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Tollmut-Theater kurz vor der Premiere von Tschechows "Die Möwe"
"Spiel von Nähe und Distanz"

Zweiter Akt des Dramas „Die Möwe“ von Anton Tschechow, viele der Tollmut-Ensemblemitglieder (v. l.: Charline Kindervater, Antonia Schellert, Peter. N. Ewert, Nika Zh, Pierre Stoltenfeldt und Andrea Küsel) haben einen Auftritt.
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  • Zweiter Akt des Dramas „Die Möwe“ von Anton Tschechow, viele der Tollmut-Ensemblemitglieder (v. l.: Charline Kindervater, Antonia Schellert, Peter. N. Ewert, Nika Zh, Pierre Stoltenfeldt und Andrea Küsel) haben einen Auftritt.
  • Foto: Peter Barden
  • hochgeladen von Peter Barden (Redakteur)

pebe Siegen. Weiß. Die Augen müssen sich daran gewöhnen. Der Boden des Bühnenraums im Bruchwerk-Theater verschwindet unter weißem Kies. Knirschend und laut ist jeder Schritt. „Fast wie ein Zen-Garten“, freut sich David Penndorf. Der Regisseur klopft sich den Steinstaub von den Händen. Im Bühnenraum verteilen Mitglieder des Tollmut-Ensembles am vorigen Freitag das riesige Kies- bzw. Splittpuzzle sorgfältig mit Schaufeln.
SZ war bei "Durchlaufprobe" dabeiGeprobt wird „Die Möwe“, ein Vierakter von Anton Tschechow. Ein Stück, das es in sich hat. Das von der Kunst erzählt, vom Drang zu ihr und vom Scheitern an ihr, das aber auch, weil es um Kunst geht, von den Menschen erzählt, von ihren Sehnsüchten, Einsamkeiten, Ausweglosigkeiten und der immer bangen Frage nach dem Sinn.

pebe Siegen. Weiß. Die Augen müssen sich daran gewöhnen. Der Boden des Bühnenraums im Bruchwerk-Theater verschwindet unter weißem Kies. Knirschend und laut ist jeder Schritt. „Fast wie ein Zen-Garten“, freut sich David Penndorf. Der Regisseur klopft sich den Steinstaub von den Händen. Im Bühnenraum verteilen Mitglieder des Tollmut-Ensembles am vorigen Freitag das riesige Kies- bzw. Splittpuzzle sorgfältig mit Schaufeln.

SZ war bei "Durchlaufprobe" dabei

Geprobt wird „Die Möwe“, ein Vierakter von Anton Tschechow. Ein Stück, das es in sich hat. Das von der Kunst erzählt, vom Drang zu ihr und vom Scheitern an ihr, das aber auch, weil es um Kunst geht, von den Menschen erzählt, von ihren Sehnsüchten, Einsamkeiten, Ausweglosigkeiten und der immer bangen Frage nach dem Sinn. Die SZ hatte die Gelegenheit, das Tollmut-Ensemble bei einer „Durchlaufprobe“ zu begleiten und einen Einblick in die Probenarbeit und die „Komödie“ – so Tschechow selbst – zu bekommen.
Kurz vor fünf am Sonntagnachmittag: David Penndorf ist noch im Dauergespräch, er fährt während der Probe auch die Technik, um zu schauen, wo noch gefeilt werden muss. Mitglieder der Backstage-Crew setzen sich in den Zuschauerraum, vorn nimmt für die Regieassistenz Julia Wiemer mit Skript und Klemmlampe Platz. Die Akteure stellen sich auf.

Ringen um Kunst und Träume

Tschechows Stück spielt im zaristischen Russland. Auf einem Landgut an einem See versammelt ist eine kleine bürgerliche Gesellschaft. Der junge Konstantin Trepljow (Andrés Garcia Dias) will als Schriftsteller debütieren und ein Stück auf einer kleinen Bühne im Garten aufführen, in dem seine Geliebte Nina (Charline Kindvater) die Hauptrolle spielen soll. Seine Mutter Irina Arkadina (Andrea Küsel), eine bekannte Schauspielerin, lässt an ihm und seinen Bemühungen kein gutes Haar und vergleicht ihn mit ihrem Freund Boris Trigorin (David Becker), der ein arrivierter Literat ist. Es kommt zum Eklat zwischen Mutter und Sohn, den erfolglos Marja, die Tochter der Gutsbesitzer (Antonia Schellert) anhimmelt. Sie wird in einer Ehe mit dem Lehrer Medewedjenko (Peter N. Ewert) unglücklich. Nina wendet sich Trigorin zu, will Schauspielerin werden und lässt Konstantin im Leid zurück. Nach Jahren – Konstantin hat die ersten Hürden zum Erfolg genommen – treffen er und Nina wieder aufeinander. Nina leidet in ihrer Beziehung mit Trigorin und am Scheitern ihrer Träume. Konstantins verzweifelte, neuerliche Avancen lehnt sie ab, woraufhin er sich erschießt.

