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Heimischer Dichter Crauss erinnert sich an seine Begegnungen mit Friederike Mayröcker
„Sprecht mich zu Ende!“

Der heimische Dichter Crauss stand in regem Kontakt mit Friederike Mayröcker.
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sz Siegen. „Sprecht meine Sätze zu Ende! Sprecht mich zu Ende!“ So lautet der große Wunsch Friedrike Mayröckers in „Pathos und Schwalbe“, ihrem vorletzten Buch von 2018. In einem meiner eigenen Gedichte habe ich sie als Schamanin bezeichnet, die ihren eigenen Kosmos erschafft, aber darauf vertraut, dass die mit ihr am Lagerfeuer Sitzenden in die Proëme (eine Hybridform aus Gedichten und Fließtexten) einstimmen, sie fortspinnen und füllen mit eigenem Leben.
Mayröcker liebte das LebenDie Dichterin, die am Freitag gestorben ist, hat das Leben geliebt, bedauerte, kein Schildkrötenalter von 200 Jahren erreichen zu können, und hat sich verbunden gefühlt mit jüngeren Autoren.

sz Siegen. „Sprecht meine Sätze zu Ende! Sprecht mich zu Ende!“ So lautet der große Wunsch Friedrike Mayröckers in „Pathos und Schwalbe“, ihrem vorletzten Buch von 2018. In einem meiner eigenen Gedichte habe ich sie als Schamanin bezeichnet, die ihren eigenen Kosmos erschafft, aber darauf vertraut, dass die mit ihr am Lagerfeuer Sitzenden in die Proëme (eine Hybridform aus Gedichten und Fließtexten) einstimmen, sie fortspinnen und füllen mit eigenem Leben.

Mayröcker liebte das Leben

Die Dichterin, die am Freitag gestorben ist, hat das Leben geliebt, bedauerte, kein Schildkrötenalter von 200 Jahren erreichen zu können, und hat sich verbunden gefühlt mit jüngeren Autoren. Sie genoss den Austausch, sie genoss bis zuletzt ihre eigenen Auftritte und die Freude des Publikums an den wellenförmig dahingleitenden, sich immer weiter modulierenden Texten: Mayröcker hatte Lust am Lasziven!

Mayröcker "traute sich was"

Während ihre Stimme um die Jahrtausendwende und nach dem Tod ihres Gefährten Ernst Jandl schwach wirkte, wie man es von einer Frau erwartet, die auf die 80 zugeht, gewann sie bald das Herausfordernde zurück. Als sie 2017 bei den internationalen Erich-Fried-Tagen neue Lyrik las, hießen die Gedichte „Dann fielen wir uns um den Hals“ und „Ein Apfel Lust“. Die Stimme war kräftig, die Zuhörer begeistert, was die verehrte Alte sich traute.
Mayröckers Texte hatten von Beginn an etwas Magisches. Sie wurden unterschätzt, weil die Autorin auf ihrer Hermes-Baby-Schreibmaschine scheinbar bloß Biographisches mitstenographierte. Gerade aber die Lücken, die die Texte ließen, forderten den Leser auf, sie mit eigenem Leben zu füllen.

Erste Kontakte über Anthologie

 Mein erster Kontakt zur Dichterin etablierte sich Mitte der 1990er-Jahre, als die Siegener Literaturgruppe Aktion Musenflucht eine Anthologie plante, zu der ich die Fortsetzung eines Mayröcker-Poems beisteuern, das Leben des Gedichts also verlängern wollte. Was lag näher, als die Autorin zu bitten, auch das Original freizugeben? So entwickelte sich ein Briefwechsel, der teils darin bestand, dass ich ihr Postkarten in den Urlaub schickte, sie mir Strichzeichnungen zurück.
Erst Jahre später lernten wir uns persönlich kennen bei einem Tee in der Wiener Hauptgasse der Poesie. Christel Fallenstein hatte eingeladen, ohne deren intensives archivarisches Zutun manches Mayröckerbuch nicht zustande gekommen wäre. Fallenstein war auf Crauss aufmerksam geworden, so schloss sich der Kreis. Auch der Tresor, in dem neue Manuskripte über Nacht deponiert wurden, damit sie in den Papierbergen, die die Wohnung füllten, nicht verlorengingen, gehört wie viele weitere zu den Geschichten, die sich anknüpfen.

Ihr Wunsch: Lebendig an ihr Werk anschließen

Mayröcker ging es aber niemals um Legendenbildung. Deshalb sollten wir so lebendig wie möglich an ihr Werk anschließen, nämlich es lesen, uns wie am Lagerfeuer der Sprache austauschen darüber und es zu unserem eigenen machen, damit es nicht zu Ende, sondern weiter und immer weiter gesprochen wird.
Weitere Infos zum Austausch Mayröcker–Crauss: https://verlagshaus-berlin.de/so-muessen-gedichte-in-deutschland-heute-sein/

Infos zum Dichter Crauss:

Crauss ist Kulturpädagoge und Dichter. Er wurde Mitte der 1990er-Jahre durch neue, produktive Verfahren in der Lyrik einem breiteren Publikum bekannt, mit wichtigen Stipendien gefördert, mit Literaturpreisen ausgezeichnet, und seine Dichtung wurde in mehr als zehn Sprachen übersetzt. Infos: www.crauss.de.

Der Text stammt vom heimischen Dichter Crauss.

Autor:

Redaktion Kultur

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