N.N. Theater zu Gast am Oberen Schloss
Sommerfestival eröffnet mit "Luther! - Ich fürchte nichts"

Martin Luther (Oliver Schnelker) kritisiert, interpretiert und reformiert. Am Samstagabend bei der Eröffnung des 31. Siegener Sommerfestivals amüsierte er auch das Publikum, denn das N.N. Theater Köln präsentierte mit
„Ich fürchte nichts“ ein gleichermaßen nachdenklich stimmendes wie unterhaltendes Theaterstück. Unser Bild zeigt von links: Irene Schwarz, Christine Per, Oliver Schnelker und Michl Thorbecke.
  • Martin Luther (Oliver Schnelker) kritisiert, interpretiert und reformiert. Am Samstagabend bei der Eröffnung des 31. Siegener Sommerfestivals amüsierte er auch das Publikum, denn das N.N. Theater Köln präsentierte mit
    „Ich fürchte nichts“ ein gleichermaßen nachdenklich stimmendes wie unterhaltendes Theaterstück. Unser Bild zeigt von links: Irene Schwarz, Christine Per, Oliver Schnelker und Michl Thorbecke.
  • Foto: Bärbel Althaus
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

ba Siegen. Was haben Giovanni Trapattoni, Donald Trump und Heidi Klums „Germany’s Next Topmodel“ mit Martin Luther zu tun? Auf den ersten Blick rein gar nichts, aber wer am Samstagabend bei der Eröffnung des diesjährigen Siegener Sommerfestivals in den Park am Oberen Schloss gekommen war, um sich mit Luther nach Worms, Wittenberg, Eisleben und Rom entführen zu lassen, wurde eines Besseren belehrt. Denn das N.N. Theater Köln präsentierte mit dem Theaterstück „Ich fürchte nichts“ von George Isherwood einen perspektivisch ungewöhnlichen Blick auf den Reformator und die Zeit, in der er lebte. Gregor Höppners Inszenierung lässt das Publikum teilhaben am Leben und Schaffen Martin Luthers, am Kampf mit seinen inneren Dämonen, seiner unbeholfenen Liebe zu Katharina von Bora (Christine Per), seinem Mut und seinen im tiefsten Inneren ihn real verstopfenden Zweifeln, denen er sich auf der „Kloaka“ mühsam stellt.

Die Devise des Papstes: "Vatikan First"

Während Irene Schwarz zu sphärischen Klängen als auf einem Hoverboard schwebender weiß gewandeter Engel souverän das Publikum durch die Vergangenheit und die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts führt, wobei nicht nur „Abzweigungen und Schleifen“ gekonnt bewältigt werden, sondern auch philosophische Gedankenspiele Raum finden, hadert Luther (Oliver Schnelker) mit dem Papst, der in US-Präsidentenmanier „Vatikan First“ vorantreibt und die verrückten Ideen des Deutschen, den Ablasshandel zu unterbinden, mit „Was erlauben Luther? Ich habe fertig!“ (à la Trapattoni) beenden will. Schließlich braucht er Geld für seinen Petersdom. Zeit also, 95 Thesen zu verfassen. Thesen, die folgenreich für Luther und seine Anhänger sein werden. Historische Ereignisse, gepaart mit Humor und geschickt gespickt mit aktuellen Spitzfindigkeiten, sorgen für tiefsinnige und launige Unterhaltung, die Bernd Kaftan musikalisch am Keyboard untermalt. Wenn Meister Cranach (Irene Schwarz) versucht, Luther geschäftstüchtig bildnerisch zu vermarkten, ihn wie ein Model posieren lässt, „Photoshop“ beschwört und wie Heidi bedauernd mitteilt: „Ich habe heute leider kein Bildnis für dich“, dann hat das Darstellerteam die Lacher auf seiner Seite.

Katharina von Bora kapert Luther als Ehemann

Vor allem die Vielseitigkeit der Akteure begeistert, die in unterschiedliche Rollen schlüpfen, Kostüme wechseln und die Multifunktionalität der Bühne ausreizen. Trotz humoristischer Einlagen wird Luthers Not immer offensichtlicher. Nicht nur, dass er sich mit dem Vorwurf des Bauernführers Thomas Müntzer, er stehe auf der Seite der Obrigkeit, auseinandersetzen muss, sondern er sieht sich gleichermaßen mit seiner Angst vor der „Ursünde“ konfrontiert. Denn Katharina von Bora, die als junge Nonne beinahe an seinen Schriften erstickt wäre, hat seinetwegen das Kloster verlassen und ihn als Ehemann schlichtweg gekapert. Ein vom Teufel initiierter Tanz im rosaseidenen Morgenmantel, um die frisch Angetraute zu verführen, sorgt für Erheiterung. „Du hast Angst vor einer Frau“, erkennt Katharina und wird letztendlich selbst aktiv, was eine muntere Kinderschar zur Folge hat.

100 Zuschauer belohnten Ensemble mit stehenden Ovationen

Doch Luther findet nur kurzfristig inneren Frieden. Er offenbart antisemitische Züge, als er Rabbi Feuerbach zum Christentum bekehren möchte, und zeigt eine Unhöflichkeit, die die widerspenstige Katharina irritiert. Luther hadert mit den Konsequenzen seines Tuns und dem Vorwurf, er habe die Kirche gespalten und sei für die Glaubenskriege verantwortlich. Der Engel stellt erneut die Frage nach der Zeit. „Was also ist die Zeit? Ihr seid die Zeit. Seid Ihr gut, sind auch die Zeiten gut!“ Luther wird letztendlich durch den Tod von seinen Albträumen erlöst. Und die stolze Katharina von Bora, die sich fest an Jesus Christus klammert, betont erneut: „Ich fürchte nichts!“ Fürchten musste auch das Ensemble nichts, denn stehende Ovationen der rund 100 Zuschauer belohnten die großartige Leistung, mit der das 31. Sommerfestival würdig eröffnet wurde.

Autor:

Bärbel Althaus (Freie Mitarbeiterin) aus Wilnsdorf

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