Bruch mit den Sehgewohnheiten

Auf einem Holzsteg im Bühnenraum entsteht die Gartenbühne auf der Bühne. Das Publikum wird – aus der Perspektive des Sees – durch den weißen Vorhang auf die Akteure schauen und fast zufällig Zeuge des Geschehens, ein kleiner Bruch mit den Sehgewohnheiten. Beim Beobachten des Spiels wird deutlich, wie intensiv Tschechow sein Drama in vielen Einzeldialogen mit mehreren Bedeutungsebenen entwickelt. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind sehr präsent, „schlüpfen“ konzentriert in ihre Rollen, werden im Lauf des Spiels immer intensiver. Der ein oder andere Texthänger ist normal, schließlich ist in der Durchlaufprobe eine gewisse Nervosität und Anspannung vorhanden, denn Premiere ist in einer knappen Woche. „Ich habe gleich starke Textsicherheit gefordert“, erklärt Penndorf in der Pause nach dem zweiten Akt und freut sich, dass textlich alles glatt läuft.
Er habe sich zunächst schwergetan mit dem Stück, das ihm Pierre Stoltenfeldt (der spielt den Arzt Jewgenij Dorn) bereits seit Jahren vorgeschlagen habe. „Es war ein schwerer Text“, meint Penndorf, „und echt aufwendig, die Figuren zu ,knacken’.“ Mehrere Rollen hat er miteinander verschmolzen, der Verständlichkeit des Stücks schadet das keineswegs.

Der Raum als Symbol

Penndorf wird nachdenklich: „Es ist ein Spiel von Nähe und Distanz und ein Text, der sich ,versteckt’“, meint er dann. Er habe dies im zweiten Teil nach der Pause einzubauen versucht: Die Zuschauer werden nicht alles sehen können, was geschieht. Der Bruch mit den Sehgewohnheiten setzt sich hier fort: Beim Hinhören auf die Stimmen im „Off“ müssen die Bilder entstehen, die sich ans Bühnengeschehen anschließen können. Hier geht das Engagement der Akteure auf die Zuschauer über. Ein Chor wird zu hören sein und räumliche Distanz vermitteln, die – wie der große, immer neu zu überwindende Raum auf der Bühne selbst – symbolisch für die Entfernungen zwischen den handelnden Figuren steht. Eine traumhaft wirkende Tänzerin (konzentriert: Nika Zh) steigt anfangs aus einem Kokon aus, später aus Bühnennebel auf, verkörpert emotionale Bewegungen, mit einem Ende, das Konstantins Gefühle in ein heftiges Bild fasst.

Tschechows Drama als "gigantisches Puzzle"

Das intensive, stimmige Spiel ist vorbei, die Truppe sitzt zusammen. „So langsam wird ein Stück draus“, ist David Penndorf zufrieden, „das Ding ist ein gigantisches Puzzle aus kleinen Elementen, und dass das funktioniert, ist euch zu verdanken!“
Die einzelnen Bereiche werden abgefragt: Chor, Kostüme, Maske, Licht, Sound. Beobachtungen werden mitgeteilt, Veränderungen reflektiert, ein Maskenplan wird erstellt, für den Schuss muss ein neues, besseres Sound-File herbei. Die Schauspieler aber können aufatmen: „Spielerisch war alles cool“, lobt der Regisseur „seine“ Crew.
Szenische Einzelheiten werden besprochen – von der Umsetzung können sich Theaterinteressierte am Freitag, 17. Januar, ab 19.30 Uhr überzeugen und an neun weiteren Terminen bis Ende Januar.

Zweiter Akt des Dramas „Die Möwe“ von Anton Tschechow, viele der Tollmut-Ensemblemitglieder (v. l.: Charline Kindervater, Antonia Schellert, Peter. N. Ewert, Nika Zh, Pierre Stoltenfeldt und Andrea Küsel) haben einen Auftritt.
Regisseur David Penndorf schaufelte, wie seine  Kolleginnen und Kollegen des Tollmut-Ensembles auch, fleißig Kies, um den Bühnenraum des Bruchwerk-Theaters für die Inszenierung von Tschechows Stück "Die Möwe" vorzubereiten.
Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

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