Siegener Himmel zum Mitnehmen, bitte! Das wird nichts, denn am Stück gibt es ihn nicht. Doch dank ihrer Wolkenmaschine wird die französische Künstlerin Marie-Luce Nadal die Luft, die sie draußen eingefangen und durch ihren wundersamen Apparat geschickt hat, am Ende der Ausstellung „Die Wolken und die Wolke“ als ein paar Tröpfchen Essenz mit nach Paris nehmen und dort daraus – in einem geschlossenen Gefäß – wieder Siegener Wolken erzeugen. Was Kunst alles kann! Und was Wissenschaft und Technik alles können! Die drei im Verbund sind fabelhaft.
Sachen gibt's: eine "Wolken-Fabrik"!
Nadals „Wolken-Fabrik“ ist ab Freitag bis zum 10.

zel Siegen. Ein Stück Siegener Himmel zum Mitnehmen, bitte! Das wird nichts, denn am Stück gibt es ihn nicht. Doch dank ihrer Wolkenmaschine wird die französische Künstlerin Marie-Luce Nadal die Luft, die sie draußen eingefangen und durch ihren wundersamen Apparat geschickt hat, am Ende der Ausstellung „Die Wolken und die Wolke“ als ein paar Tröpfchen Essenz mit nach Paris nehmen und dort daraus – in einem geschlossenen Gefäß – wieder Siegener Wolken erzeugen. Was Kunst alles kann! Und was Wissenschaft und Technik alles können! Die drei im Verbund sind fabelhaft.

Sachen gibt's: eine "Wolken-Fabrik"!

Marie-Luce Nadal  fängt mit ihrer "Wolken-Fabrik" die Siegener Luft ein. Ein paar Tröpfchen Essenz daraus wird sie mit nach Paris nehmen und dort daraus wieder Siegener Wolken erzeugen.
  • Marie-Luce Nadal fängt mit ihrer "Wolken-Fabrik" die Siegener Luft ein. Ein paar Tröpfchen Essenz daraus wird sie mit nach Paris nehmen und dort daraus wieder Siegener Wolken erzeugen.
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Nadals „Wolken-Fabrik“ ist ab Freitag bis zum 10. Januar 2021 in der neuen Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst Siegen zu sehen – der zweiten von Museumsdirektor Thomas Thiel und Kuratorin Ines Rüttinger. Der Titel der Schau ist präzise, denn es geht genau darum: um die Wolke, die als Modell etwa in der Computertechnologie für neue Raumvorstellungen steht (z. B. „Cloud Computing“/„Cluster“), und die Wolken, die wir am Himmel sehen – Natur-Phänome, die Künstler aller Disziplinen seit dem Mittelalter, verstärkt im 19. Jahrhundert und bis heute interessiert. Wolken zu malen, ist zeitlos-modern.

Kein Caspar David Friedrich 

Die Ausstellung, die rund 80 Arbeiten von 15 internationalen Künstlerinnen und Künstlern präsentiert, zeigt Kunst mit Wolke/-n aus aktueller Perspektive – so poetisch wie technologisch. Ein Caspar David Friedrich ist nicht dabei, auch kein John Constable. Die Schau, die am Freitagabend coronabedingt „fließend“ von 19 bis 22 Uhr eröffnet wird, ist wunderbar komponiert; man kann sich hier ausgiebig wundern, in wie vielen Zusammenhängen die Wolke in unserem Leben vorkommt und wie man sie darstellen, mit ihr künstlerisch arbeiten kann, und ist doch nicht erschlagen.

"Ich sehe ein Gesicht, siehst du ein Gesicht?", fragt die Künstlerin Flaka Halitis.
  • "Ich sehe ein Gesicht, siehst du ein Gesicht?", fragt die Künstlerin Flaka Halitis.
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Wer sieht ein Gesicht?

Die Wolken: An den Anfang hat Thomas Thiel eine Arbeit aus der Sammlung Gegenwartskunst des Museums gesetzt: Hans-Peter Feldmanns „Wolken“ von 2004. Die 16 fotografierten weißen Wolken vor blauem Himmel hängen über Eck und formen selbst eine Wolke. Flaka Haliti hat für „I See A Face, Do You See A Face“ in ihre Wolkenbilder digital Gesichter hineingezeichnet. Ein uraltes Spiel und herrlicher Zeitvertreib: Wolken ziehen dahin, was sehen wir darin? Gesichter? Oder nicht?

Eine Wolke aus Siegener Wasserflaschen

Viel Arbeit für die Kuratorin: Möglichst alle in Siegen kaufbaren Wasserflaschen formen nach dem Konzept von David Horvitz die ortsbezogene Arbeit „Imagined Clouds“. Diese Wolke im Museum für Gegenwartskunst setzt sich aus 400 Flaschen zusammen und macht auf den Kreislauf von Wasser und den Recycling-Kreislauf der Behälter aufmerksam.
  • Viel Arbeit für die Kuratorin: Möglichst alle in Siegen kaufbaren Wasserflaschen formen nach dem Konzept von David Horvitz die ortsbezogene Arbeit „Imagined Clouds“. Diese Wolke im Museum für Gegenwartskunst setzt sich aus 400 Flaschen zusammen und macht auf den Kreislauf von Wasser und den Recycling-Kreislauf der Behälter aufmerksam.
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Eine besondere Wolke ist nach dem Konzept von David Horvitz entstanden: „Imagined Clouds (Siegen)“ besteht aus rund 400 Wasserflaschen, die Ines Rüttinger in der Stadt dafür gekauft hat. Lokale, stille, Medium- und Sprudelwässer, welche aus Deutschland und von ganz weit her, in Glas- und Plastikflaschen, grün und durchsichtig, klein und groß formen auf dem Boden installiert eine Wolke. „Sie sind herausgenommen aus dem Wasser- und dem Recycling-Kreislauf“, erklärt die Kuratorin, und damit in dem Moment etwas Besonderes. Die Arbeit, die zeitgleich auch in Berlin und Avignon zu sehen ist, ist überall eine andere.

