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Sophia Grüdelbach: Fragen an ihren Berufszweig
Standortbestimmung

Die in Siegen geborene Theaterpädagogin Sophia Grüdelbach tritt für eine stärkere, selbstbewusste Reflexion ihres Berufsstandes ein.
  • Die in Siegen geborene Theaterpädagogin Sophia Grüdelbach tritt für eine stärkere, selbstbewusste Reflexion ihres Berufsstandes ein.
  • Foto: privat/Christian Branscheidt
  • hochgeladen von Claudia Irle-Utsch (Redakteurin)

pebe Siegen/Osnabrück. Lockdown, maximal reduzierte Öffentlichkeit – Covid-19 zwingt die Gesellschaft zum Innehalten. Für den Theaterbetrieb in Deutschland bedeutet dies, wie bereits berichtet, auch eine existenzielle Zäsur, von der alle Sparten betroffen sind – darunter die Theaterpädagogik. Die SZ erörtert dies im Gespräch mit der Theaterpädagogin und angehenden künstlerisch-systemischen Therapeutin Sophia Grüdelbach. Sie arbeitet seit 2016 am Theater Osnabrück und leitet dort das „Theater der Generationen“. Ihr Berufsfeld bewegt sich zwischen den Bereichen Theater und Pädagogik, von Schultheater und Sozialer Arbeit bis hin zur Entwicklung eines intensiveren Kontakts zwischen Theater und Publikum.

pebe Siegen/Osnabrück. Lockdown, maximal reduzierte Öffentlichkeit – Covid-19 zwingt die Gesellschaft zum Innehalten. Für den Theaterbetrieb in Deutschland bedeutet dies, wie bereits berichtet, auch eine existenzielle Zäsur, von der alle Sparten betroffen sind – darunter die Theaterpädagogik. Die SZ erörtert dies im Gespräch mit der Theaterpädagogin und angehenden künstlerisch-systemischen Therapeutin Sophia Grüdelbach. Sie arbeitet seit 2016 am Theater Osnabrück und leitet dort das „Theater der Generationen“. Ihr Berufsfeld bewegt sich zwischen den Bereichen Theater und Pädagogik, von Schultheater und Sozialer Arbeit bis hin zur Entwicklung eines intensiveren Kontakts zwischen Theater und Publikum. Direkter Kontakt, Gruppendynamik, Einzelarbeit – all dies ist zurzeit jedoch nicht möglich: Grenzerfahrung im Beruf, aber auch Anfrage an dessen Struktur und Zielsetzungen. Die 28-Jährige, die in Siegen geboren wurde und aufgewachsen ist und im Apollo dauerhaft fürs Theater begeistert wurde, nennt grundsätzliche Anfragen an den Wert der theaterpädagogischen Arbeit.

"Theater der Generationen"

Am Anfang steht ihre Sorge um dieArbeitsmöglichkeiten: Derzeit befinde sie sich in Kurzarbeit, berichtet sie, die Hauptadressaten ihrer Arbeit – über 40 Schulen, mit denen das Theater kooperiert – kämen „bis zum Sommer“ nicht ins Haus, auch das Kinder- und Jugendtheater entfalle. Mit ihrem „Theater der Generationen“, das sich an Theaterbegeisterte fast aller Altersstufen richtet, versucht sie weiterhin in Kontakt zu bleiben, aber Videochats sind ein nur vorläufiger Ersatz für den direkten Austausch und Umgang miteinander. Dennoch nutzten die Gruppe und sie auch die virtuellen Möglichkeiten für Treffen und Proben. „Es ist schon eine Riesenerleichterung, dass wir nicht ins Nichts hinein arbeiten“, betont Grüdelbach. Allerdings sieht sie ein Gefälle zwischen den Auftritten im Netz und der „analogen“ Theaterarbeit. „Alle sind jetzt im Netz sehr schnell aktiv geworden, es macht den Eindruck, als gebe es eine Angst, nicht mehr gesehen und damit vergessen zu werden.“ Online-Angebote könnten ein vorläufiges Zusatzformat sein, um auch ein anderes Publikum zu erreichen, aber dieses Medium „kann nicht das Theater ersetzen“. Denn, so sagt sie, „der Ort Theater als geschützter Raum einer
Inszenierung“ und der Entfaltung der Rollen, der falle im Netz weg – mithin also der Vorstellungs-Raum in doppelter Bedeutung, in dem sich Möglichkeitswelten aufbauen und auf ihre Aussagekraft und Bewährung hin überprüft werden.

Was hat Systemrelevanz?

In der Krise, sagt die 28-Jährige, mache immer wieder der Begriff der „Systemrelevanz“ die Runde: Welche Gruppen sind wichtig für den Erhalt des Systems, wo soll und muss gearbeitet werden? Eine Frage, die sie umgemünzt hat. Das „Abschalten“ der Theaterarbeit sei für sie ein Moment des Innehaltens geworden: „Mir wurde klar: Meine eigentliche Arbeit kommt zum Erliegen.“ Mit einem Mal „wurden Kultur, Religion, Versammlungsfreiheit und andere Formen des demokratischen Miteinanders für verzichtbar erklärt“ – eine existenzielle Anfrage auch an die Kunst. Denn, so sagt sie, bei dieser Form des biografisch orientierten Theatermachens sei das„gestalterische Tun“, mit dem die beteiligten Menschen ein Stück mehr zu sich selbst gebracht und in ihrer Authentizität gestärkt würden, das „Herz“ der Arbeit. Und dem habe man das Schlagen untersagt.

"Künste im Sozialen": aktuelle Fragen

Sie sehe die theaterpädagogische Arbeit noch einmal neu in ihren Aufgaben und Möglichkeiten. „Dieser Bereich der Theaterarbeit müsste dringend entstaubt werden“, überlegt sie. Die „Künste im Sozialen“ stellen für sie die aktuellen (sozialen) Fragen. Theaterarbeit sei daher „die sozialste Form der Kunst: Sie kann nie allein stattfinden und braucht immer ein Gegenüber“. Wenn die Spielleitung davon ausgehe, dass in jedem Menschen etwas innewohne, das es wert sei zu zeigen – gleich ob in der generationsübergreifenden Arbeit oder mit Menschen im Strafvollzug –, sei dies schon fast ein politischer Gedanke, der nicht nur die eigene Haltung überprüfe, sondern auch die Wirksamkeit jedes Einzelnen beleuchte.

Wie verändert die Krise das Theater?

Aber immer noch müssten Theaterpädagoginnen und -pädagogen sich rechtfertigen für ihre Arbeit und erklären, warum diese wichtig sei – über die Kinder- und Jugendarbeit hinaus. Woher kommt das? Das habe mit der eingegrenzten Wahrnehmung der Theaterpädagogik zu tun, meint Grüdelbach und mit einer falschen Bescheidenheit der Protagonisten. „Es gibt einfach einen Unterschied zwischen der ästhetischen Performance und der Arbeit mit nicht professionellen Darsteller/innen, auch wenn die Theaterpädagogik beides miteinander verknüpft.“ Die ästhetische Vermittlung sei wichtig, sie lerne sich nicht von selbst, aber auch die Begleitung von Menschen auf dem Weg von der inszenierten Wahrnehmung (ästhetische Arbeit) zur bewussten Selbst-Erfahrung (pädagogische Arbeit) sei wichtig. Für die Spielleitung stehe das sensible Führen im Vordergrund, es sei partizipatorisch angelegt. „Dieses Führungsprinzip darf gerne bestehende Hierarchien beeinflussen“, sagt sie schmunzelnd.Gerade in Corona-Zeiten werde „hektisch“ überlegt, wie denn Theater aussehen solle und wie es sich durch die Krise verändert. „Da kommen wir ins Spiel, der gesamte künstlerische Betrieb, die Kolleginnen und Kollegen aus der freien Szene und das Publikum. Also sollten wir auch die fragen, für die wir das alles machen. Die Frage darf jetzt nicht ausschließlich in der Politik beantwortet werden.“

Wunsch: stärke Reflexion

Das Theater müsse sich verändern lassen von denen, die es rezipieren: „Was wollen die sehen und besetzen? Welche Themen sind wichtig?“ Weil die Theaterpädagogik auch „an den Rändern“ arbeite, komme sie mit vielen Menschen und deren Lebenswirklichkeiten in Kontakt. Dies wiederum könne eine große Chance zur Mitgestaltung sein. Um diese Aufgabe bewältigen zu können, brauche es interdisziplinäre Formate, bei der die Theaterpädagogik nicht vergessen werden dürfe. Gleichzeitig wünsche sie sich eine stärkere Reflexion ihres Berufsstandes selbst. „Was machen wir? Wo sehen wir den Wert unserer Arbeit? Wo stehen die einzelnen? Wo können wir uns vernetzen und voneinander lernen?“

Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

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