Wolken kennen keine Grenzen

Die Wolkenkunst hat immer etwas mit Teilchen oder Partikeln zu tun. Shilpa Gupta hat Wolken an der Grenze zwischen Indien und Bangladesch fotografiert, Wolken, für die es keine Grenze gibt. In ihren Materialbildern hat sie Motorteile verarbeitet, die dort laut Thiel über die Grenze geschmuggelt werden, um auf der anderen Seite wieder Teil eines Autos zu werden.

Bewegung in den "Kulissen" notwendig

Wolken wie Kulissen, "wie gemalt": Latifa Echakhchs Arbeit muss man von vorne und von hinten sehen.
  • Wolken wie Kulissen, "wie gemalt": Latifa Echakhchs Arbeit muss man von vorne und von hinten sehen.
  • Foto: René Traut
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Die typische, fast naiv anmutende Wolkenform hat Latifa Echakhch mehrfach in einen Raum gehängt – an Seilen, wie Kulissen. Die Wolken empfangen den Besucher ganz in Schwarz. Geht man um die Installation herum, vorbei an einer Kiste mit Schallplatten und einer Fotokamera (beides schwarz bemalt und so analog, wie man es sich nur denken kann), sieht man auch die andere Seite: duftig, leicht, „wie gemalt“. Man muss sich schon bewegen, um das ganze Bild zu sehen.

Nicht romantisch: Wolke aus Kohlendioxid

Mit „naiven“ Wolken(-schablonen) arbeitet auch Benoît Maire. Er hat für Siegen einen ganzen stimmigen Raum voller Bilder geschaffen, gesprüht und dick aufgetragen, in leuchtendem Neon-Orange, Violett, Dunkelrot, Blautönen, wie Graffiti – Himmel, wie schön. Die Wolke in der Videoarbeit von Almut Linde ist eine aus Kohlendioxid – die Emissionen über dem Braunkohlekraftwerk Frimmersdorf bei Grevenbroich sind alles andere als romantisch.

"Himmel Siegen" zum Wegducken

„Himmel Siegen“: Unter Michael Sailstorfers Arbeit aus verschlungenen Lkw-Reifenschläuchen möchte man den Kopf einziehen - und an den Abrieb, an Feinstaub und unaufhörlichen Verkehr gar nicht denken.
  • „Himmel Siegen“: Unter Michael Sailstorfers Arbeit aus verschlungenen Lkw-Reifenschläuchen möchte man den Kopf einziehen - und an den Abrieb, an Feinstaub und unaufhörlichen Verkehr gar nicht denken.
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Michael Sailstorfer schließlich hat mit „Himmel Siegen“ aus ineinander verschlungenen Lkw-Reifenschläuchen ebenfalls eine düstere Variante geschaffen: Man passt gerade so drunter durch, möchte sich wegducken – und an den Abrieb der Reifen gar nicht denken, an Feinstaub, Smog oder unaufhörlichen Verkehrsfluss.

Algorithmen berechnen Bilder

Die Wolke: Die Kunst, die die „Cloud“ zum Thema hat, ist etwas komplexer. Die Synthese beider Vorstellungs-„Welten“ schafft großartig Trevor Paglen, der Fotografien von dramatisch wirkenden Wolkenhimmeln durch Algorithmen untersuchen ließ: drei Bilder, drei verschiedene Berechnungsarten. Wo sieht die „Maschine“ was? Feine Linien oder Kreise liegen über den Bildern. Was hat sich der Computer dabei „gedacht“, welche Kriterien hat er angewendet? Und welche wendet er an, wenn er unsere biometrischen Passbilder untersucht?

Kabel auf den Sockel gestellt

Elemente, die Berechnungen und Vernetzungen erst möglich machen, stellt Nina Canell auf den Sockel. Ihre „Readymades“ sind Stücke von Kabeln, dick und dünn, die weltumspannende Kommunikation bedeuten und, glatt aufgeschnitten, mit einem „schönen“ farbigen Innenleben aufwarten. Von analog über digital und zurück zu analog geht es bei Christopher Kulendran Thomas. Seine Arbeiten basieren auf digitalisierten „echten“ Gemälden von Künstlern aus Sri Lanka, die vom Westen beeinflusst sind. Mit Cloud-Computern und Algorithmen lässt der Künstler aus dem Datensatz neue Bilder generieren und malen. Wie kreativ ist das denn?

"Clandestine Talks" und rauchende Köpfe

Zur Ausstellung haben die Macher ein Rahmenprogramm zusammengestellt. Unter anderem finden „Clandestine Talks“ mit Experten unterschiedlicher Disziplinen an unzugänglichen Orten im Museum statt – ein Projekt von Lara Favaretto. Das Publikum kann über einen Livestream dabeisein. Ob es zur Dampfwolke über dem Museum, in dem dann gerade so viel gedacht wird, dass einem der Kopf raucht, kommen wird? Das weiß der Himmel.

„Die Wolken und die Wolke“.
4. September 2020 bis 10. Januar 2021,
Museum für Gegenwartskunst, Siegen,
Unteres Schloss 1, Dienstag bis
Sonntag 11 bis 18 Uhr, Donnerstag 11 bis 20 Uhr,
www.mgk-siegen.de.

Autor:

Regine Wenzel (Redakteurin) aus Siegen

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